42,195 km unter Tage: Schwedens Extremmarathon in der Garpenberg-Mine
Einen Marathon zu laufen bedeutet oft, dass sich die Landschaft Kilometer für Kilometer verändert. In mehr als 1.100 Metern Tiefe absolvierten 55 Läufer in der Garpenberg-Mine in Schweden 42,195 km zwischen Dunkelheit, Feuchtigkeit und endlosen Wiederholungen. Eine radikale Erfahrung, bei der sich Ausdauer nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf entscheidet.
In der Garpenberg-Mine in Schweden bekommt der Marathon im Oktober 2025 eine völlig neue Dimension. Keine vorbeiziehende Landschaft, keine vertrauten Orientierungspunkte. Nur Stollen, Fels und eine Tiefe, die das Gefühl für die Belastung komplett verändert. 55 Läufer aus 18 Ländern, darunter auch Frankreich, trafen sich tief unten in dieser Zinkmine, um eine einzigartige Herausforderung zu meistern: 42,195 km in mehr als 1.100 Metern unter dem Meeresspiegel, mit dem tiefsten Punkt auf 1.118 Metern. Allein diese Zahlen machen deutlich, wie weit dieses Erlebnis vom gewöhnlichen Marathon entfernt ist.
Die Strecke folgt dabei ihrer ganz eigenen Logik. Keine Abwechslung, kein Blick in die Ferne, sondern elf Runden auf einem identischen unterirdischen Kurs, immer und immer wieder. Jede Runde führt durch dieselben Kurven, über dieselben Abschnitte und zu denselben Eindrücken. Diese Wiederholung erzeugt eine besondere Form der Abnutzung. Sie ist weniger spektakulär als die langen Geraden eines Stadtmarathons, dafür deutlich tückischer. Schon bald lassen sich die Kilometer kaum noch voneinander unterscheiden. Das Vorankommen wird ebenso zu einer mentalen wie zu einer körperlichen Aufgabe, begleitet von dem ständigen Gefühl, in einem unveränderten Raum festzustecken.
Eine Umgebung, die Belastung völlig neu definiert
In dieser Tiefe und unter den beengten Bedingungen zu laufen, verändert die Ausgangslage grundlegend. Die Temperatur bleibt mit etwa 25 Grad konstant, liegt aber relativ hoch, während die Luftfeuchtigkeit dauerhaft präsent ist. Völlige Dunkelheit macht die Läufer komplett von ihrer Stirnlampe abhängig, die zum unverzichtbaren Bestandteil des Rennens wird. Ohne sie ist kein Weiterkommen möglich. Gleichzeitig bleibt das Sichtfeld trotz Lampe begrenzt, was das Gefühl der Isolation noch verstärkt.
Auch die Stille spielt in dieser Umgebung eine wichtige Rolle. Kein Publikum, keine Musik, keine Geräusche von draußen. Nur die Schritte und Atemzüge, die von den Wänden widerhallen. Unter diesen Bedingungen wird die Dosierung der Kräfte noch schwieriger. Die gewohnten Orientierungspunkte verschwinden, die Zeit scheint sich zu dehnen, und die mentale Erschöpfung setzt oft lange vor der körperlichen ein. Hier geht es nicht um eine persönliche Bestzeit. Das Ziel besteht schlicht darin, durchzuhalten, Runde um Runde zu absolvieren und bis zum Ende klar im Kopf zu bleiben.
Ein Projekt zwischen sportlicher Leistung und gesellschaftlichem Engagement
Hinter diesem außergewöhnlichen Event stehen BecomingX, dessen Gründer Bear Grylls ist und der durch seine Kultsendung Ausgesetzt in der Wildnis (Man vs. Wild im englischen Original) bekannt wurde, sowie der International Council on Mining and Metals und Boliden. Ihre Ambition geht weit über den Sport hinaus. Der Brite James Mason darf sich über den Sieg bei diesem ebenso ungewöhnlichen wie düsteren Rennen freuen. Der Marathon, der von Guinness World Records anerkannt wurde, verfolgt zugleich ein umfassenderes Ziel: die menschlichen Fähigkeiten unter extremen Bedingungen auszuloten und wenig bekannte industrielle Umgebungen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.
Bei der Veranstaltung wurden außerdem eine Million US-Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt. Das zeigt, dass eine solche Herausforderung eine Botschaft transportieren kann, die über die reine sportliche Leistung hinausgeht. An der Startlinie trafen erfahrene Läufer auf Teilnehmer, die erstmals über diese Distanz antraten. Am Ende waren alle mit derselben Realität konfrontiert. In den Stollen von Garpenberg bemisst sich Ausdauer nicht allein in Kilometern. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, sich anzupassen, die Belastung auszuhalten und trotz einer Umgebung ohne jede Verschnaufpause weiterzulaufen.