Weltmeisterschaften in Tokio: Äthiopien und Kenia greifen nach dem Marathonsieg, die Außenseiter lauern
Atemberaubende Bestzeiten treffen auf die taktische Klasse eines Meisterschaftsrennens: Der Marathon bei der WM 2025 verspricht einen epischen Kampf. Äthiopien reist mit einer Armada von Traumzeiten an, Kenia setzt auf seine ungestüme Jugend, während Europa und Japan vom Coup vor heimischem Publikum träumen.
Tokio ist vom 13. bis 21. September nicht nur Gastgeber der Leichtathletik-WM: Für einen Marathon wird die Stadt zum Schauplatz eines Duells der Giganten. Nicht weniger als 96 Marathonläufer aus 47 Nationen gehen am 15. September um 0:30 Uhr französischer Zeit auf die Straßen der japanischen Hauptstadt. Doch aus diesem hochkarätigen Feld ragen einige Namen heraus. Männer, die Geschichte schreiben und Bestzeiten pulverisieren können. Im Mittelpunkt steht eine Rivalität, die seit mehr als drei Jahrzehnten besteht: Äthiopien gegen Kenia. Die beiden Großmächte des Langstreckenlaufs bringen gewaltige Trümpfe an den Start.
Äthiopiens Armada
Deresa Geleta, das Metronom
Mit 29 Jahren ist Deresa Geleta (2:02:38 h, persönliche Bestzeit 2023 in Valencia) der stärkste Mann im äthiopischen Aufgebot. Als Nummer fünf der Welt gehört er zum engsten Favoritenkreis. Seine Stärke ist die Konstanz: Mehrfach lief er Marathons in 2:03 bis 2:04 Stunden und knüpft damit an die Tradition von Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele an. Bei einem großen Meisterschaftsrennen hat er noch nie eine Medaille gewonnen. Nun will er sein enormes Zeitpotenzial in WM-Gold ummünzen.
Tadese Takele, die ungestüme Jugend
Sein Name gilt noch immer als der eines „Neulings“, doch Tadese Takele (23) hat in dieser Saison in London bereits 2:03:23 Stunden hingelegt und ist damit der achtbeste Läufer der Welt. Als Spezialist für hohes Anfangstempo könnte er das Rennen schon zur Hälfte sprengen. Für viele verkörpert er den Generationenwechsel in Äthiopien.
Tesfaye Deriba, der Schreckgespenst
Oft läuft Tesfaye Deriba unter dem Radar. Im vergangenen Jahr erzielte er beim Seoul-Marathon jedoch starke 2:04:13 Stunden. Der robuste Läufer ist große Straßenrennen gewohnt und fühlt sich auf anspruchsvollen Strecken wohl. Tokio könnte ihm besonders liegen, falls das Wetter mit hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze zur zusätzlichen Herausforderung wird.
➜ Addiert man die Bestzeiten der drei äthiopischen Spitzenläufer, ergibt sich ein Schnitt von knapp 2:03:45 Stunden. Das dürfte jedem Feld Respekt einflößen.
Kenia bläst zum Angriff
Vincent Kipkemoi Ngetich, der nächste große Name
Er ist erst 26, doch Vincent Kipkemoi Ngetich hat sich bereits unter den Besten etabliert. Seine 2:03:13 Stunden in Berlin 2023 haben ihm den Ruf eines Ausnahmetalents eingebracht. Er kann hohes Tempo über lange Zeit halten, ohne Anzeichen von Schwäche zu zeigen, und erinnert damit an einen gewissen Eliud Kipchoge zu Beginn seiner Karriere. Tokio könnte sein endgültiger Durchbruch auf der Weltbühne werden.
Hillary Kipkoech, der Unruhestifter
Mit einer Bestzeit von 2:04:45 Stunden verkörpert Hillary Kipkoech den unberechenbaren kenianischen Läufer. Er kann glänzen, aber auch völlig danebenliegen, und ein Rennen in ein Feuerwerk verwandeln. Angriffe an Anstiegen oder plötzliche Tempoverschärfungen machen ihn in einem Meisterschaftsrennen gefährlich, in dem Taktik genauso wichtig ist wie Geschwindigkeit.
Erick Kiplagat Sang und Kennedy Kimutai, Kenias Außenseiter
Hinter den beiden Aushängeschildern sorgen Erick Kiplagat Sang (2:04:30 Stunden) und Kennedy Kimutai (2:05:27 Stunden) für enorme Tiefe im kenianischen Team. In einem Ausscheidungsrennen könnten sie als Helfer den Zug an der Spitze verschärfen und das Feld zermürben.
