Volle Straßen, austauschbare Wettkämpfe … Stadtläufer finden ihren Ausweg auf unbefestigten Wegen, 20 Minuten hinter dem Stadtring. Ein grundlegender Wandel, der viel über unser Verhältnis zu Stadt und Leistung verrät.
Seit Jahren wird uns Urban Running als Lebensphilosophie verkauft. Früh aufstehen, die Stadt bezwingen, zwischen roten Ampeln und einem von E-Scootern überfüllten Radweg Kilometer verschlingen. Und es hat funktioniert: Noch nie gab es in Frankreich so viele Läufer. Doch etwas hat sich verändert. Laut dem RunMotion-Barometer 2025 geben Läufer inzwischen durchschnittlich 1.120 Euro pro Jahr aus, 12 Prozent mehr als 2024. Ein beträchtlicher Teil dieses Geldes fließt nicht mehr in Straßenlaufschuhe. Sondern in Sohlen, die sich in den Untergrund krallen. In Gravel Running.
Das Phänomen ist nicht neu. 2025 hat es aber eindeutig die nächste Stufe erreicht. Inzwischen betreiben 50 Prozent der Läufer sowohl Straßenlauf als auch Trailrunning, und der Wechsel zwischen beiden Disziplinen wird immer selbstverständlicher. Dazwischen hat sich eine Grauzone etabliert, weder richtiger Trail noch echter Straßenlauf. Ein Freiraum, der inzwischen GRVL genannt wird und verdächtig nach einer kollektiven Antwort auf den Asphaltfrust aussieht.
Weder Trail noch Straße, einfach etwas anderes
Um zu verstehen, worüber wir sprechen, müssen zunächst einige Missverständnisse aus dem Weg. Gravel Running versöhnt zwei Welten, die lange als Gegensätze galten: den flüssigen Bewegungsablauf des Straßenlaufs und die abwechslungsreichen natürlichen Untergründe. Es geht nicht um technisch anspruchsvolle Trails, endlose Höhenmeter oder steinige Rampen. Gravel Running führt über relativ stabile Wege und moderate Steigungen, über Forstwege, Feldwege und grüne Wege. Dort bleibt der Schritt effizient, ohne dass sich das Knie den ganzen Abend beschwert.
David Jou, Physiotherapeut und Mitgründer von Motiv NY, brachte diese Haltung bei Salomon treffend auf den Punkt: „Als Stadtmensch, der hauptsächlich auf der Straße trainiert, und Ultraläufer, der die technischen Untergründe im Norden des Bundesstaats New York bevorzugt, bietet mir Gravel Running die Vielseitigkeit, nach der ich ständig suche. Es ist eine spannende und effiziente Disziplin, die Abwechslung bringt und die Natur in meine sportliche Routine in der Stadt integriert. Ganz zu schweigen von den Vorteilen für meine Gelenke.“ Genau das ist der typische Gravel Runner. Nicht unbedingt jemand, der den UTMB finishen will. Sondern jemand, der einfach weg vom Gehweg möchte.
Natur in S-Bahn-Reichweite
Eines der stärksten Argumente für Gravel Running ist die geografische Zugänglichkeit. Während Trailrunning oft ein Auto, ein freies Wochenende und ein Paar Stöcke voraussetzt, lässt sich Gravel Running ohne Menschenmassen und ohne den Stress des Stadtverkehrs in naturnaher Umgebung betreiben, als Rückkehr zur Umgebung in einem menschlichen Tempo. Tools wie Komoot, OpenRunner oder AllTrails zeigen innerhalb weniger Minuten die Wege, die dort beginnen, wo der Asphalt endet. Und oft liegen sie näher, als man denkt.
Auf Feldwegen laufen, an einem Fluss entlang, durch einen Wald … solche Momente schaffen eine echte mentale Auszeit, fern von Stadtstress und Verkehrslärm. Gravel Running lädt die Akkus auf und verbraucht gleichzeitig Energie. Das ist nicht nebensächlich. In einer Zeit, in der immer mehr Studien zum mentalen Wohlbefinden von Läufern erscheinen, ist der Einfluss der Natur auf den Cortisolspiegel längst belegt. Beim Laufen keine Ampeln im Blick behalten zu müssen, nicht auf ein entgegenkommendes Fahrrad achten zu müssen und keine Abgase einzuatmen, tut auch dem Kopf gut.
Die Suche nach Natur spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Laut dem nationalen Barometer der Sportgewohnheiten 2025 des CREDOC sind Gehen und Laufen die beliebtesten Aktivitäten: 32 Prozent der Befragten geben an, mindestens einmal pro Woche zu laufen. Und ein beträchtlicher Teil dieser Läufe führt inzwischen weg vom Asphalt.
Das Coole ist, dass du mit diesen Schuhen laufen und danach noch etwas trinken gehen kannst, ohne wie ein Idiot auszusehen
Salomon hat den Wind gedreht und war allen anderen weit voraus
Die Marken warteten nicht, bis das Phänomen den Mainstream erreicht hatte, um sich zu positionieren. Allen voran Salomon legte sich ins Zeug. Bereits in der Herbst-Winter-Saison 2024/25 stellte die Marke aus Annecy das GRVL-Konzept vor, eine Schuhlinie für Gravel Running. Sie verbindet die Dämpfung und den Rebound von Straßenlaufschuhen mit zusätzlichem Grip, inspiriert von Gravelbike-Reifen. Die Idee hinter der Außensohle? Genau wie beim Radfahren auf einem steinigen Weg: den Untergrund packen, ohne auf der Straße an Tempo einzubüßen.
