Im Pôle Athlétisme Bretagne in Cesson-Sévigné mit Sportpsychologe und Mentaltrainer Alexandre Lejeune
Im Pôle Espoir Athlétisme Bretagne in Cesson-Sévigné hat die psychologische Betreuung junger Athletinnen und Athleten höchste Priorität. Wie hilft diese Begleitung den außergewöhnlichen Nachwuchssportlern, ihren Alltag und die Herausforderungen des Leistungssports besser zu bewältigen?
✓ Alexandre Lejeune, Sportpsychologe und Mentaltrainer, arbeitet dort zweimal pro Woche und verbindet psychologische Betreuung mit Mentaltraining.
2004 führte das französische Ministerium für Jugend und Sport eine SMR-Untersuchung (regulatorische sportmedizinische Überwachung) für alle Athleten des französischen Kadersystems ein. Sie muss zwei Monate nach der Aufnahme in eine entsprechende Einrichtung durchgeführt werden. In der Praxis wird diese Pflicht jedoch mitunter eher oberflächlich erfüllt. Aus Zeitmangel oder weil das Interesse an psychologischer Betreuung fehlt, beschränken sich manche auf einen einfachen Fragebogen zum Übertraining, den der Arzt aushändigt, statt einen bis zu anderthalb Stunden dauernden Termin bei einem Psychologen wahrzunehmen.
Der ehemalige Leiter des Leistungszentrums setzt sich für mentale Gesundheit ein
Von den 23 Einrichtungen dieser Art in Frankreich hebt sich das Pôle Espoir Athlétisme Bretagne in Cesson-Sévigné ein wenig ab. Die SMR-Untersuchung wird dort jedes Jahr mit allen Neuzugängen durchgeführt. „So bekomme ich eine Art ‚Steckbrief‘ des Athleten“, erzählt Alexandre Lejeune. 2012 hatte ihn Jonathan Baleston-Robineau kontaktiert, der das Zentrum von 2013 bis 2023 leitete und für diese Themen bereits sensibilisiert war.
Damals war die Einführung einer strukturierten psychologischen Betreuung beinahe ein Wagnis. Der Leiter setzte alles daran, seinen Athleten in einer entscheidenden Phase ihrer Identitätsentwicklung Unterstützung zu bieten und ihnen zugleich Werkzeuge für das Mentaltraining an die Hand zu geben. „Sie verlassen ihr Zuhause und ziehen ins Internat. Das ist schon ein gewaltiger Umbruch bei ihren bisherigen Orientierungspunkten“, betont der Psychologe mit Blick auf die Jugendlichen. Genau darin lag das Neue: Vor mehr als zehn Jahren Geld für diesen Bereich freizumachen, dürfte ein harter Kampf gewesen sein, oder zumindest ein deutliches persönliches Engagement des damaligen Leiters erfordert haben.
In der ersten Sitzung geht es darum, das Gleichgewicht des gesamten Systems rund um den Athleten einzuschätzen und herauszufinden, „wie er sich in seiner Haut fühlt, wenn er nicht gerade seine Spikes trägt“. Manchmal muss man bei persönlichen Themen ansetzen, damit auch die Leistung folgen kann. Meistens hilft die Untersuchung jedoch dabei, Stärken und Schwachstellen zu erkennen und sämtliche Säulen des Athleten unter die Lupe zu nehmen. Die beiden Perspektiven, die des Psychologen und die des Mentaltrainers, ergänzen sich. Durch den Zeitdruck des Wettkampfkalenders können ihre Ziele jedoch mitunter miteinander in Konflikt geraten.
Der Alltag junger Athleten
Heute teilt Alexandre Lejeune seine Zeit zwischen dem Zentrum von Clairefontaine, wo er junge Fußballer betreut, und Cesson-Sévigné auf. Dort befinden sich das Gymnasium und das Internat der Athleten, die er zweimal pro Woche besucht. Seine Rolle ist entscheidend, wenn es darum geht, das Wohlbefinden der jungen Sportler im Blick zu behalten, auch wenn nicht alle ihn auf dieselbe Weise in Anspruch nehmen.
Einige nutzen seine Anwesenheit, um persönlichere Themen anzusprechen. Andere, und das ist die Mehrheit, kommen auf der Suche nach konkreten Werkzeugen für bessere Leistungen. „Neun von zehn schreiben mir, wenn sie hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Dann sagen sie: ‚Ich schaffe es nicht mehr, ich möchte meinen Wettkampfstress besser in den Griff bekommen‘“, beobachtet der Fachmann. Dann übernimmt er stärker die Rolle des Mentaltrainers, ohne seine Arbeit als Psychologe abzulegen. „Von der Generation in diesem Jahr bin ich aber angenehm überrascht. Es gibt ziemlich viele Anfragen zum Verhältnis zum eigenen Körper, zum Selbstwertgefühl oder zum Liebesleben …“
Trotz seiner Ansprache zu Beginn des Schuljahres, in der er die Neuzugänge ermutigt, rechtzeitig zu ihm zu kommen, bleiben die Anfragen in letzter Minute nicht aus. „Ich sage ihnen: Sie dürfen Mentaltraining nicht für ein Bonbon halten, für eine Art Zauberformel“, erklärt er. Und doch melden sich eine Woche vor den französischen Meisterschaften noch Schüler, die er bisher nicht kennengelernt hat. Meist warten diese Jugendlichen, bis das Problem da ist, bevor sie um Hilfe bitten. Manchmal wenden sie sich sehr spät, beinahe zu spät, an den Psychologen. Das Problem ist dieser Reflex, der bei Sportlern vielleicht stärker ausgeprägt ist als in der Gesamtbevölkerung: „Ich muss stark sein, ich komme allein klar.“ Ein gewaltiger Irrtum, denn die meisten unterschätzen die Energie, die es kostet, alles mit sich selbst auszumachen.
