„Du bist genervt? Geh dich abreagieren, das tut dir gut!“ Dieser Ratschlag hält sich seit Generationen. Ob wütend, gestresst oder aufgewühlt: Oft glauben wir, körperliche Bewegung könne angestaute Spannungen lösen. Ist das tatsächlich eine gute Idee?
Die einen schlagen auf Sofakissen ein und brüllen sich die Seele aus dem Leib, die Nachbarn müssen damit klarkommen. Die anderen schnüren ihre Laufschuhe und rennen los, als wären sie auf der Flucht. Doch sind Sport und insbesondere das Laufen tatsächlich wirksame Mittel gegen Probleme im Privat- oder Berufsleben? Ermöglicht Running eine Katharsis?
Katha … was bitte?
Das Wort „Katharsis“ stammt aus dem Griechischen katharsis und bedeutet Reinigung, Säuberung, die Trennung des Guten vom Schlechten. Katharsis bezeichnet also das Loslassen negativer Emotionen, das mit einer positiven Veränderung im Leben eines Menschen einhergeht. In der Psychoanalyse ist sie eine therapeutische Methode, bei der der Arzt dem Patienten hilft, verdrängte emotionale Traumata freizulegen und sich von ihnen zu lösen. Es geht darum, loszuwerden, was uns belastet: Stress, Anspannung, Wut, Ärger, Angst … Dafür gibt es verschiedene Wege. Neben einer psychiatrischen Therapie kann man mit einem Freund sprechen, Musik hören, seine Gefühle aufschreiben oder Sport treiben. Wie kann körperliche Aktivität dabei helfen, mit sich selbst und anderen ins Reine zu kommen?
Handlung dämpft Emotionen
Mentaltrainer wissen es längst: Wer eine Emotion kanalisieren will, etwa vor einem Wettkampf, sollte in Bewegung bleiben. Körperliche Aktivität hilft dabei, mentale Anspannung besser zu regulieren. Der Kopf beschäftigt sich mit dem, was gerade passiert, statt mit der Angst vor dem Rennen am nächsten Tag. Auch wer sich in Sorgen verliert, kann beim Laufen zur Ruhe kommen. In den ersten Minuten drehen sich die Gedanken oft noch weiter im Kreis, doch schon bald werden sie schwächer und verschwinden schließlich ganz. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann auf die Aktivität selbst. In diesem Sinne tut Laufen gut, weil das Grübeln aufhört. Noch stärker ist dieser Effekt, wenn man achtsam läuft, sich also auf den gegenwärtigen Moment und die eigenen Wahrnehmungen konzentriert: die Luft im Gesicht, die Wärme auf den Armen, den Geruch der Natur, die Farben der Blumen und des Himmels … Die Verbindung mit dem „Hier und Jetzt“ hilft, negative Gefühle und wiederkehrende Gedanken loszulassen.
Laufen als Ausdauersport tut auch deshalb gut, weil es die Produktion von Endorphinen anregt, jener berühmten Hormone, die schnell abhängig machen können, weil sie ein Gefühl von Glück und Vergnügen auslösen. Wer sich regelmäßig diesen Endorphin-Kick holt, bekommt leicht den Eindruck, dass Laufen dabei hilft, sich besser zu fühlen. Dauert die Belastung lange genug oder ist sie intensiv genug, macht sie müde. Das fördert den Schlaf, verbessert die Regeneration und sorgt insgesamt für mehr Energie. Ausgeruht lassen sich Probleme leichter bewältigen.
Um schwierige Lebensphasen zu überstehen, stürzen sich manche regelrecht ins Lauftraining. Das Training wird zur Priorität, weil die Aktivität ein Wohlgefühl erzeugt, das ihnen gerade fehlt: Solange wir laufen, vergessen wir unsere Probleme. Die Trainingszeit wird zu einer Auszeit von dem Leben, aus dem unsere Sorgen, Ängste und Belastungen stammen. Also laufen wir immer häufiger und immer länger, damit dieser zeitlose Moment außerhalb der „wirklichen“ Welt immer mehr Raum einnimmt. Ist das dann tatsächlich eine Katharsis? Oder laufen wir einfach nur davon, ohne uns wirklich zu reinigen?
Und wenn es nur ein Mythos wäre?
