100 km von Millau: Stéphanie Gicquel und Benjamin Polin im Rekordmodus
Bei der 53. Ausgabe der 100 km von Millau sorgten Stéphanie Gicquel (8:02:34) und Benjamin Polin (6:19:18) für ein außergewöhnliches Rennen und pulverisierten die Streckenrekorde. Zwischen eisiger Morgenkälte, den knackigen Anstiegen am Col de Tiergues und der einzigartigen Atmosphäre des Aveyron zeigte Millau einmal mehr, warum der Lauf als Mekka der 100-km-Szene gilt.
Es ist 10 Uhr, als sich das Feld an diesem Samstag, dem 27. September, auf der Avenue Jean-Jaurès in Bewegung setzt. Das Thermometer zeigt gerade einmal drei Grad. Viele laufen mit Handschuhen, bei manchen steigt mit jedem Atemzug eine kleine Dampfwolke auf. Der Temperaturunterschied zum Vortag ist frappierend, doch in Millau gehört das zum Spiel: Große Temperaturspannen sind Teil der Kulisse. Und wie so oft wissen die Läufer, dass dies nur der Auftakt ist. Im Laufe des Tages wird die Sonne die langen Geraden in Richtung Saint-Affrique aufheizen.
Am Streckenverlauf der 100 km von Millau hat sich nichts geändert: Zunächst geht es flüssig am Tarn entlang, danach wird die Strecke ab etwa Kilometer 20 welliger. Nach der Unterquerung des Viadukts wartet der anspruchsvollste Abschnitt: der Col de Tiergues mit seinen bis zu acht Prozent Steigung, der zweimal bewältigt werden muss. Insgesamt kommen knapp 1.200 Höhenmeter zusammen. Ein Straßen-Ultralauf zwar, vom Profil her aber durchaus eines Bergmarathons würdig.
Stéphanie Gicquel so schnell wie nie
Sie gehörte bereits zum Kreis der prägenden 100-km-Läuferinnen. Doch am Samstag machte Stéphanie Gicquel den nächsten gewaltigen Schritt. In 8:02:34 verbesserte die Läuferin aus Carcassonne ihre 2023 an gleicher Stelle erzielte Zeit um 19 Minuten (8:21:34). Auf diesem Niveau ist das ein enormer Sprung und bestätigt ihren kontinuierlichen Aufstieg der vergangenen zwei Jahre. Der Schlüssel zu dieser Leistung lag im perfekten Umgang mit den Bedingungen. Um der Kälte am Start entgegenzuwirken, hatte die Spezialistin für lange Distanzen vorgesorgt: mit Handschuhen und eiskalten Handtüchern um Hals und Handgelenke. Ein zunächst paradox wirkender Kontrast, der ihr von den ersten Kilometern an eine „Frischezone“ verschaffte, mit Blick auf die später erwartete Hitze.
Der einzige Wermutstropfen waren Magenprobleme, die durch das zu Beginn getrunkene eiskalte Wasser ausgelöst wurden. Eine Kleinigkeit, die ihren Tag hätte ruinieren können. Doch sie hielt durch, und mehr noch: Auf den letzten zehn Kilometern legte Gicquel noch einmal zu wie eine Marathonläuferin in Bestform. Vier Minuten pro Kilometer, stellenweise 3:47 Minuten, nach mehr als 90 Kilometern in den Beinen. Ein surrealer Laufrhythmus, der die Zuschauer entlang des Zieleinlaufs elektrisierte. Dieser neue Rekord fügt sich in eine beeindruckende Entwicklung ein: Drei Monate zuvor hatte die gelernte Anwältin und Schriftstellerin noch den Ultra Marin in Vannes gewonnen. Und im vergangenen Winter hatte sie in Phoenix den 24-Stunden-Weltrekord auf der Bahn gebrochen (249,126 km im Dezember 2024).