Der Bedarf wird vor allem von den Athleten selbst geäußert. Manchmal bitten aber auch Trainer, die täglich mit den Jugendlichen arbeiten, um einen Termin mit dem Psychologen, der dann gelegentlich ein Gespräch zu dritt organisiert. Die Warnsignale sind vielfältig: anhaltende Müdigkeit, fehlende Energie und Spannkraft, Leistungseinbrüche, Rückzug oder Hinweise anderer Athleten, die als Frühwarnsystem dienen. „Eine Freundin traut sich nicht, den ersten Schritt zu machen. Vielleicht müsste man ihr aber eine Nachricht schicken, weil sie es von sich aus nicht tun wird, obwohl ich gesehen habe, dass sie in der Kantine nichts mehr isst“, schildert der Gesundheitsexperte. Essstörungen treten im Mittelstreckenbereich immer wieder auf, und all das kann das Team des Zentrums alarmieren. Da die Eltern ihre Kinder nur am Wochenende sehen, kann Lejeune sich mit ihnen auch aus der Ferne austauschen, um sie über bestimmte Situationen zu informieren, allerdings immer mit dem Einverständnis des Jugendlichen.
Warum diese Begleitung unverzichtbar ist?
Der Begriff Mentaltraining muss derzeit für vieles herhalten. Jeder findet darin eine Möglichkeit, die eigene Leistung zu steigern. Die jungen Athleten dieses Zentrums erhalten eine Betreuung, die genau auf sie zugeschnitten ist. Wer in seinem Verein bleibt und nicht ins Internat zieht, hat diese Möglichkeit nicht. Der Raum für Gespräche, den Alexandre Lejeune anbietet, richtet sich nach dem jeweiligen Anliegen. Er und der Jugendliche, den er betreut, greifen nicht je nach anstehendem Wettkampf wahllos irgendein Thema auf. Oft überlässt er dem Athleten am Ende der Sitzung auch die Entscheidung, wann der nächste Termin stattfinden soll.
Manche verspüren vor allem in den ersten Monaten nach ihrer Aufnahme keinen Bedarf an psychologischer Unterstützung. „Sie kommen mit der Haltung an, selbstbewusst zu sein. Das muss nicht unbedingt der Realität entsprechen, führt aber dazu, dass sie nicht von sich aus nach Hilfe fragen. Manche machen weiter, bis sie gegen eine Wand laufen“, erklärt er. Solange sich nicht die Misserfolge häufen oder Verletzungen sie am Training hindern und sie einen Zusammenhang mit ihrer psychischen Verfassung erkennen, sehen sie keinen Grund für ein Gespräch. „Eine Verletzung kann die Gelegenheit sein, an Dingen zu arbeiten, für die im Alltag keine Zeit bleibt, wenn man voll auf Leistungssuche ist. Das ist ein privilegierter Moment, aber es kommt sehr selten vor, dass ich in solchen Fällen kontaktiert werde.“
Für andere, etwa Agathe Guillemot, aktuell Frankreichs beste Läuferin über 1500 m, verändert die mentale Begleitung nicht unbedingt alles. „Sie hatte bereits sehr wichtige Ressourcen, als sie zu uns ins Zentrum kam“, erklärt Alexandre Lejeune. Wer den Nutzen dieser Sitzungen erkennt, möchte die Begleitung nach dem Weggang manchmal fortsetzen. „Das kann nahtlos weitergehen. Oder ich höre zwei oder drei Jahre nichts von ihnen“, erzählt der Spezialist. „Dann kommen sie zurück.“ In diesem Jahr nahm ein ehemaliger „Patient“ die Betreuung wieder auf, weil er nach eigener Einschätzung nie wieder das gefunden hatte, was sie gemeinsam aufgebaut hatten.
Alexandre Lejeunes Leidenschaft für seinen Beruf ist nie erloschen. Auch nach 15 Jahren Praxis ist seine Begeisterung ungebrochen. Dank dieser Lebensentscheidungen, unter anderem lehnte er 2024 eine Vollzeitstelle bei PSG ab, konnte er an der Seite einiger Athleten außergewöhnliche Erfahrungen sammeln. Besonders drei bretonische Ausnahmetalente begleitete er während der Olympischen Spiele in Paris.
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