Running Therapy bringt Bewegung in die psychologische Begleitung
Mit dem eigenen Psychologen laufen. Einige Fachleute nutzen diesen ungewöhnlichen Ansatz, um ihre Patientinnen und Patienten anders zu begleiten. Der Praxisraum, in dem normalerweise die Therapie stattfindet, kann beengend wirken. Draußen werden die Sinne auf andere Weise aktiv, während der Körper in den therapeutischen Prozess einbezogen wird. Zeit für Running Therapy.
✓ Einordnung im Gespräch mit der Psychologin Sarah De Jong.
In Belgien können Interessierte eine oder mehrere Sitzungen Running Therapy buchen. Sarah De Jong, Gesundheitspsychologin und Suchttherapeutin, gehört dort zu den Wegbereiterinnen dieses Ansatzes. Während ihrer Arbeit als klinische Psychologin begann sie, sich für Sport als therapeutisches Medium zu interessieren. Da sie jedoch keine Ausbildung hatte, um Menschen mit psychischen Belastungen beim Laufen anzuleiten, entschied sie sich zunächst für eine Ausbildung im Sportbereich. Bei Running Coach lernte die belgische Fachfrau, Trainingspläne zu strukturieren, vertiefte ihr Wissen über Trainingsumfang und -intensität und gewann dadurch Sicherheit. Anschließend erprobte sie ihre neuen Fähigkeiten als Trainerin mit einigen Freunden, die froh waren, beim Wiedereinstieg ins Laufen begleitet zu werden.
Ein Schicksalsschlag gab ihr schließlich die Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden. «Ein befreundeter Läufer verlor seinen Vater, während er sich auf einen 42-Kilometer-Trail vorbereitete, erzählt sie. Ich war nicht sein Psychologe, aber wir konnten trotzdem darüber sprechen, was in ihm vorging. Wenn ein langer Lauf anstand, unterhielten wir uns darüber, was in seinem Kopf passierte. Bei den intensiveren Intervalltrainings konnte er richtig Druck ablassen und loslassen. Es gab zum Beispiel Einheiten, nach denen er endlich weinen konnte, weil ihm das sonst schwerfiel. » Durch die Begleitung in seiner Trauer gewann Sarah an Selbstvertrauen. «Das hat mir den Anstoß gegeben zu denken: Ich sehe, wie sich Sport und Therapie miteinander verbinden lassen, und ich kann damit beginnen, das auch anderen anzubieten. »»
Bevor sie Running Therapy offiziell in ihre Arbeit aufnahm, schloss sie sich dem Lauf- und Gehprogramm «Bougez plus» an, das sich an alle Leistungsstufen richtet. Dort betreute sie eine Gruppe von Anfängern, in der sie ähnliche Profile wiedererkannte wie in ihrer Sprechstunde, darunter Menschen mit Burn-out oder Alkoholproblemen. Diese Erfahrung ermöglichte ihr, auf informellere Weise zu beobachten, wie Laufen das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung mancher Teilnehmer fördert. Von den therapeutischen Möglichkeiten des Ansatzes überzeugt, entschied sie sich, ihn zunächst online und später auch vor Ort anzubieten.
Zwei von Sarah De Jong angebotene Formate
Running Therapy ist eine therapeutische Begleitung, die in zwei unterschiedlichen Formaten stattfinden kann. Zunächst bietet Sarah De Jong einen «strukturierten» Ansatz an, der sich über zwölf Wochen online erstreckt. Dazu gehören therapeutische Ziele, die im Erstgespräch festgelegt werden, sowie ein Lauftest für regelmäßige Läufer, um die Einheiten individuell anzupassen. Außerdem findet ein regelmäßiger Austausch über WhatsApp statt. So lässt sich die sportliche und therapeutische Entwicklung zugleich verfolgen und der Zusammenhang zwischen dem Laufen und den psychologischen Themen aus dem Programm sichtbar machen.
Die zwölf Wochen sollen ihrer Einschätzung nach nachhaltige Veränderungen fördern und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten stärken. Ziel ist, dass sie anschließend schrittweise allein weitermachen und den Zusammenhang zwischen ihren sportlichen Empfindungen und ihrem psychischen Erleben weiter herstellen können. «Die Idee ist, dass dieses Programm sie im Hinblick auf ihre therapeutischen Ziele ausreichend unterstützt», bestätigt die Psychologin, die auch eine Ausbildung im Mentaltraining absolviert hat.
Körperliche Aktivität bringt Gedanken und das Gesagte in Bewegung.
Sarah De Jong bietet inzwischen eine weitere Form der Begleitung an. Laufen oder Gehen wird dabei direkt zum Bestandteil der Sitzung. Die körperliche Aktivität soll aus dem klassischen Praxisrahmen herausführen, damit auch der Geist in Bewegung kommt. Dieser Ansatz kann besonders für Menschen geeignet sein, die sich bewegen müssen, um nachzudenken, oder denen es schwerfällt, sich im direkten Gegenüber auszudrücken und anzuvertrauen.
