WM in Tokio: Fotofinish krönt den Tansanier Alphonce Felix Simbu zum Marathon-Weltmeister

Dorian Vuillet
Von Dorian Vuillet

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

WM in Tokio: Fotofinish krönt den Tansanier Alphonce Felix Simbu zum Marathon-Weltmeister

Ein Marathon, der zum Sprint wurde. Auf den Straßen Tokios fiel die Entscheidung an diesem Feiertag im Fotofinish: Amanal Petros warf sich über die Ziellinie, doch Alphonce Felix Simbu setzte sich hauchdünn durch (2:09:48 Stunden). Der Italiener Iliass Aouani komplettierte ein überraschendes Podium in einem Rennen, das vom Einbruch mehrerer Favoriten und dem Fehlen der ugandischen Stars Cheptegei und Kiplimo geprägt war.

Ein Marathon mit dem Verlauf eines 100-Meter-Rennens. Nach einem einmaligen, letztlich anekdotischen Fehlstart fiel die Entscheidung um den Marathon-Weltmeistertitel am Montagmorgen am dritten Tag der Leichtathletik-WM in Tokio im Fotofinish. Mit gerade einmal drei Hundertstelsekunden Vorsprung glaubte der Deutsche Amanal Petros, sich mit einem Hechtsprung über die Ziellinie gerettet zu haben. Doch der Tansanier Alphonce Felix Simbu lag wenige Zentimeter vor ihm (beide in 2:09:48 Stunden). Wenige Sekunden zuvor hatte er sich bei der Einfahrt ins Nationalstadion beinahe noch verlaufen. Das hätte ihn die erste Goldmedaille in der Geschichte seines Landes kosten können. Als Dritter im Hauptstadtstadion durfte der Italiener Iliass Aouani (2:09:53 Stunden) Bronze bejubeln.

Das Fotofinish im Männer-Marathon. (Bild von World Athletics)

„Als ich ins Stadion kam, war ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich gewinnen kann“, erklärte Simbu nach diesem inzwischen legendären Moment. „Auch nach dem Überqueren der Ziellinie nicht! Aber als ich mich auf den Großbildschirmen ganz oben in der Ergebnisliste sah, war ich erleichtert.“ Petros war trotz des hauchdünnen Rückstands frustriert, reagierte aber mit Größe. „Es sah aus wie ein 100-Meter-Rennen, genau wie am Sonntag beim Frauen-Marathon, der ebenfalls im Sprint entschieden wurde“, erinnerte der Deutsche. „Ich bin sehr traurig, muss das Ergebnis aber akzeptieren. Heute verlierst du, morgen gewinnst du. So ist das Leben, und deshalb treten wir gegeneinander an. Glückwunsch an Simbu!“

Ein hohes Tempo von Beginn an

An diesem Feiertag in Japan wurde der Respekt-vor-den-Alten-Tag (Keirō no hi) gefeiert. Ein nationaler Feiertag, bei dem Geduld und Ausdauer im Mittelpunkt stehen, also genau jene Werte, die zu diesem WM-Marathon passten. Denn schon auf den ersten Kilometern machte Vincent Kipkemoi Ngetich Druck und passierte Kilometer fünf in 15:22 Minuten.

In seinem Windschatten gaben die Favoriten Victor Kiplangat, Stephen Kissa, Deresa Geleta, Tadese Takele, Abel Chelangat, die Kenianer Hillary Kipkoech und Kennedy Kimutai sowie ein bärenstarker Petros das Tempo vor. Die Halbmarathonmarke nach 1:05:19 Stunden und Kilometer 30 in 1:32:27 deuteten auf ein hohes, beinahe rekordverdächtiges Tempo hin. Lange hielt das nicht an. Der auf dem Papier stärkste Läufer, der Äthiopier Deresa Geleta mit einer persönlichen Bestzeit von 2:02:38 Stunden, schien alles unter Kontrolle zu haben. Doch der Marathon ist der oberste Richter: Nach Kilometer 35 war die schnellste Bestzeit im Feld plötzlich Geschichte, ausgelöscht von der Belastung.