Diese Herausforderer darf man nicht unterschätzen
Victor Kiplangat, der Titelverteidiger aus Uganda
2023, bei der vergangenen Weltmeisterschaft, glänzte er auf dem Asphalt von Budapest und holte nach einem kontrollierten Rennen in 2:08:53 Stunden Gold für sein Land. Mit einer persönlichen Bestzeit von 2:05:05 will der 29-Jährige beweisen, dass er weiterhin zu den Besten auf der Königsdistanz gehört.
Othmane El Goumri, Marokkos Konstante
Mit 33 Jahren kennt Othmane El Goumri das Geschäft. Seine Bestzeit von 2:05:12 Stunden reicht nicht an die Zeiten der Äthiopier heran, doch seine Erfahrung bei großen Marathons in London, New York und Valencia macht ihn zu einem Läufer, den man im Blick behalten sollte.
Richard Ringer, der diabolische Finisher
Als Europameister im Marathon von München 2022 ist Richard Ringer der Prototyp des „Meisterschaftsläufers“. Seine Bestzeit von 2:05:36 lässt Ostafrika nicht erzittern, doch seine taktische Klasse und sein überragender Endspurt sind seine stärksten Waffen. Ringer hat schon bewiesen, dass er geduldig auf seine Chance warten und im richtigen Moment zuschlagen kann.
Amanal Petros, Deutschlands Kenianer
Mit einer Zeit von 2:04:58 Stunden gehört Amanal Petros zu den wenigen Europäern, die sich den kenianischen und äthiopischen Standards nähern. Er trainiert einen großen Teil des Jahres im kenianischen Hochland und hat sich in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Seine Vorliebe für schnelle Rennen könnte ihn in die Top fünf der WM führen.
Ryota Kondo und Kyohei Hosoya, Japans Hoffnungen
Vor heimischem Publikum will Japan keineswegs nur Statist sein. Ryota Kondo (2:05:39 Stunden) und Kyohei Hosoya (2:05:58 Stunden) stehen für die neue japanische Generation. Das traditionell begeisterungsfähige Publikum in Tokio könnte ihnen zusätzliche Kräfte verleihen. Die Stimmung bei den Spielen 2021 ist noch in Erinnerung: Tokio kann seine Marathonläufer über sich hinauswachsen lassen.
Das ist die persönliche Bestzeit von Deresa Geleta, die schnellste Zeit im Feld. Zum Vergleich: Den Weltrekord hält weiterhin Kelvin Kiptum mit 2:00:35 Stunden, gelaufen 2023 in Chicago. Viel fehlt also nicht bis zum heiligen Gral.
Das Gewicht der Geschichte
Bei Weltmeisterschaften wurde der Männer-Marathon fast immer von Ostafrika dominiert. Seit dem Sieg des Kenianers Douglas Wakiihuri 1987 bis zum Triumph des Äthiopiers Tamirat Tola 2022 in Eugene ist die Richtung eindeutig. Die Europäer konnten nur wenige Medaillen gewinnen, etwa Abel Antón aus Spanien in den 1990er-Jahren. Der amtierende Weltmeister ist Victor Kiplangat, der 2023 in Budapest in 2:08:53 Stunden triumphierte und das Rennen souverän beherrschte. In Tokio könnte ein neues Gesicht aus Äthiopien, Kenia oder Uganda die Tradition fortschreiben.
Mögliche Rennszenarien
Schnelles Rennen von Beginn an: Takele oder Ngetich drücken von Anfang an aufs Tempo. Die Folge: Nur die Läufer mit Zeiten um 2:03 Stunden können folgen, und das Podium wird über die Ermüdung entschieden.
Taktisches Rennen: Geleta und Ringer halten sich zurück, die Außenseiter bleiben in Kontakt. Die letzten fünf Kilometer werden zum Massensprint.
Die japanische Überraschung: Kondo oder Hosoya nutzen es aus, dass sich das Feld belauert, setzen sich an die Spitze und greifen, getragen vom Publikum, nach dem Podium.
Alle Zutaten sind vorhanden: ein außergewöhnlich dicht besetztes Feld, die historische Rivalität zwischen Kenia und Äthiopien, ambitionierte europäische Außenseiter und ein Gastgeberland, das seine Marathonläufer feiern will. Der WM-Marathon ist oft eine Frage des Tempos, der Hitze, der Luftfeuchtigkeit, taktischer Finten und der Geduld. Mit seinen langen Straßen und dem leidenschaftlichen Publikum könnte Tokio einen der spannendsten Kämpfe der vergangenen Jahre erleben.