Diese Einheiten folgen keinem festen Trainingsplan. Sie finden punktueller statt und werden meist auf Wunsch der Patientin oder des Patienten je nach Bedarf oder Bedürfnis im Verlauf der Therapie vereinbart. Je nach Alter, körperlicher Verfassung und aktueller Tagesform gehen die Psychologin und die betroffene Person im Rahmen der Sitzung spazieren oder laufen. Sitzungen draußen und in der Praxis können sich dabei abwechseln. «Manchmal kommt jemand zunächst wegen des Programms und setzt die Begleitung später in einer klassischeren Therapie fort. Oder umgekehrt: Jemand beginnt eine Therapie und entdeckt, dass es dieses Programm gibt. Manchmal geschieht das auch zu einem Zeitpunkt, an dem es dem Patienten bereits besser ging und wir etwas unterstützen, das schon aufgebaut war. Danach geht die Person ihren eigenen Weg. Das Ganze lässt sich sehr flexibel gestalten», erklärt sie. Der Ansatz richtet sich sowohl an Menschen, die bereits laufen, als auch an diejenigen, die wieder körperlich aktiv werden möchten.
Wenn Bewegung zum therapeutischen Werkzeug wird
Die Praxis zu verlassen, verändert die therapeutische Beziehung. Beim gemeinsamen Laufen oder Gehen kann das Gespräch leichter in Gang kommen, insbesondere bei Menschen, die Bewegung brauchen, um nachzudenken, Abstand zu gewinnen oder bestimmte Gefühle loszulassen. Die therapeutischen Ziele bleiben dabei individuell.
Für einen hyperaktiven Menschen kann Running Therapy einen Raum schaffen, in dem er sich austobt und gleichzeitig im Gespräch bleibt. Bei einem Burn-out kann die Aufgabe ganz anders aussehen: wieder langsamer zu werden und sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Der Grundlagenbereich ist dafür besonders interessant, weil er mit Frustration konfrontieren und zugleich neue Einsichten fördern kann. «Körperliche Aktivität bringt Gedanken und das Gesagte in Bewegung», betont die Psychologin.
Das Laufen eröffnet die Arbeit mit Metaphern: Atem, Rhythmus, Hindernisse, Ausdauer und das Über-sich-Hinauswachsen. «Nach einem schwierigen Anstieg bietet der Abstieg die Gelegenheit zu erkennen, dass hinter dem Durchhalten weitere Dinge auf uns warten, selbst wenn wir sie noch nicht sehen», erklärt sie. Der Fokus verschiebt sich dabei auf die körperlichen Empfindungen statt auf kreisende Gedanken. Während der Aktivität gilt es, das Tempo an das Gelände anzupassen, die Atmung zu regulieren, auf das Durstgefühl zu achten, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sich auf die natürliche Umgebung einzulassen. Diese Aufmerksamkeit für Körper und Empfindungen hilft, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. «Bei jemandem mit Burn-out kann eine Sitzung darin bestehen, die Aufmerksamkeit auf die Umgebung und auf die Vorgänge im Körper zu richten statt auf das, was im Kopf passiert. Auf diese Weise entwickeln wir während der Einheit konkrete Werkzeuge, die später in die therapeutische Arbeit übertragen werden können. » Das Laufen wird so zu einem Medium, um bestimmte psychische Probleme aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Viel Potenzial, aber kein Wundermittel
Über die psychologische Begleitung hinaus kann regelmäßige Bewegung verschiedene Bereiche des Alltags positiv beeinflussen, etwa Schlaf, Ernährung, Stimmung oder die Balance im Leben. «Körperliche Aktivität ist ein Grundbedürfnis, das in der öffentlichen Gesundheitsversorgung viel zu oft vergessen wird», sagt sie. Die Wirkung von Running Therapy hängt jedoch von den Schwierigkeiten ab, mit denen die jeweilige Person konfrontiert ist. Bei einer Depression kann sie beispielsweise helfen, wieder in Bewegung zu kommen und schrittweise die Motivation zurückzugewinnen. «Intervalle, bei denen wir mehrfach langsamer und schneller werden, können uns dazu bringen, uns zu fragen: Was stellt diese körperliche Bewegung psychologisch dar?» Zu den beobachteten positiven Effekten gehören außerdem weniger Stress, mehr Selbstvertrauen, eine ausgeprägtere Resilienz, ein besserer Umgang mit den eigenen Gefühlen und eine Linderung traumaassoziierter Symptome.
Bei Angstzuständen geht es nicht darum, alle Sorgen vollständig verschwinden zu lassen. Vielmehr soll die betroffene Person Strategien entwickeln, um besser mit ihnen umzugehen. «Wir gehen vom großen Ziel der Person aus, das oft ein Lebensziel ist, zum Beispiel zu lernen, mit ihrer Angst umzugehen. Dann teilen wir es in konkretere Ziele auf. Wir prüfen, in welchen Lebensbereichen oder bei welchen spezifischen Aspekten der Angst Fortschritte möglich sein sollen. An den ausgewählten Punkten arbeiten wir dann wirklich gründlich», beschreibt sie.
Trotz ihres Potenzials ersetzt Running Therapy keine klassische Psychotherapie. Sie kann diese ergänzen oder für einen bestimmten Zeitraum eine eigenständige Begleitung sein, ist aber nicht als langfristige Lösung gedacht. Außerdem eignet sie sich nicht zwangsläufig für alle und wird von Psychologinnen und Psychologen bislang nur selten angeboten. Letztlich muss jeder Mensch den Ansatz finden, der zu ihm passt.
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