Anaïs Quemener: „Mein Sohn gibt mir neue Kraft“
Anaïs Quemener gehört zu den Athletinnen, deren Weg Bewunderung weckt. Die zweifache französische Marathonmeisterin (2016 und 2022) gewann prestigeträchtige Rennen wie den Semi-Marathon du Mont-Ventoux und den Eco Trail de Paris. Die Läuferin von La Meute Running hat eine Brustkrebserkrankung überwunden und verkörpert eine außergewöhnliche Resilienz. 2025 begann für sie ein neues Kapitel: Mit der Geburt ihres Sohnes Elyo wurde sie Mutter.Wenn eine Leistungssportlerin Mutter wird, gerät zwangsläufig einiges in Bewegung. Der Körper verändert sich, Prioritäten verschieben sich, vertraute Orientierungspunkte verschwinden. Für Anaïs Quemener ist es jedoch kein radikaler Schnitt zwischen einem Davor und Danach. Sie spricht vielmehr von Kontinuität: einem Körper, der sich anpasst, einem mentalen Fundament, das stärker wird, und einer neuen, sanfteren Sicht auf die Leistung, die deshalb nicht weniger ehrgeizig ist.✓ In diesem offenen Gespräch erzählt Anaïs Quemener von ihren Erfahrungen als Frau, Mutter und Athletin. Sie spricht über ihre Schwangerschaft, den Wiedereinstieg ins Laufen, ihre Beziehung zu ihrem Sohn und darüber, wie dieses neue Leben ihre Art zu konkurrieren bereichert.
Mutter werden: Ein Körper verändert sich, neue Kraft entsteht
Es gibt Rennen, die hart sind und im Gedächtnis bleiben. Eines der schönsten Rennen von Anaïs Quemener waren jedoch diese neun Monate Schwangerschaft. Ein neues, von vielen Etappen geprägtes Abenteuer, in dem das Laufen stets seinen Platz behalten hat. Leistungssportlerin zu sein und dabei zu sehen, wie sich der eigene Körper verändert, ist trotzdem keine leichte Aufgabe. Anaïs machte sich allerdings keine Sorgen: „Ich dachte, dass es kompliziert werden würde, aber am Ende habe ich es geliebt, zu sehen, wie sich mein Körper von Monat zu Monat verändert.“
Sie räumt ein, dass das Laufen mit einem Baby im Bauch Zweifel und Fragen aufwerfen kann, gerade mit Blick auf die Sicherheit von Mutter und Kind. Aber eines steht für sie fest: Niemand spürt seinen Körper besser als eine Mutter. Die französische Marathonmeisterin sagt: „Ich glaube, das Wichtigste ist, auf sich selbst zu hören und den eigenen Empfindungen zu vertrauen. Wenn es der Mutter gut geht, dem Baby gut geht und von medizinischer Seite grünes Licht gegeben wurde, gibt es keinen Grund, mit der körperlichen Aktivität aufzuhören. Wenn wir uns als Mütter gut fühlen, wird es auch dem Baby gut gehen. “
Und tatsächlich gab Elyo seiner Mutter die Möglichkeit, bis weit in den siebten Schwangerschaftsmonat hinein zu laufen. Anaïs würde sogar sagen: „Ich habe das Gefühl, dass er mich während der Schwangerschaft laufen ließ“. Ein kleiner Junge also, der mit dem Laufen aufgewachsen ist und nun im Kinderwagen weiterhin im Rhythmus der Schritte sanft in den Schlaf geschaukelt wird!
Zurück zum Laufen: ein neuer Atem
Auch 2025 hält für Anaïs Quemener viele emotionale Momente bereit. Sie hat ein Kind zur Welt gebracht und gibt ihrem eigenen Leben zugleich weiterhin mit immer größeren Herausforderungen einen Sinn. Die französische Athletin, die 2024 in Sevilla mit 2:28:43 Stunden ihre Bestzeit lief, wird am 1. Juli beim fünffachen Marathon de Colmar an den Start gehen. Eine Frau fünf Monate nach der Geburt fünf Tage lang jeden Tag einen Marathon laufen zu sehen, ist alles andere als alltäglich. Dafür musste sie das Training relativ schnell wieder aufnehmen und sich auf den Wettkampf vorbereiten. Anpassungen waren nötig: „Ich habe es trotzdem geschafft, etwas Umfang in mein Training zu bringen, und komme auf Wochen mit 100 bis 110 Kilometern. Danach ist es Kopfsache, denn in meinen wichtigsten Wochen stehe ich um vier Uhr auf, um laufen zu gehen“.
Die Läuferin hat auf ihrem bisherigen Weg immer wieder große Stärke bewiesen und tut es weiterhin. Neben all dem, was man sich vorstellen kann, und der zusätzlichen Kraft, die ihr ihre neue Rolle als Mutter gibt, ist aber auch ein Hauch von Schwäche hinzugekommen. Nicht jene Schwäche, die einen weniger stark macht, sondern diejenige, die dabei hilft, stärker und zugleich verletzlicher zu werden.
Es ist lustig, denn ich fühle mich gleichzeitig sehr stark und sehr verletzlich, weil mich alles, was meinen Kleinen betrifft, unglaublich berührt. Einerseits fühlst du dich als Frau sehr stark, weil du ein Kind zur Welt gebracht hast und das etwas Unglaubliches ist. Andererseits trifft dich eine kleine Angst oder jede noch so kleine negative Empfindung, die er haben könnte, viel stärker.“
Beim Semi-Marathon d’Annecy am 26. April 2025, den sie in 1:27:23 Stunden beendete, erlebte Anaïs bei ihrem ersten offiziellen Rennen nach der Geburt den Wettkampf gemeinsam mit ihrem Partner auf eine ganz andere, besonders intensive Weise. „ Es war etwas anders, eine Welle von Emotionen. Etwas sehr Starkes und Kraftvolles hat uns durchströmt“.
Diese Kraft wird sie für all ihre nächsten Ziele nutzen. Sie weiß jetzt, dass sie auch in schwierigen Momenten auf jene Stärke zurückgreifen kann, die ihr die Mutterschaft und ihr Sohn jeden Tag schenken. Mutter zu werden, hat Anaïs Quemener nicht von der Leistung entfernt. Ganz im Gegenteil. Es hat ihr Verhältnis zu Belastung, Training und ihrem Antrieb neu definiert. Ihren Ehrgeiz kann sie kanalisieren, indem sie in ihrem eigenen Rhythmus vorangeht und akzeptiert, eine Belastung aufzuschieben, wenn sie sich noch nicht bereit dafür fühlt. Ihre Stärke sind ihre Entschlossenheit und ihre Besonnenheit, vor allem aber ihr Sohn Elyo.
Als Anaïs Quemener Mutter wurde, hat sie nicht nur ein Leben geschenkt, sondern auch neue Kraft gewonnen. Mehr als ein Antrieb ist ihr Sohn Elyo zu jenem Atem geworden, der sie bei jedem Schritt begleitet. Er erinnert sie jeden Tag daran, dass Leistung eine andere Bedeutung bekommt, wenn ihre Wurzeln in Liebe und Resilienz liegen. Ihr Weg, der bereits vom Sieg über die Krankheit geprägt ist, schlägt nun ein noch inspirierenderes Kapitel auf: das einer Frau, die Mutterschaft und Leistungssport mit entwaffnender Authentizität verbindet.
Stärker, auch verletzlicher, vor allem aber freier zieht Anaïs Quemener weiter ihren Weg, Schritt für Schritt. Sie beweist, dass jede Ziellinie zum neuen Startpunkt werden kann.
Die Redaktion