Warum ist der Chicago Marathon so schnell?
© Bank of America Chicago Marathon

Warum ist der Chicago Marathon so schnell?

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Di., 8. September 2026

Aktualisiert am Di., 8. September 2026

Wenn Europa Valencia und Berlin hat, haben die USA Chicago. Jedes Jahr im Oktober zieht die Windy City Zehntausende Läuferinnen und Läufer aus aller Welt an, mit nur einem Gedanken: eine neue Bestzeit auf einem der schnellsten Kurse der Welt. Klar, man kommt auch für den Stern auf der prestigeträchtigen Major-Serie, aber vor allem geht es um die Uhr. Denn so mythisch New York und Boston auch sind: In Sachen Tempo kommt keine der beiden an Chicago heran. Der Kurs ist flach, schnell und trotzdem warten, wie wir gleich sehen werden, ein paar sehr reale Fallen auf alle, die ohne Plan losziehen. Was macht Chicago also so rasend schnell? Ein Blick auf Geschichte und Strecke des Chicago Marathon.

Eine Institution, die zweimal geboren wurde (1905 und 1977)

Die Geschichte von Chicago und dem Marathon ist alles andere als neu, sie reicht über 120 Jahre zurück. Als die Marathon-Distanz noch nichts Offizielles hatte, organisierte der lokale „Illinois Athletic Club“ 1905 seinen ersten Marathon. Damals war das Rennen rund 40 km lang (25 miles). Erst 1908, nach den Olympischen Spielen in London, wurde die Standarddistanz von 42,195 km festgelegt. Davor hatte jeder Marathon seine eigene Länge, und die Strecke in Chicago hatte mit der heutigen Runde mit Start und Ziel im Grant Park noch nichts zu tun.

Dieses Rennen verschwand Anfang der 1920er-Jahre, bevor der moderne Marathon schließlich am 25. September 1977 in die Windy City zurückkehrte, unter dem Namen Mayor Daley Marathon (als Hommage an Bürgermeister Richard J. Daley). Damals standen 4.200 Läuferinnen und Läufer am Start, 2.128 finishten, und gewonnen wurde in 2:17:52 (Dan Cloeter) und 2:50:47 (Dorothy Doolittle). Heute hat das Rennen eine ganz andere Dimension. Das Event ist global geworden, nimmt einen zentralen Platz in der Running-Welt ein und gehört zu den berühmten World Majors. 2026 steht die 48. Ausgabe an, mit über 55.000 erwarteten Teilnehmenden. Der Lauf ist längst ein Pflichttermin für alle, die in einer großen US-Metropole ein unvergessliches Lauferlebnis suchen und gleichzeitig auf diesem ultraschnellen Kurs eine neue Bestzeit angreifen wollen.

Chicago und die Abbott World Marathon Majors

Der Chicago Marathon gehört seit der Gründung der World Marathon Majors am 23. Januar 2006 dazu, zusammen mit Boston, London, Berlin und New York, den fünf historischen Gründungsmitgliedern dieses prestigeträchtigen Zirkels. Tokyo stieß erst 2013 dazu, Sydney 2025 und Cape Town zuletzt, womit es heute acht Majors gibt. Wer seit Tag eins zu diesem Klub gehört, hat sich seinen Ruf natürlich verdient. Chicago bringt gleich mehrere Trümpfe mit: eine schnelle Strecke und Major-Status. Für Läuferinnen und Läufer bedeutet das ein riesiges Prestige, ein Event mit minutiöser Logistik und die höchsten Organisationsstandards von World Athletics (Platinum Label). Auch deshalb stehen hier Jahr für Jahr die besten Athleten der Welt an der Startlinie.

Doch die Majors sind nicht nur Elite-Bühne. Es ist auch, vielleicht sogar vor allem, ein echtes Running-Erlebnis für Zehntausende Amateure weltweit, die am selben Tag exakt die gleiche Strecke laufen, nur wenige Minuten hinter den besten Marathonläufern der Welt. Der heilige Gral ist für viele die Six Star Medal, die alle erhalten, die die sechs historischen Majors finishen (Ende 2025 hatten sie weltweit bereits über 23.000 Läuferinnen und Läufer). In Chicago ist diese Volksfest-Atmosphäre spürbar, und das Rennen gehört zu den fünf größten Marathons der Welt: jedes Jahr Hunderttausende Bewerbungen für rund 55.000 Startplätze. Laufverrückte aus allen Ländern, die einen außergewöhnlichen Tag erleben wollen und hier nicht selten mit einer neuen Bestzeit nach Hause fahren. Warum das so ist, erklären wir jetzt.

