Chicago Marathon 2025: John Korir und Jacob Kiplimo auf Rekordjagd

Dorian Vuillet
Von Dorian Vuillet

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Chicago Marathon 2025: John Korir und Jacob Kiplimo auf Rekordjagd
© 2025 Boston Marathon / Kevin Morris

Am Sonntag, dem 12. Oktober, wird der Chicago Marathon wieder zur Bühne für eines der größten Laufereignisse der Welt. Fast 53.000 Läuferinnen und Läufer werden die Straßen der „Windy City“ erobern, begleitet von einer elektrisierenden Atmosphäre. Unter ihnen: die besten Marathonläufer der Welt. John Korir kommt auf der Suche nach Ruhm, einem Rekord oder einfach einem Moment für die Geschichtsbücher. Sein Duell mit dem Halbmarathon-Weltrekordler Jacob Kiplimo verspricht episch zu werden. Nach Ausgaben mit außergewöhnlichen Leistungen dürfte auch das Rennen 2025 explosiv werden.

Eine Stadt, eine Geschichte, eine Marathon-Kultur

Seit 1977 hat sich Chicago als eines der großen Monumente des weltweiten Marathons etabliert. Mit seiner flachen Strecke, der tadellosen Organisation und der mitreißenden Atmosphäre ist das Rennen zu einer absoluten Referenz geworden. Schon bald rückte es in die Riege der World Marathon Majors auf, an die Seite der großen Läufe in New York, Boston, London, Berlin und Tokio.

Der Startschuss fällt im Grant Park, dem grünen Herzen der Stadt. Die Läuferinnen und Läufer legen 42,195 km durch 29 Viertel zurück: vom Loop zwischen den Wolkenkratzern der Innenstadt über Chinatown und Pilsen bis nach Little Italy und Lincoln Park. Jede Gegend hat ihre eigene Identität, ihre Musik und ihre Anfeuerungsrufe. Die Strecke ist eine lebendige Chicago-Postkarte, getragen von unermüdlichen Zuschauern.

Und jedes Jahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den Michigansee treffen, denkt man dasselbe: Ein Marathon in Chicago ist ein Fest des Sports, der Vielfalt und des eigenen Über-sich-Hinauswachsens.

Legenden und Rekorde

Chicago hat nicht nur die Besten vorbeiziehen sehen. Die Stadt hat viele von ihnen erst ins Rampenlicht katapultiert. In den 1990er-Jahren bestimmte Khalid Khannouchi das Geschehen mit mehreren Siegen und Zeiten, die bereits an den Weltrekorden kratzten. Bei den Frauen haben Ikonen wie Paula Radcliffe, Joan Benoit Samuelson und Liliya Shobukhova die Geschichte des Rennens geprägt.

In jüngerer Vergangenheit erlebte die Stadt zwei Momente, die das Gesicht des modernen Marathons verändert haben. 2023 verblüffte Kelvin Kiptum die Laufwelt mit einer überirdischen Zeit: 2:00:35, ein neuer Weltrekord. Im Jahr darauf verschob Ruth Chepngetich die Grenzen des Möglichen und wurde mit 2:09:56 zur ersten Frau unter 2:10 Stunden. Zwei Leistungen, die Chicago als schnellsten Schauplatz der Marathonserie bestätigten, an dem ein schöner Herbsttag zur Geschichtsstunde werden kann.

© Ruth Chepngetich wurde nach einem positiven Test auf ein Diuretikum im Juli vorläufig suspendiert. © Kevin Morris

2025: ein Traumfeld und eine gewaltige Aufgabe für Korir

Auch in diesem Jahr richten sich alle Blicke auf den Grant Park. Und das aus gutem Grund: Das Starterfeld der Ausgabe 2025 hat alles, was ein Blockbuster braucht. Titelverteidiger John Korir wird seinem Namen gerecht und setzt seine Krone erneut aufs Spiel. 2024 gewann er in 2:02:44, nun will er höher hinaus. Noch höher. Hinter vorgehaltener Hand ist von einem Angriff auf den Streckenrekord, bei perfekten Bedingungen sogar auf den Weltrekord, die Rede. Korir kann mit Druck umgehen: In diesem Jahr hat er bereits Boston gewonnen, zudem beeindruckt seine Konstanz.

