Weltmeisterschaften in Tokio: Beatrice Chebet bleibt die Chefin über 5000 m und krönt sich nach 10.000 m zum Double
In der feuchten Hitze von Tokio lief Beatrice Chebet die 5000 m nicht einfach nur, sie beherrschte sie nach Belieben. Nach ihrem Goldlauf über 10.000 m setzte sich die Kenianerin in einem atemlosen Finale erneut gegen ihre enge Freundin Faith Kipyegon durch und machte das historische Double perfekt.
Ein Duell zwischen zwei Freundinnen, aber nur eine kann gewinnen. Letzte Kurve, Faith Kipyegon (31) führt das 5000-m-Finale bei den Weltmeisterschaften in Tokio an diesem Samstag. Doch auf der Zielgeraden macht Beatrice Chebet (25) es wie schon in Paris 2024, zündet den Turbo und lässt in 14:54,36 Minuten das gesamte Feld hinter sich. Die Zeit ist dabei fast Nebensache. Ihre kenianische Landsfrau (14:55,07) und Nadia Battocletti (14:55,42) komplettieren schließlich das Podium dieses packenden Finales. Nach Gold über die 10.000 m macht die Kenianerin das Double perfekt und schreibt sich noch ein Stück tiefer in die Geschichte dieser Distanz ein. Seit den Olympischen Spielen von Paris gehört das Duell zwischen Beatrice Chebet und Faith Kipyegon zu den spannendsten Rivalitäten im internationalen Frauen-Langstreckenlauf. „Meine Freundin Beatrice Chebet ist die Beste“, sagte Kipyegon nach dem Duell der großen Favoritinnen. Sie hatte vor wenigen Tagen die 1500 m dominiert und die Distanz bereits bei den Weltmeisterschaften in Budapest gewonnen. In Japan war jedem Leichtathletikfan klar: Diese beiden würden bis zum Schluss oder fast bis zum Schluss den Ton angeben.
🗼 #WCHTokyo25 | 🇰🇪 KENIA MIT DEM DOPPELSIEG IM 5000-M-FINALE!
Beatrice Chebet holt Gold, ihre Landsfrau Faith Kipyegon Silber!
📺 Den Livestream verfolgen: https://t.co/QFMsWhP2wW pic.twitter.com/UYkBj4vm2z
— francetvsport (@francetvsport) September 20, 2025
„Ich glaube, wir müssen uns keine Grenzen setzen“
„Mit zwei Goldmedaillen nach Hause zu fahren, macht mich wirklich glücklich“, sagte die Weltrekordlerin über diese Distanz (13:58,06 Minuten), die sie im vergangenen Juli in Eugene (USA) aufgestellt hatte. Nach dem Sieg über 10.000 m wollte ich auch wieder die 5000 m gewinnen, so wie in Paris. Ich hatte eine unglaubliche Saison. Ich mache mir selbst immer Mut und glaube, dass wir uns keine Grenzen setzen müssen. Wenn du eine gute Einheit absolvierst, kannst du jede Herausforderung annehmen. Wenn man mit Faith (Kipyegon) und Nadia (Battocletti) läuft, muss man nur an sich glauben. Heute war kein einfaches Rennen. Ich bin ohne Druck hierhergekommen und wusste, dass ich mich nicht stressen durfte. Egal, ob man verliert oder gewinnt: Man muss an sich glauben und die Kraft haben, stärker zurückzukommen. Es ist verrückt, Gold und Silber nach Kenia zu holen. Faith und ich sind schon lange befreundet. Wir motivieren uns gegenseitig, und ich bin mit unseren Leistungen sehr zufrieden. Wir wollten alle drei Medaillen für Kenia gewinnen, aber leider hat es für Anes Jebet (Ngetich) nicht gereicht. Ich wünsche ihr alles Gute. Sie läuft stark, und ich glaube, ihre Zeit wird kommen.“
Taktik, Tempo und die letzten hundert Meter
Der Start verlief vorsichtig, fast feierlich. Erst nach und nach zog das Tempo an, während die beiden Topfavoritinnen das Rennen beobachteten und ihre Kräfte taxierten. Die US-Amerikanerinnen Shelby Houlihan (am Ende Vierte in 14:57,42) und Josette Andrews (Sechste in 15:00,25) machten zunächst Tempo. Agnes Jebet Ngetich (15. in 15:13,78) begnügte sich derweil mit einem gleichmäßigen Trabtempo von 3:17 Minuten pro Kilometer, hochgerechnet auf 15:40 Minuten zur Rennhälfte, eher im „lockeren Dauerlauf“. Anders als in manchen Rennen, in denen vom ersten Kilometer an ein mörderisches Tempo angeschlagen wird, war dieses 5000-m-Finale zunächst von Taktik geprägt. Faith Kipyegon bildete lange das Schlusslicht, bevor sie sich nach der 1500-m-Marke wieder im Feld nach vorn arbeitete.