Flache Strecke, ideales Wetter und ein dichtes Feld: Chicago ist wie gemacht für Rekorde, trotz ein paar Fallen, die man einplanen sollte.© Abbott World Marathon Majors

Warum ist Chicago so schnell?

Höhenmeter : Kommen wir direkt zur Sache. Um die Schnelligkeit eines Kurses zu bewerten, schaut man als Erstes auf die kumulierten Höhenmeter bergauf über die gesamte Distanz. In Chicago sind es nur 74 m auf 42,195 km. Anders gesagt: flach wie ein Brett. Das überrascht nicht: Chicago, die drittgrößte Stadt der USA, liegt am Ufer des Lake Michigan auf einem ehemaligen, eiszeitlichen Seeboden, so eben wie ein Billardtisch. Ein Blick aus einem der Wolkenkratzer reicht, um zu sehen: am Horizont kein Hügel, nirgends.

Die Strecke : Der Kurs schlängelt sich in einer großen, geschlossenen Runde durch die Stadt, Start und Ziel im Grant Park liegen praktisch auf gleicher Höhe. Lange Geraden, breite Straßen, insgesamt nur rund 20 Kurven (oft ist es bei Marathons dieser Größe eher das Doppelte): Das ist ein echter Boulevard und ideal, um konstant zu laufen, ohne die vielen Antritte und Tempowechsel, die schwierigere Strecken erzwingen.

Das Wetter : Es spielt fast eine ebenso entscheidende Rolle wie der Streckenverlauf. Chicago läuft man am zweiten Sonntag im Oktober, bewusst gewählt für kühle und normalerweise stabile Temperaturen ... normalerweise. Denn die Geschichte zeigt: Garantien gibt es keine. 2007 zwang eine Rekordhitze (31 °C, Höchstwert der Veranstaltung) die Organisatoren, das Rennen mitten drin abzubrechen. Auch 2021 gab es eine sonnige Episode mit Temperaturen zwischen 21 und 26 °C. Ja, in Chicago ist das Wetter meist gut und leistungsfreundlich (etwa 10–15 °C), aber sicher ist nichts, selbst auf einem der schnellsten Kurse der Welt.

Rennanalyse, Abschnitt für Abschnitt

Chicago ist auch ein Lauf voller Geschichten und echter Seele, der die Läuferinnen und Läufer durch die Stadtviertel trägt. Der Start im Grant Park, nach der Nationalhymne mitten im Loop, hat etwas von einer amerikanischen Show: Man sammelt sich nur ein paar Schritte vom Cloud Gate („The Bean“) entfernt, bevor es zwischen den Wolkenkratzern des Loop losgeht, begleitet vom Jubel Hunderttausender entlang der Strecke. Die Stimmung ist von Beginn an so dicht und laut, dass die Falle real ist: sich von der Euphorie mitreißen zu lassen und viel zu schnell anzulaufen. In Chicago gilt die goldene Marathonregel noch mehr als anderswo: ruhig starten und nicht überdrehen.

Danach geht’s durch 29 Viertel, eines authentischer als das andere: von der elektrischen Atmosphäre in Boystown über die Düfte von Little Italy und Pilsen bis zum Folklore-Flash in Chinatown, wo Trommeln und das berühmte „Chinatown Gateway“ einen der markantesten mentalen Wendepunkte des Rennens setzen. Trotz der Größe des Events gibt es auch stille Momente. Nach der Halbmarathonmarke entfernt sich der Kurs vom Zentrum, und die Menge wird plötzlich deutlich dünner. Ein gefürchtetes Loch für alle, die hier schon gelaufen sind, in dem der Kopf manchmal mehr zählt als die Beine. Und dann kommt die Wende: zurück Richtung Downtown, mit Blick auf die Skyline und die Willis Tower-Silhouette, die wieder am Horizont auftaucht. Das Zeichen: Das Ziel ist nicht mehr weit.

