WM in Tokio: Tigst Assefa gegen den Rest der Welt im Frauenmarathon

Dorian Vuillet
Von Dorian Vuillet

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

WM in Tokio: Tigst Assefa gegen den Rest der Welt im Frauenmarathon

Weltrekord, Olympiasiegerinnen und angriffslustige Außenseiterinnen: Der Frauenmarathon bei der WM in Tokio verspricht ein Rennen für die Geschichtsbücher. Tigst Assefa führt die Bestenliste an, doch dahinter ist das Feld dicht. Vielleicht schlägt die Stunde von Manon Trapp?

Noch nie hatte ein Frauenmarathon bei Weltmeisterschaften so viele Läuferinnen am Start, die unter 2:20 Stunden bleiben können. Mit Tigst Assefa (Äthiopien) und ihren unglaublichen Rekorden haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Doch Vorsicht: Bei Meisterschaftsrennen zählen Bestzeiten weniger als Renneinteilung und Erfahrung. Tokio kann mit seinem im September mitunter drückenden Klima am 14. September ab 0:30 Uhr (französischer Zeit) für einen völlig unerwarteten Rennverlauf sorgen.

Tigst Assefa, die unangefochtene Königin

Mit 2:11:53 Stunden pulverisierte Tigst Assefa 2023 in Berlin den Weltrekord. Noch vor fünf Jahren schien eine solche Zeit schlicht unmöglich. Mit 28 Jahren steht die Äthiopierin für eine neue Ära im Frauenmarathon: Das Tempo der Männer von vor zehn Jahren ist inzwischen eine weibliche Referenz. Assefa besitzt die einzigartige Fähigkeit, 3:07 Minuten pro Kilometer zu laufen und dieses Tempo 42 Kilometer lang zu halten. Ihr Geheimnis? Der blitzschnelle Wechsel vom Mittelstreckenlauf zum Marathon, sie lief im Laufe ihrer Karriere 800 Meter in 1:59 Minuten, eine außergewöhnliche Schmerztoleranz und eine beeindruckende Laufeffizienz. Doch die jüngere Vergangenheit zeigt, dass auch eine Königin straucheln kann. In Boston 2024 gab sie auf. Ihr Erfolgsmodell ist also nicht unfehlbar. Tokio wird damit zum Prüfstein: absolute Dominanz oder die erste große Niederlage bei einer Meisterschaft?

Die äthiopische Armada: Tiefe im Kader

Sutume Asefa Kebede, die gefährliche Teamkollegin

Mit einer Bestzeit von 2:15:55 Stunden gehört Sutume Asefa Kebede zu den wenigen Läuferinnen, die Assefa bei hohem Tempo folgen können. Sie hat mehrere internationale Marathons gewonnen, darunter in Dubai und Seoul, und versteht es hervorragend, in der Gruppe zu laufen. Ihr Plan? Die Aufmerksamkeit auf Tigst nutzen und mit einer überraschenden Attacke zuschlagen.

Tigist Ketema, die nächste Generation

Im Januar 2024 sorgte Tigist Ketema in Dubai mit einer Zeit von 2:16:07 Stunden bei ihrem ersten großen Marathon für Aufsehen. Mit gerade einmal 25 Jahren steht sie für die nächste Generation Äthiopiens. Sie ist weniger erfahren, aber voller Mut und könnte bei einem harten Rennverlauf als Überraschungsgast auf dem Podium landen.

➜ Mit Assefa, Kebede und Ketema stellt Äthiopien ein Trio auf, das das Rennen kontrollieren und ein höllisches Tempo anschlagen kann.

Kenia: die Erfahrung der großen Meisterinnen

Peres Jepchirchir, die Chefin für die großen Rennen

Wenn es um Meisterschaftsrennen geht, führt kein Weg an Peres Jepchirchir vorbei. Olympiasiegerin 2021 in Tokio und zweifache Halbmarathon-Weltmeisterin: Die Kenianerin besitzt etwas, das den anderen fehlt, nämlich eine herausragende taktische Rennintelligenz. Ihre Bestzeit von 2:16:16 Stunden bringt sie in der Hierarchie weit nach vorn. Vor allem aber weiß sie, wie man sich in stärksten Feldern durchsetzt.

In Boston und New York hat sie bereits bewiesen, dass sie unter schwierigen Bedingungen gewinnen kann. Tokio 2025 bietet ihr die Chance, Assefa den scheinbar schon sicheren Titel zu entreißen.

Magdalyne Masai, die Konstante

Mit einer persönlichen Bestzeit von 2:18:58 Stunden ist Magdalyne Masai keine Rekordjägerin, aber von beeindruckender Konstanz. Ihre Fähigkeit, unter allen Bedingungen Zeiten um 2:19 Stunden zu laufen, kann sie aufs WM-Podium bringen, vor allem wenn die Hitze oder ein zu schnelles Anfangstempo die Favoritinnen zermürbt.

