Am Start eines Rennens sieht man oft Läuferinnen und Läufer: bereit, fokussiert, entschlossen, alles rauszuhauen. In diesem Pulk kann dir auch Lars Bosselmann begegnen, Laufschuhe an den Füßen und genauso motiviert. Lars ist blind. Bis auf dieses eine Detail ist er ein Läufer wie alle anderen, nur dass dieses Detail alles verändert. Für den Späteinsteiger ist der fehlende Sehsinn aber längst kein Bremsklotz: Er reiht eine Herausforderung an die nächste, besonders über die Königsdisziplin. Eine Geschichte, die inspiriert und Lust macht, jeden Schritt noch bewusster zu feiern.
Laufen als neuer Atem
Der Sportler ist jenseits der französischen Grenzen geboren, auf deutschem Boden. Erst seit einigen Jahren hat er sich entschieden, in der französischen Hauptstadt Fuß zu fassen. Neben seiner Leidenschaft fürs Laufen arbeitet er als Exekutivdirektor der Europäischen Blindenunion.
Mit über 40, und obwohl er schon immer Sport gemacht hat, vor allem Rudern, hat dieser Enthusiast die Ruder gegen Laufschuhe getauscht. Auch wenn es stimmt: Manchmal hat man beim Laufen das Gefühl, man müsste wieder rudern, besonders am 30. Kilometer eines Marathons! Spaß beiseite: Seine Liebe zum Laufen entstand in Brüssel bei seinem ersten Rennen 2019. « Ich bin bei den 20 km de Bruxelles, einem fast schon mythischen Lauf, einem prägenden Ereignis im lokalen Leben », erzählt er. Diese erste Startnummer war der Auftakt zu einer Liste, die seitdem immer länger wird, genauso wie die zurückgelegten Distanzen.
Die Königsdisziplin als Kompass
Wie bei vielen Hobbyläufern nimmt irgendwann auch bei ihm der Gedanke an die Königsdisziplin Platz im Kopf ein. Und welche Bühne wäre symbolträchtiger als der Marathon de Paris , um in die große Familie der Marathonfinisher aufgenommen zu werden? 2021 wollte der ehemalige Ruderer sich die begehrte Finishers-Medaille holen. Es gab einige Hürden, weil die Veranstaltung wegen Covid verschoben wurde. Doch Ende gut, alles gut: Der letztlich auf Oktober verlegte Marathon wurde vom Neo-Marathonläufer und seinen drei Guides souverän gefinisht.
Eine Vertrauensbeziehung
Für blinde Menschen wie diesen Athleten läuft man einen Marathon, oder eigentlich jedes Rennen, zu zweit. Zwei Herzen schlagen, vier Beine laufen und ein gemeinsamer Rhythmus muss gefunden werden. Doch bevor dieser gemeinsame Rhythmus überhaupt entstehen kann, braucht es erst einmal den passenden Partner. Und das ist schon fast eine Marathonaufgabe für sich. Für jede Trainingseinheit muss der Läufer begleitet werden. Er kann nicht spontan eine Einheit verschieben oder abends statt morgens laufen, weil immer jemand dabei sein muss. Genau hier liegt die größte Herausforderung für diesen erfahrenen Sportler. Es verlangt viel Anpassung und auch eine hohe Disziplin.
Trotzdem bewegt sich etwas: Seit er mit dem Laufen begonnen hat, sieht er, wie Lösungen entstehen, zum Beispiel die App « My Binôme ».
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Sehr wichtig ist die Vertrauensbeziehung, denn wie bei jeder Vertrauenssache gibt es Menschen, mit denen es einfacher ist als mit anderen. Es gibt auch eine Art, zusammen zu laufen: Schrittfrequenz, Tempo, das begünstigt bestimmte Duos.
Diese App bringt Menschen mit Behinderung mit Ehrenamtlichen zusammen, die sie in verschiedenen gemeinsamen Sportarten begleiten.
Ein Beispiel für Mut und Inspiration
Heute, mit einer persönlichen Bestzeit von 3:52 Stunden aus Hamburg und neuen Zielen im Kopf, etwa seinem allerersten Triathlon, zeigt dieser Marathonläufer, dass eine Behinderung niemals die Grenzen eines Traums bestimmen muss. Mit seinen gemeinsamen Kilometern liefert er eine echte Lektion in Sachen Durchhaltevermögen und Vertrauen in andere. Sein Weg erinnert daran, dass jenseits von Hindernissen, Zweifeln und der berühmten Mauer bei Kilometer 30 das Entscheidende der Mut ist, loszulaufen und die Ziellinie zu überqueren. Ein schöner Beweis dafür, dass Sportleidenschaft kein Augenlicht braucht, um sich voll zu entfalten.
Für Leserinnen und Leser, die noch tiefer in Lars’ Geschichte und Werdegang eintauchen möchten, gibt es zwei Bücher von ihm: « La vie, ça bouge ! » und « Tenir la distance : La magie du Marathon ».
➜ Wenn Sie tiefer einsteigen möchten: Entdecken Sie das Buch « Tenir la distance »