Ihm gegenüber steht eine kenianische und äthiopische Armada, die bereit ist, sich zu messen. Timothy Kiplagat (2:02:55), Amos Kipruto (Dritter im vergangenen Jahr), Cybrian Kotut und der Belgier Bashir Abdi, zweifacher Olympiamedaillengewinner, runden das starke Feld ab. Jeder Fehler wird teuer. Der Ugander Jacob Kiplimo, elegant in seinem Schritt und gefürchtet bei Tempoverschärfungen, ist als Halbmarathon-Weltrekordler bekannt (56:42 in Barcelona 2025). Er verzichtete darauf, bei der Leichtathletik-WM in Tokio an den Start zu gehen, und zählt ebenfalls zu den Läufern, die man genau beobachten sollte. Seine jüngsten Leistungen lassen vermuten, dass er im Finale eine Schlüsselrolle spielen könnte. Und in Chicago kann der kleinste Tempofehler einen Marathon ruinieren, der auf Sekunden zugeschnitten ist. Eine Zeit unter 2:02 Stunden ist möglich.

Äthiopien tritt mit voller Stärke an, Mélody Julien lauert

Bei den Frauen ist der Thron vakant: Ruth Chepngetich, die Weltrekordlerin, ist seit Juli wegen Dopings suspendiert. Ihre Abwesenheit öffnet das Rennen und verleiht den Äthiopierinnen Flügel. Megertu Alemu, 2023 Dritte in Chicago, präsentiert sich in olympischer Form. Auch Hawi Feysa (2:17:00) und Bedatu Hirpa zählen zu den Anwärterinnen. Ein Duell zwischen Kenia und Äthiopien, das erneut hochklassig zu werden verspricht.

Unter den gemeldeten Läuferinnen trägt Mélody Julien die französischen Hoffnungen. Die Langstrecklerin von Association Multisports Montredonnaise dominierte vor zwei Wochen von Anfang bis Ende die königlichen Alleen des Paris-Versailles. Die Französin, die 2023 in Valencia eine starke Zeit von 2:25:00 gelaufen ist, will ihre persönliche Bestzeit auf einer für schnelle Zeiten gemachten Strecke erneut verbessern. Nach einer ernsthaften Vorbereitung und mehreren überzeugenden Halbmarathonläufen geht sie ambitioniert in Chicago an den Start: Sie will die Marke von 2:25 Stunden unterbieten und sich dauerhaft unter den besten Europäerinnen etablieren. Mit 25 Jahren bestätigt Mélody Julien Rennen für Rennen ihren Status als Marathonläuferin mit großer Zukunft.

Eine Strecke für Rekorde

Das Erfolgsgeheimnis von Chicago liegt im flachen, flüssigen Profil, einer perfekt angelegten Runde für ein konstantes Tempo. Die erste Hälfte ist oft schnell und gibt dem Rennen seine Richtung; die zweite ist stärker dem Wind ausgesetzt und trennt die Guten von den sehr Guten. Die letzten Meter auf der Roosevelt Road bieten vor dem Endspurt zum Grant Park den berühmten kurzen Anstieg. Eine kleine, aber grausame Rampe, die alle Finisher kennen.

Bei oft kühlen Temperaturen von etwa 8 bis 12 Grad und einer präzisen Organisation bleibt Chicago einer der schnellsten Marathons der Welt. Hier fallen mehr Rekorde als anderswo, doch garantiert ist nichts: Der Wind vom Michigansee spielt bisweilen seine eigenen Spiele und erinnert selbst die Champions daran, dass sie mit der Natur rechnen müssen.

Chicago Marathon 2024© Bank of America Chicago Marathon

Was diese Ausgabe verspricht

Für die Ausgabe 2025 zeichnen sich mehrere Szenarien ab. Findet Korir die richtigen Bedingungen und einen starken Tempomacher, könnte die Marke von 2:02 Stunden wackeln. Bei den Frauen ist ein taktisches Rennen wahrscheinlich: Ohne Chepngetich könnten sich die Favoritinnen zunächst neutralisieren, bevor es auf den letzten Kilometern zu einem explosiven Finale kommt.