600 Meter vor dem Ziel erhöhten die Kenianerinnen das Tempo, doch Battocletti übernahm an der Glocke mutig die Führung. Das Feld zog sich auseinander, zwischendurch wurde das Tempo wieder langsamer, dann folgten vereinzelte Beschleunigungen. Erst im letzten Kilometer übernahmen Chebet und Kipyegon endgültig das Kommando. In der Schlusskurve schien Kipyegon die bessere Position zu haben, doch Chebet trat auf der Zielgeraden mit einer explosiven Beschleunigung an und hatte noch genügend Kraft, um den Konter abzuwehren. Ein Fotofinish, in dem jeder Schritt zählte.
Das Double: eine historische Leistung?
Das Double über 10.000 m und 5000 m bei Weltmeisterschaften ist nichts Neues. Doch beide Distanzen in derart umkämpften Rennen gegen Konkurrenz von Weltklasse auf höchstem Niveau zu gewinnen, bleibt selten. Chebet hatte mit ihrem Sieg über 10.000 m (30:37,61 Minuten) bereits angedeutet, dass sie in einer geradezu überirdischen Form ist. Damals verwies sie Nadia Battocletti und Gudaf Tsegay (Fünfte über 5000 m in 14:57,82) in einem explosiven Finish auf die Plätze. Dieser Erfolg unterstreicht, dass sie zu den prägenden Gesichtern des internationalen Frauen-Langstreckenlaufs gehört. Bei Weltmeisterschaften muss man bis 2011 und zu den Titelkämpfen in Daegu (Südkorea) zurückgehen, um ein 5000-m-/10.000-m-Double bei den Frauen zu finden. Damals gelang es der Kenianerin Vivian Cheruiyot.
Battocletti, die starke Überraschung auf dem Weg an die Weltspitze
Nadia Battocletti, die vielen vor allem aus längeren Rennen bekannt ist, schob sich souverän in die Spitzengruppe und gewann Italiens siebte Medaille vor dem letzten Wettkampftag am Sonntag. Ihr dritter Platz, während sich die beiden Kenianerinnen vorne ein packendes Duell lieferten, ist bemerkenswert: Die Italienerin fügt ihrer internationalen Medaillensammlung ein weiteres Edelmetall hinzu. Auf europäischer Ebene hatte sie bereits mit dem Double über 5000 m und 10.000 m bei den Europameisterschaften 2024 in Rom sowie mit mehreren Crosslauf-Titeln im italienischen Team für Aufsehen gesorgt. Schon in der Nachwuchsklasse hatte die von ihrem Vater Giuliano, einem früheren Junioren-Weltmeister, trainierte Läuferin bei den U23-Europameisterschaften in Tallinn beeindruckt und den Titel über 5000 m gewonnen.
Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris hatte Battocletti ihrer Sammlung mit Silber über 10.000 m eine weitere wertvolle Medaille hinzugefügt. Sie war damit die erste Italienerin auf einem olympischen Podium über diese Distanz. Ihre Bestzeiten sprechen für sich: 14:23 Minuten über 5000 m, 30:38 Minuten über 10.000 m, dazu starke Leistungen in der Halle und auf der Straße. Mit 31 nationalen Titeln und mehreren italienischen Rekorden beweist Nadia nicht nur große mentale Stärke, weil sie auch dann nicht nachlässt, wenn das Hauptduell im Rampenlicht stattfindet. Sie versteht es ebenso, die Momente zu nutzen, in denen sich das Tempo verändert, und dranzubleiben, wenn es darauf ankommt.
Was Hassans Fehlen verändert hat
Sifan Hassan, Olympiasiegerin über 5000 m von 2021 und Silbermedaillengewinnerin bei den Weltmeisterschaften in Budapest, war in diesem Duell nicht dabei. Ihr Fokus lag auf dem Marathon von Sydney (2:18:22 Stunden, Streckenrekord) am vergangenen 31. August. Ihr Fehlen hinterlässt eine Lücke, eröffnet aber auch eine Chance, und Chebet hat sie genutzt. Das Duell zwischen Chebet und Kipyegon bekommt dadurch eine größere Dimension: Es ist ein Schlagabtausch ohne den Schatten von Sifan Hassan, dafür umso klarer fokussiert auf zwei Athletinnen, deren Wege sich kreuzen, die sich herausfordern und bewundern.