Die französische Nummer eins im Ausdauerlauf, die außerdem die französischen Rekorde über 24 Stunden auf der Straße (253,6 km) und über 100 Meilen (14:17:00) hält, gehört damit zum erlesenen Kreis der Athletinnen und Athleten, die vier große Ultra-Trails gewonnen haben, also 100-Meilen-Rennen mit mehr als 1.500 Startern. In dieser Hinsicht steht sie Kilian Jornet und François d’Haene beim UTMB in nichts nach. Millau bestätigt lediglich, dass sie inzwischen in einer anderen Liga läuft.
Benjamin Polin, ein Rekord aus einer anderen Zeit
Bei den Männern war klar: Die Ausgabe 2025 würde einen Wendepunkt markieren. Dass Benjamin Polin (31) jedoch so einschlagen würde, war vielleicht nicht zu erwarten. In 6:19:18 löschte der zweifache französische Meister über 100 km (2022 und 2023) und zweifache französische Marathonmeister (2024 und 2025) die legendäre Zeit von Jean-Marc Bellocq aus den Bestenlisten. Dessen 6:28:31 hatte seit 1990 Bestand. 35 Jahre Geschichte hinweggefegt an einem Morgen im Aveyron.
Angekündigt war ein Duell auf Augenhöhe mit Gabriel Noutary (am Ende Zweiter in 6:52:46). Doch Polin, der abseits seines Ultra-Läuferlebens bei einem regionalen Stromversorger arbeitet, schlug früh ein unerbittliches Tempo an. Ab Kilometer 50 wuchs der Abstand, später wurde er gewaltig. Das Rennen kippte in eine Solovorstellung, in der jeder Schritt die Überlegenheit des neuen Spitzenmanns bestätigte. Kein Einbruch, kein Zögern: eine chirurgisch präzise Renneinteilung bis zum Triumph im Zentrum von Millau.
Mit dem Bruch dieses mehr als drei Jahrzehnte alten Rekords hebt der WM-15. über 100 km von 2024 in Indien seine Karriere auf eine neue Stufe. Der Läufer aus den Vogesen gehört nun zum kleinen Kreis jener Athleten, die die Grenzen eines legendären Rennens verschieben können, eines Rennens, das so viele Ultralaufkarrieren geprägt hat. Hinter den beiden setzte sich der Lokalmatador Lucas Gaquière in 7:04:09 auf den dritten Platz.
Der Marathon als Gruß an die 100-Kilometer-Läufer
Parallel zu den 100 km bot auch der hoch angesehene Marathon von Millau reichlich Spannung und starke Leistungen. Simon Dubocage teilte seine Kräfte auf den 42,195 Kilometern klug ein. Der Läufer aus Millau, der den Tarnschluchten und den markanten Passagen unter dem Viadukt treu blieb, setzte sich nach und nach von seinen Konkurrenten ab und überquerte die Ziellinie nach 2:34:39. Ein krönender Abschluss seiner Karriere, inklusive Streckenrekord.
Bei den Frauen überraschte Coralie Blanchard alle und absolvierte ihren ersten Marathon in 2:58:40. Damit lief sie die schnellste Zeit in der Geschichte des Frauenmarathons und bestätigte, dass Millau ebenso ein Ort für Entdeckungen wie für Legenden ist. Die Strecke, trotz ihres Rufs als „flach“ anspruchsvoll, stellte das Energiemanagement auf die Probe: Lange Geraden, ansteigende falsche Ebenen und technisch zu laufende Abstiege erforderten Konzentration und vorausschauendes Handeln. Die Marathonläufer teilten die einzigartige Atmosphäre von Millau mit den 100-km-Läufern, kreuzten ihre Anfeuerungsrufe und ließen sich von der gemeinsamen Energie tragen.
Jenseits der Zeiten bleibt Millau ein gemeinsames Abenteuer. Wer nach sechs Stunden ins Ziel kommt, durchquert dieselben Anstiege, passiert dasselbe Viadukt und kämpft mit denselben Zweifeln wie jemand, der 15 Stunden unterwegs ist. Die beißende Kälte am Start, die drückende Hitze in Saint-Affrique, die endlose falsche Ebene vor dem Abstieg zurück nach Millau: All das gehört zum Erlebnis.