Der Kontext verleiht dem Rennen eine starke emotionale Dimension. Chicago erinnert sich noch immer an den Rekord von Kelvin Kiptum, der wenige Monate nach seinem Triumph auf tragische Weise ums Leben kam. Seine Spuren sind überall: auf den Bannern, in den Gesprächen und in der Emotion der Läuferinnen und Läufer. Der Marathon 2025 wird zwangsläufig auch den Charakter einer Hommage tragen.

Wie lässt sich der Chicago Marathon verfolgen?

Für alle Fans der 42,195 Kilometer steht fest: Die Auftritte der Favoriten darf man nicht verpassen. Die Sender der Eurosport-Gruppe übertragen das Rennen am Sonntag, dem 12. Oktober, ab 14:15 Uhr.

Organisation auf höchstem Niveau

Wenn bei einem Marathon wirklich alles unter Kontrolle scheint, dann hier. Eine äußerst reibungslose Startnummernausgabe im McCormick Place, Sicherheitsvorkehrungen wie bei einem Rockkonzert, Verpflegungsstellen alle zwei Kilometer, Helfer überall … Chicago ist Marathon in der Variante „amerikanische Effizienz“.

Das Läufererlebnis steht im Mittelpunkt: ein lebendiges Zielgelände, ein enthusiastisches Publikum und eine Stadt, die drei Tage lang buchstäblich im Rhythmus des Marathons lebt. Selbst die Cafés öffnen früher, um die Unterstützer zu empfangen, und die Wolkenkratzer tragen Banner mit der Aufschrift „Go runners!“.

Chicago Marathon 2024© Bank of America Chicago Marathon

Eine Stadt im Gleichklang für ein einzigartiges Rennen

Am nächsten Tag füllen sich die Straßen von Chicago mit Alltagshelden, die Medaille um den Hals, ein müdes, aber stolzes Lächeln im Gesicht. Hier wird jeder Finisher wie ein Champion gefeiert. Die Einheimischen holen ihre Fahnen heraus, die Musiker spielen die Hymnen des Vortags erneut, und alle Gespräche kreisen um dasselbe Thema: den Marathon. Chicago besitzt die seltene Gabe, das Laufen zu einem verbindenden Erlebnis zu machen.

Was Chicago auszeichnet, ist die perfekte Mischung aus Leistung und Emotion. Ein extrem schneller, aber zutiefst menschlicher Lauf. Ein Marathon, bei dem Weltrekord und der Traum des Marathonneulings an derselben Startlinie nebeneinanderstehen. Und in dieser Stadt mit ihrer ansteckenden Energie weiß man: Bei jeder Ausgabe wird etwas Unvergessliches geschehen.

Unsere Prognosen: Liegt ein Rekord in der Luft?

Bei Marathons.com gehen wir gerne ins Risiko. An einem Tippspiel kamen wir deshalb nicht vorbei. Bei den Männern scheint John Korir der Mann zu sein, den es zu schlagen gilt. Seine Erfahrung und sein Selbstvertrauen könnten ihm bei günstigem Wind eine Zeit um 2:02:10 ermöglichen. Hinter ihm dürften Amos Kipruto und Bashir Abdi das Podium komplettieren, es sei denn, Timothy Kiplagat nutzt einen vorsichtigen Start, um alle zu überraschen.

Bei den Frauen bringt Megertu Alemu alles mit, um ihren ersten großen Major zu gewinnen. Ihre Leichtigkeit auf flachen Strecken und ihr präzises Rennmanagement könnten sie zu einer Zeit von 2:16:30 führen, knapp vor Irine Cheptai und Hawi Feysa.

Wie immer in Chicago haben Gewissheiten die Halbwertszeit eines Atemzugs. Der Wind kann drehen, die Magie kann anderswo zuschlagen. Vielleicht lieben wir diesen Marathon genau deshalb so sehr: weil er sich stets ein Stück Unberechenbarkeit, Poesie und Atem bewahrt.

✔ Alle Informationen gibt es auf der offiziellen Website des Chicago Marathon.