Von den Griechen zu den Hippies: die Geschichte des Joggens

Von den Griechen zu den Hippies: die Geschichte des Joggens

CP
Von Charles-Emmanuel Pean

Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026

Aktualisiert am Mi., 9. September 2026

Wann wurde aus dem Laufen der Antike das Joggen, dem heute weltweit mehr als eine halbe Milliarde Menschen nachgeht, in Frankreich allein über 12 Millionen? Wir werfen einen Blick zurück. Oder besser: über die Schulter.

Die Legende von Philippides, jenem griechischen Boten, der angeblich 40 Kilometer lief, um seinen Fürsten den Sieg der Griechen über die Perser zu verkünden, ist bis heute überliefert. Viele Historiker widersprechen dieser Darstellung allerdings, vermutlich handelt es sich um einen Mythos. Nicht mythisch ist dagegen, dass das Laufen bereits in der Antike seinen festen Platz hatte. Vermutlich wurde es in Ägypten, Asien, Irland und Griechenland praktiziert, unter anderem bei religiösen Festen. Die Götter durch die Verehrung des Körpers ehren. Einer Überlieferung zufolge soll auch Pythagoras neben seiner Bedeutung als Gelehrter ein anerkannter Athlet gewesen sein. Später wurde sportliche Betätigung von der katholischen Kirche geächtet, die der Entwicklung und dem Wohlbefinden des Körpers weit weniger zugeneigt war als die Griechen.

Im 19. Jahrhundert taucht die Figur des Läufers bei den angelsächsischen Aristokraten wieder auf, in den breiteren Bevölkerungsschichten ist vom Laufen jedoch noch immer keine Spur. Der Aufstieg der olympischen Bewegung im 20. Jahrhundert und die Entwicklung der Medien, zunächst Zeitungen, später das Fernsehen, dürften dazu beigetragen haben, das Bild des Läufers in den westlichen Gesellschaften zu verbreiten. In den 1950er-Jahren laufen allerdings weiterhin nur Athleten und Soldaten. Auch der Aufstieg eines Sportlers wie Alain Mimoun reichte in Frankreich noch nicht aus, um die breite Bevölkerung zum Laufen zu bringen.


Dann kamen die Hippies …

Ende der 1960er-Jahre braut sich auf der anderen Seite des Atlantiks dennoch etwas zusammen. Junge Leute, Frauen wie Männer, laufen durch Parks und Städte, während Passanten ihnen verblüfft hinterherschauen. Noch heute findet man Zeitungsberichte über Zwischenfälle mit „Runners“, die überall in den USA als „Weirdos“, also als seltsame Menschen, bezeichnet wurden. In der Dokumentation „Free to run“ des Schweizers Pierre Morath, die auf diese Pionierzeit zurückblickt, berichten Läufer, dass sie lieber nachts unterwegs waren, um den Blicken anderer zu entgehen. Doch was musste geschehen, damit dieses Phänomen in den USA entstehen konnte?

Die Geschichte mit großem H ist immer eine Summe mehr oder weniger zufälliger Ereignisse. So lernte Bill Bowerman 1962 während einer Reise nach Neuseeland die Trainingsmethoden des Trainers Arthur Lydiard kennen, der ein Programm für Crossläufer entwickelt hatte. Inspiriert oder visionär: Der spätere Nike-Gründer kehrte in die USA zurück und veröffentlichte 1967 das Buch „Jogging: a physical fitness program for all ages“ (Joggen: ein Fitnessprogramm für jedes Alter). Das Buch wurde zum Bestseller, und die Popularität des Joggens nahm weiter zu. Der Sieg des US-Amerikaners Frank Shorter beim Marathon der Olympischen Spiele 1972 in München sowie das Phänomen Steve Prefontaine, der auf dem Beispielfoto zu sehen ist und bis heute als einer der größten US-amerikanischen Langstreckenläufer gilt, machten das Laufen in dieser Zeit endgültig populär.

Der Durchbruch

Auch die Tabus rund um den Frauensport, genährt von religiöser Macht und patriarchalen Strukturen, gerieten mit dem Running ins Wanken. Nach Kathrine Switzer, der ersten Frau, die 1967 offiziell an einem Marathon teilnahm, jenem in Boston, begannen Frauen zu laufen, sehr zum Ärger der „Verklemmten“. Körper und Seele befreien: Running passte perfekt in die 1970er-Jahre. Olivier Bessy, Sportsoziologe und Autor des Buches „Courir de 1968 à nos jours“, beschreibt diesen Wandel im Frankreich nach dem Mai 1968 so: „Die Vorstellung, die mit Ausdauerläufen verbunden wird, ist von der Härte, Strenge und Askese dieser Praktiken geprägt, die mit der militärischen Geschichte der Disziplin zusammenhängen. Das Laufen emanzipiert sich aus seinem Wettkampfkorsett, angestoßen von neuen Akteuren und Einsteigern, die weniger um den Wettkampf als um den Freizeitsport bemüht sind und neue Formen des Laufens erfinden.“ Das Laufen ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Man läuft, um Leistung zu bringen, inzwischen aber auch wegen des Laufgefühls, des Miteinanders und der Verbundenheit mit der Natur …

Geschichte des Joggens

Diese neue Art zu laufen, die zugleich ein Fest ist, verkörpert der 1970 ins Leben gerufene New-York-Marathon auf perfekte Weise. Ursprünglich ein bescheidenes Rennen im Central Park, gewann der Lauf 1976 unter dem visionären Fred Lebow eine gewaltige Breitenwirkung, als die Strecke auf alle Stadtbezirke des „Big Apple“ ausgeweitet wurde. In den 1980er-Jahren ließ die Explosion der Laufveranstaltungen rund um den Globus das Laufen endgültig Teil der populären Massenkultur werden. In Europa trug auch das Magazin Spiridon, benannt nach dem ersten Marathon-Sieger Spyrídon Loúis, dazu bei. Die 1972 von Noël Tamini und Yves Jeannotat gegründete Zeitschrift demokratisierte das Laufen im selben freiheitlichen Geist wie die amerikanischen Pioniere.


Das Motto des Magazins? „Lauft alle mit uns“. Man kann sagen: Die Botschaft ist angekommen …