Laufen als Akt der Resilienz: Marines Weg zurück
Fünf Monate nach einem Unfall, der sie beinahe das Leben gekostet hätte, stand Marine G. 2023 beim New York City Marathon an der Startlinie. Zwei Jahre später ist die heute 26-Jährige entschlossener und besser vorbereitet denn je. Am Sonntag, dem 13. April, will sie den Marathon de Paris laufen. Eine Revanche in Frankreich, ihrem Heimatland, auf einer legendären Strecke und im Kreis ihrer Familie und Freunde.
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Die körperlichen Spuren mögen verblasst sein, die psychischen Folgen sind noch immer da. Der 6. Juli 2023 hat das Leben der damals 24-jährigen Marine G. für immer geprägt. Seit Januar arbeitete sie für anderthalb Jahre bei einem US-amerikanischen Unternehmen, genauer gesagt in New York. Neugierig und voller Entdeckerlust nutzte sie ihre freie Zeit, um das Land zu bereisen. Anfang Juli hielt sie sich mit Freundinnen in Austin, Texas, auf. „Die anderen sind zum Tennisspielen gegangen, und ich wollte zu Fuß eine Runde durch die Gegend drehen. Es war nicht besonders schön, ich habe überlegt umzudrehen, bin dann aber weitergegangen“, erzählt Marine mit bewegter Stimme. Sie erinnert sich an jedes noch so kleine Detail, weil der Unfall im Prozess immer wieder genau rekonstruiert wurde. An einer Kreuzung bei einer Parkplatzausfahrt sah sie plötzlich einen großen amerikanischen Geländewagen auftauchen. In Sekundenbruchteilen wurde sie wegen der Unachtsamkeit des Fahrers von der vorderen Tür erfasst, stürzte zu Boden und von dem Wagen überrollt. „Ich trug ein Kleid und sehe noch immer die Reifenspur auf dem Stoff vor mir“, beschreibt sie. „Ich erinnere mich an das Geräusch meiner brechenden Knochen.“
Laufen ist mein Leben. Es wäre eine Katastrophe, wenn ich meine Beine nicht wieder benutzen könnte. Sie müssen alles tun, damit es mir besser geht.
Sie brauchte viel Mut, um das endlose Warten im Krankenhaus zu überstehen, in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht und in dem ihre Familie nicht bei ihr sein konnte.
Die Diagnose war schwerwiegend: gebrochene Rippen und Wirbel, ein Pneumothorax, äußere und innere Hämatome und vor allem die Ungewissheit, ob sie jemals wieder laufen können würde. Für die aus Charente-Maritime stammende junge Frau, die schon immer gemeinsam mit ihrer Familie gelaufen war und bereits drei Marathons absolviert hatte, war das kaum vorstellbar. Den beiden Chirurgen, die sie sechs lange Stunden lang operieren sollten, sagte sie deshalb: „Laufen ist mein Leben. Es wäre eine Katastrophe, wenn ich meine Beine nicht wieder benutzen könnte. Sie müssen alles tun, damit es mir besser geht.“ Bei der Operation wurden Wirbelstücke entfernt, die auf die Bänder drückten. Außerdem stabilisierten die Ärzte ihren Rücken mit Schrauben und Platten, um die Wirbelsäule zu versteifen. „Das werde ich mein Leben lang behalten. Ich habe im unteren Rücken deutlich an Beweglichkeit verloren“, erzählt Marine.
Um jeden Preis wieder aufstehen
Die Reha beginnt. Wegen des Pneumothorax darf sie nicht fliegen und muss deshalb einen Monat in Austin bleiben. Tag für Tag lernt sie, wieder selbstständig zu werden. Mitte September läuft sie mit Krücken und erzählt ihrem Physiotherapeuten von ihrem Wunsch, ihren Startplatz beim New York City Marathon zu nutzen, der im November stattfindet. Er hört ihr zu und begleitet sie bei diesem verrückten Vorhaben. „Die Ärzte waren skeptisch, sagten aber, ich hätte Glück gehabt, sportlich und Nichtraucherin zu sein. Das hat wesentlich zu meiner Genesung beigetragen“, erinnert sich die Auswanderin.
Drei Stunden Gehen pro Tag
Im Fitnessraum ihres Wohnhauses arbeitet sie konsequent an ihrer Routine: morgens anderthalb Stunden auf dem Laufband, nachmittags noch einmal anderthalb Stunden. Jeden Tag hält sie ihre Fortschritte in einem Notizbuch fest, was ihr den Mut gibt weiterzumachen und nicht aufzugeben. „Natürlich gab es Tage, an denen ich müde war und keine Lust hatte. Aber ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: an der Startlinie des Marathons zu stehen!“ Diese drei Monate Training führen sie zu ihrem Ziel. Mit dem Einverständnis der Ärzte reiht sie sich in das Feld der Athletinnen und Athleten ein, die sich einen Traum erfüllen wollen. Nach 4:22 Stunden erreicht Marine unter einer Welle der Emotionen das Ziel. Körperlich und mental braucht sie danach Zeit, um die Belastung zu verarbeiten.
Paris, ihre Rückkehr nach Frankreich
Marine kümmert sich intensiv um ihren Körper und lernt, wieder eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Im Hintergrund bleiben die Träume einer Marathonläuferin. „Zwei Jahre hat es gedauert, bis ich mein ursprüngliches Niveau wieder erreicht hatte“, sagt die junge Frau ruhig, aber nach wie vor entschlossen. Der 13. April 2025 wird sich für sie wie ein Neuanfang anfühlen. „Ich laufe mit Freunden, und dieses gemeinsame Erlebnis lässt mich wieder so fühlen wie vor dem Unfall: normal. Es ist meine große Rückkehr nach Frankreich, nach Paris, einer Stadt, in der ich seit einigen Monaten lebe“, erzählt die Läuferin, die bei ihrem fünften Marathon eine Zeit von 3:50 Stunden anpeilt und ganz sicher nicht ihren letzten laufen wird.