Anfang 2025 präsentierte Salomon den Aero Glide 3 GRVL, der schnell zum Maßstab für Gravel Running 2025 avancierte. Er bietet eine ausgewogene Kombination aus Dämpfung, Dynamik und Robustheit. Der Aero Glide 3 GRVL wiegt gerade einmal 275 Gramm und verfügt über eine hohe Mittelsohle mit 40 Millimetern Fersen- und 32 Millimetern Vorfußhöhe, aufgebaut aus Energy Foam Evo. Sein kleiner Bruder, der Aero Blaze 3 GRVL, legt bei der Reaktionsfreude noch eine Schippe drauf. Und die Entwicklung ist damit nicht abgeschlossen: Die Frühjahr-Sommer-Kollektion 2026 treibt das Konzept weiter, setzt stärker auf Fashion und erweitert das Sortiment um Bekleidung und eine Laufweste.
Wie ein Designer der Marke im Field Mag zusammenfasste: „Gravel ist eine einzigartige Möglichkeit, den Outdoor-Spirit zurück in die Städte zu bringen. Läufer wollen die Natur vor ihrer Haustür entdecken.“ Und er fügte mit entwaffnender Offenheit hinzu: „Das Coole ist, dass du mit diesen Schuhen laufen und danach noch etwas trinken gehen kannst, ohne wie ein Idiot auszusehen “.
Art Basel, Champs-Élysées und Feldwege
Salomon brachte aber nicht nur Schuhe heraus. Im Oktober 2025 setzte die Marke auch ein deutliches kulturelles Zeichen. Vom 24. bis 26. Oktober feierte Salomon bei der Art Basel Paris mit „Sensorial Terrains“ seinen Einstand. Die immersive Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit dem Studio PAVILLON NOIR und dem visuellen Künstler Theo Tagholm und wurde im Herzen des Grand Palais präsentiert. Der Flagshipstore an den Champs-Élysées verwandelte sich mit zwei frei zugänglichen Installationen in eine temporäre Kunstgalerie, während Community Runs am Store starteten.
Die Botschaft war eindeutig: „GRAVEL RUNNING is as much culture as practice: fluid, intentional, curious, and shaped by experience rather than competition.“ Anders gesagt: Die Marke verkauft nicht mehr nur einen Schuh. Sie verkauft eine Art, die Stadt zu erleben, indem man sie verlässt, aber eben auch, indem man sie anders durchquert. Salomon positionierte Gravel damit bewusst als Teil der allgemeinen Kultur, nicht nur als Bestandteil der Performance-Running-Welt.
Salomon veranstaltete außerdem in Lyon einen Gravel Art Run, einen Lauf ohne Leistungsdruck, einen Spaziergang durch die Stadt, ein Eintauchen in die Kunst. Einfach aus dem Wunsch heraus, anders zu laufen. Außerdem arbeitete die Marke mit MEC Vancouver zusammen, um rund um die neuen Modelle Community Runs zu veranstalten. Die Strategie ist schlüssig: Gravel Running soll zuerst eine Bewegung und erst danach ein Markt werden.
Und wie läuft es sich damit?
Auf dem Weg überzeugt das Gravel-Running-Erlebnis alle, die es ausprobiert haben. Wechselnde Untergründe, natürliche Dämpfung, geschonte Gelenke, wenig Ausrüstung, kaum Einschränkungen und ein unkomplizierter Start direkt vor der Haustür: Dieses Rezept spricht erfahrene Läufer auf der Suche nach Abwechslung ebenso an wie Einsteiger, die noch nicht wissen, wie sie den ersten Schritt weg vom Asphalt machen sollen.
Ein Tester von Believe in the Run bezeichnete den Aero Glide 3 GRVL kurzerhand als seinen Lieblingsschuh des gesamten Jahres 2025, nicht nur in seiner Kategorie, sondern auch als täglichen Trainingsschuh auf der Straße. Ein solches Urteil sagt viel aus: Ein gut konzipierter Gravel-Schuh ist kein Kompromiss. Er ist besser als reiner Asphalt, weil er mehr Möglichkeiten eröffnet. Und auf den Wegen hält er, was er verspricht, ohne an Leichtigkeit einzubüßen.
Urban Running auf der Suche nach Sinn
Es wäre zu einfach, Gravel Running als bloße Laune gut vermarkteter Ausrüster abzutun. Hinter dem Trend steckt etwas Grundsätzlicheres: eine echte Neudefinition dessen, was Laufen in der Stadt bedeutet. Die Community, die sich um diese Praxis bildet, teilt eine gemeinsame Haltung: Neugier, Lust aufs Entdecken und Freude am Lauf um seiner selbst willen statt an der reinen Leistung.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Bruch. Nicht in der Abkehr vom Asphalt, so weit sind wir noch nicht, sondern in der Absage an die Logik der reinen Leistung, die das Urban Running lange bestimmt hat. Die Zeit, das Strava-Segment, die flache Strecke auf breitem Boulevard, um möglichst schnell zu sein. Gravel Running erzählt eine andere Geschichte: Der Weg zählt genauso viel wie das Tempo. Wer anhält, um ein Feld anzusehen, läuft trotzdem. Eine Runde muss nicht „optimiert“ sein, um etwas wert zu sein. In einer Zeit, in der wir mit Blick auf die Uhr laufen, ist das Laufen auf einem Feldweg fast schon ein Akt des Widerstands. Und offenbar wollen immer mehr Menschen Widerstand leisten.
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