Die entscheidende Phase: 15 Läufer kämpfen um den Titel

Kurz vor Kilometer 38 träumten noch 15 Läufer vom WM-Titel. Wenig vor Kilometer 39 dann die Überraschung: Der Ugander Kiplangat, Weltmeister von 2023, musste abreißen lassen. Genauso wie einige Zuschauer, die sich vom Rennen mitreißen ließen und ein paar hundert Meter neben den Eliteläufern herliefen, um den Atem dieses Rennens zu spüren, bevor sie erschöpft stehen blieben. An der Spitze versuchte Abel Chelangat, seinen Rhythmus durchzudrücken, und führte eine kleine Gruppe von fünf Läufern an. Doch am Eingang zum Stadion von Tokio brach auch er ein und öffnete damit die Tür für ein chaotisches Finale. Im Zielsprint setzte sich der Olympia-Dritte von Rio und WM-Dritte von London 2017, Alphonce Felix Simbu, mit dem nötigen Riecher im Fotofinish durch, wie man es aus Sprintwettbewerben kennt, und bezwang den bis dahin beeindruckend stabilen Petros. Der Italiener Aouani komplettierte nach einer starken Aufholjagd das Podium, die weiter oben bereits beschrieben wurde.

🤯 Das Fotofinish entschied über den Sieger des Männer-Marathons bei der WM in Tokio.

🇹🇿 Alphonce Simbu holte Gold vor 🇩🇪 Amanal Petros. pic.twitter.com/zCzRW8t1v8

— Federico Barreiro ⑫ (@BarrMore) 15. September 2025

Europa liefert ab

Dieser Marathon wird auch als Rennen in Erinnerung bleiben, in dem Europa glänzte: Drei Europäer landeten unter den ersten sieben, Petros, Aouani und Yohanes Chiappinell. Ein Beleg dafür, dass die Läufer des alten Kontinents der feuchten Hitze und dem hohen Renntempo standhielten, während einige afrikanische Favoriten nachließen. Der Israeli Maru Teferi, 2023 in Budapest bereits Zweiter, lag zur Halbmarathonmarke noch 28 Sekunden hinter der Spitze, musste den Kontakt zum Podium später aber abreißen lassen.

Die großen Abwesenden: Cheptegei und Kiplimo

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die großen Abwesenden: Joshua Cheptegei und Jacob Kiplimo. Die beiden Ugander, die an große Medaillen gewöhnt sind, hatten aus „persönlichen Gründen“ abgesagt. Cheptegei, Weltrekordhalter über 5.000 und 10.000 Meter, dreifacher Weltmeister über 10.000 Meter und Olympiasieger 2024 über diese Distanz, wird am Marathon von Amsterdam am 19. Oktober erwartet. Sein Landsmann Kiplimo, WM-Dritter 2022 und Olympia-Dritter von Tokio über 10.000 Meter, startet am 12. Oktober beim Chicago-Marathon. Im Frühjahr hatte er in London mit Rang zwei in 2:03:37 Stunden beeindruckt.

Der Tokio-Marathon 2025 erinnert an eine unverrückbare Regel: Bei einer großen Meisterschaft entscheiden die Zeiten nicht alles. Geleta, der schnellste Läufer im Feld, brach ein. Die Favoriten Kiplangat und Chelangat mussten am Ende ebenfalls reißen lassen. Simbu, ein erfahrener und zäher Läufer, teilte seine Kräfte besser ein und holte nach 42,195 Kilometern Gold. Wie so oft bei Meisterschaften waren Taktik, Geduld und mentale Stärke stärker als die Statistik. An diesen Feiertag werden sich Tokio und Tansania noch lange erinnern.