Viele Läufer sagen, das Laufen sei ihre Therapie gewesen. Es habe ihnen geholfen, eine schwierige Lebensphase zu überstehen, ernste Probleme zu bewältigen und sich zu befreien. Manchmal habe es sie sogar gerettet. Einige viel beachtete Beispiele scheinen die heilsame Wirkung des Running zu belegen. Aber machen wir uns da nicht etwas vor? Weigern wir uns nicht, zu sehen, was beim Laufen, manchmal auch beim exzessiven Laufen, tatsächlich passiert? So viele gesundheitliche Vorteile das Laufen auch hat, es kann ebenso schädliche Folgen haben: Verletzungen, Essstörungen, Übertraining, sozialer und familiärer Rückzug, Sportsucht …
Wer die positiven Auswirkungen des Running auf die mentale Gesundheit hervorhebt, liegt allerdings teilweise richtig. Sport schafft zugleich ein Ventil für körperliche Anspannung und Zeit nur für sich selbst, in der man wieder Kontakt zu sich, seinem Körper und seinen Empfindungen aufnimmt. Das Laufen muss den Kopf nicht vollständig von Sorgen und Grübeleien befreien, um eine Pause im Wirbel der Gedanken und Gefühle zu ermöglichen. Wer mit der absolvierten Einheit zufrieden ist, bekommt außerdem ein Erfolgserlebnis und einen Grund, stolz auf sich zu sein. Laufen bringt etwas Positives in einen Kreislauf, in dem sonst nur Negatives zirkuliert.
Aber ermöglicht Running deshalb gleich eine Katharsis? So sicher ist das nicht. Studien haben gezeigt, dass Yoga, Meditation oder Atemübungen besser geeignet sind, um Wut zu beruhigen, als Running, Radfahren oder Boxen. Anders gesagt: Wer besonders aufgebracht ist, sollte eher ruhige Aktivitäten wählen als solche, die das Erregungsniveau noch weiter steigern. Wenn man gereizt ist, sind zwei Stunden Laufen also vielleicht nicht die beste Idee! Wer außerdem dazu neigt, sich selbst abzuwerten und unter einem massiven Mangel an Selbstvertrauen leidet, ist vermutlich nicht gut beraten, in der Gruppe oder an einem Ort zu laufen, an dem er sich mit anderen vergleicht. Dort findet sich leicht eine ganze Reihe neuer Gründe, weiterzugrübeln und sich nicht besser zu fühlen. Ein weiteres Beispiel: Wer einer angespannten Situation in der Partnerschaft möglichst oft durch Laufen entflieht, riskiert, die Spannungen aufrechtzuerhalten oder die Distanz zwischen den Partnern sogar zu vergrößern. Die Zeit draußen, in der der Läufer frische Luft und Bewegung genießt, kann im gemeinsamen Zuhause die Nähe, den Austausch und die Entspannung ersticken. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, ebenso die Zahl realer Fälle. Falsch eingesetzt, kann Laufen völlig kontraproduktiv sein.
Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Katharsis im Running Mythos oder Realität ist, fällt schwer. Sie hängt vom Einzelfall und von der Art des Problems ab, das man mit Sport lindern möchte. Jeder muss wohl selbst herausfinden, was ihm das Laufen bringt. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass Übermaß oft Flucht, Betäubung oder sogar die Weigerung bedeutet, sich der Realität zu stellen. Die eigenen Probleme zu vergessen, indem man läuft, löst sie keineswegs. Es gleicht eher dem kurzen Kick eines Abhängigen. Als Teil eines umfassenderen Weges zu mehr Wohlbefinden kann Laufen dagegen durchaus sinnvoll sein. Dann ist es in jeder Hinsicht ein „Gesundheitssport“: körperlich, mental und sozial. Es kann auch ein Baustein in einem Heilungsprozess sein, sofern man es als solchen versteht und nicht als Selbstzweck.
➜ Unser Artikel lesen: „ Schritt für Schritt: Gemeinsam ziehen Frauen wieder ihre Laufschuhe an “
Mehr Artikel
Laufen, die neue Dating-App?
Dating-Apps setzen auf Sport, Strava wird zum diskreten Flirt-Ort. Über Beziehungen, die in Laufschuhen beginnen.
Mi., 9. September 2026
Frauenläufe boomen weiter
Frauenläufe boomen. Kommunen, Sportverbände und die FFA unterstützen sie stärker, während immer mehr Läuferinnen das Format für sich entdecken.
Mi., 9. September 2026