Als einzige Französin im Marathonfeld hofft Manon Trapp auf ein Lächeln beim Überqueren der Ziellinie© Als einzige Französin im Marathonfeld hofft Manon Trapp auf ein Lächeln beim Überqueren der Ziellinie. © STADION-ACTU

Diese Außenseiterinnen sollte man im Blick behalten

Lonah Chemtai Salpeter, die Erfahrene

Europameisterin 2022, Lonah Chemtai Salpeter (Israel) kann bereits auf eine starke Bilanz verweisen: Sie gewann Bronze bei der WM 2022 in Eugene und mehrere Rennen im internationalen Circuit. Ihre Bestzeit von 2:17:45 Stunden beweist, dass sie das Tempo hat. Noch beeindruckender ist jedoch ihre mentale Härte. Sie kann sich kilometerlang allein durchbeißen und überraschen, wenn das Rennen früh auseinanderfliegt.

Stella Chesang, Ugandas Zukunft

Die frühere 10.000-Meter-Spezialistin Stella Chesang hat den Wechsel auf die Straße glänzend gemeistert. Mit 2:18:26 Stunden hat sie sich bereits unter den besten 20 der Welt etabliert. Mit gerade einmal 28 Jahren verkörpert sie Ugandas aufstrebende Generation. Weniger erfahren als die Topfavoritinnen, aber mit großer Ausdauer ausgestattet, könnte sie bis ins Ziel an der Spitzengruppe dranbleiben.

Susanna Sullivan, die Amerikanerin auf der Lauer

Mit einer persönlichen Bestzeit von 2:21:56 Stunden hat Susanna Sullivan nicht die Mittel, um den Sieg mitzulaufen. Ein Platz unter den besten zehn der Welt ist aber durchaus möglich und wäre für eine US-Amerikanerin bereits ein herausragendes Ergebnis. In einem Meisterschaftsrennen kann sie von einem unrhythmischen Verlauf profitieren und Position um Position gutmachen.

Manon Trapp ... warum eigentlich nicht?

Mit 2:23:38 Stunden aus Sevilla 2024 startet Manon Trapp auf Rang 15 der Welt. Nach dem Verzicht der französischen Rekordhalterin Mekdes Woldu Mitte August ist sie die einzige Französin über die klassische Distanz. Gegen diese brutale Konkurrenz um den Sieg hat sie dennoch Argumente auf ihrer Seite. Für die Savoyerin liegt zudem Wiedergutmachung in der Luft, nachdem sie im vergangenen Jahr nicht für die Olympischen Spiele in Paris nominiert worden war. Ein Platz unter den besten zehn? Vielleicht sogar mehr. Hoffen darf man ja.

Das ist Assefas Weltrekord. Zum Vergleich: Der WM-Rekord liegt bei 2:18:11 Stunden, aufgestellt von Gebreslase 2022 in Eugene. Anders gesagt: Wenn das Rennen schnell wird, könnte Assefa die historischen Bestmarken pulverisieren.

Das Gewicht der Geschichte

Der Frauenmarathon bei Weltmeisterschaften ist offener als der der Männer. Ostafrika dominiert klar, doch auch Europäerinnen und Asiatinnen haben sich immer wieder in den Kampf um die Medaillen eingemischt. 2019 in Doha triumphierte Ruth Chepngetich (Kenia) bei erdrückender Hitze. 2022 in Eugene setzte sich Gotytom Gebreslase (Äthiopien) in 2:18:11 Stunden durch.

Tokio 2025 könnte Assefa krönen, aber auch daran erinnern, dass Meisterschaftsrennen immer Überraschungen bereithalten: die richtige Versorgung, die Anpassung an das Klima und die Fähigkeit, wiederholten Attacken standzuhalten.

Mögliche Rennverläufe

  • Assefas Dominanz: Die Äthiopierin schlägt ein Tempo von etwa 2:14 bis 2:15 Stunden an, und niemand kann folgen.

  • Taktisches Rennen: Jepchirchir hält sich zurück, alle beobachten Assefa. Die Gruppe bleibt bis Kilometer 35 zusammen, bevor es auf einen Endspurt hinausläuft.

  • Die Gruppe zerfällt: Unter Tokios Hitze wird ein hohes Anfangstempo teuer. Außenseiterinnen wie Salpeter oder Chesang nutzen das und laufen zur Medaille.

Der Frauenmarathon bei der WM 2025 verspricht das Rennen des Jahres zu werden. Tigst Assefa geht als Favoritin an den Start, doch dahinter ist das Feld beeindruckend dicht. Jepchirchir steht für Erfahrung, Kebede und Ketema für die Jugend, Salpeter und Chesang für den Mut der Außenseiterinnen. Tokio könnte eine unangefochtene Königin krönen ... oder eine jener Überraschungen liefern, die nur die Geschichte des Marathons bereithält.