Abschnitt

Kilometer

Viertel

Key Facts

Start

0-2

Grant Park, The Loop

Start nahe Cloud Gate („The Bean“), die Hochhäuser stören das GPS-Signal, Riverwalk, Wrigley Building. Höchster Punkt der Strecke schon bei km 5–6. Extrem viel Stimmung mit der berühmten „Wall of Sound“, Feld sehr dicht. Risiko Nr. 1: zu schnell anlaufen.

Norden

3-13

River North, Gold Coast, Old Town, Lincoln Park, Lakeview, Wrigleyville

Lincoln Park Zoo, starke Stimmung in Wrigleyville, dem Viertel der Cubs. Old Town kann je nach Tageswetter windanfällig sein.

Boystown

13-15

Northalsted (Boystown)

Einer der lebhaftesten Abschnitte: Bands, viele Zuschauer, durchgehende Energie.

Zurück ins Zentrum

15-21

Bucktown, Wicker Park/West Town, Ukrainian Village/East Village

Der Kurs führt wieder Richtung Downtown; die Hochhäuser stören erneut das GPS-Signal der Uhr. Lebhafte, laute Halbmarathon-Zone nahe des Flusses.

Raus aus dem Loop

21-26

West Loop, Greektown, Little Italy/University Village, Pilsen

Hier entscheidet sich, ob die Nummer hält oder platzt: Nach dem Halbmarathon bricht die Stimmung abrupt weg. Viel weniger Lärm, kaum Zuschauer. Pilsen (mexikanisches Viertel) gibt noch mal einen echten Boost vor Chinatown.

Chinatown

33

Bridgeport, Chinatown

Mentale Schlüsselszene im letzten Renndrittel: Trommeln, Chinatown Gate, dichte Menge, ein Klassiker des Kurses.

Stiller Abschnitt

34-37

Armour Square, IIT, Bronzeville, South Loop

Der zuschauerärmste Bereich, dazu oft volle Sonne. Manche nennen das hier sogar „die Wüstendurchquerung“.

Finale Rückkehr

37-42,2

Michigan Avenue, South Loop, Grant Park

Die Silhouette des Willis Tower taucht auf und signalisiert: gleich ist es geschafft. Die Menge kommt auf der Michigan Avenue und der Columbus Drive bis ins Ziel zurück. 500 m vor dem Ziel gibt’s eine kleine Rampe über den Gleisen, genannt Mount Roosevelt. Kaum steil (1 %), aber in dem Moment fühlt es sich an wie ein Gipfel.

Sieben Weltrekorde in Chicago

Chicago ist ein Billardtisch, und die Elite weiß das. Sieben Weltrekorde wurden hier aufgestellt, der jüngste 2024. Die Kenianerin Ruth Chepngetich lief 2:09:56 (ein Weltrekord, der trotz ihrer Dopingsperre fünf Monate nach dem Rennen weiterhin Bestand hat).

Jahr

Athlet/in

Zeit

Kategorie

1984

Steve Jones

2h08’05

Männer

1999

Khalid Khannouchi

2h05’42

Männer

2001

Catherine Ndereba

2h18’47

Frauen

2002

Paula Radcliffe

2h17’18

Frauen

2019

Brigid Kosgei

2h14’04

Frauen

2023

Kelvin Kiptum

2h00’35

Männer (aktueller Streckenrekord, ehemaliger Weltrekord)

2024

Ruth Chepngetich

2h09’56

Frauen (Weltrekord, weiterhin gültig)

Außerdem wurden die beiden aktuellen US-Rekorde ebenfalls hier auf Chicagos Straßen aufgestellt:

  • Emily Sisson 2h18’29 (2022)

  • Conner Mantz 2h04’43 (2025)

Unterm Strich sind schnelle Zeiten in Chicago kein Zufall: flach wie ein Billardtisch, ein Kurs, der auf konstantes Tempo ausgelegt ist, meist ideales Wetter und eine unglaubliche Dichte im Feld. Sieben Weltrekorde, die zwei aktuellen US-Rekorde. Für die Elite sprechen die Zahlen für sich. Und für den Rest genauso. Wer die goldene Regel respektiert und am Start nicht überzieht, geht oft mit einer neuen Bestzeit aus dem Grant Park. 2026 verspricht die 48. Ausgabe schon jetzt eine der stärksten der Renngeschichte zu werden, mit dem Sub-2 als Zielscheibe ...

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