Antoine Sénéchal: Der Marathon als Lebensatem
Mit 17 Jahren bekam Antoine Sénéchal ein neues Herz. Acht Jahre später bereitet er sich auf eine Herausforderung vor, die einst unerreichbar schien: einen Marathon zu laufen. Dabei geht es ihm um mehr als Leistung. Er will zeigen, dass eine Transplantation den Weg in ein neues Leben ebnen kann.
Neues Herz, neuer Läufer. Einer von vielen in der großen Marathonwelt. Doch Antoine Sénéchal ist kein Marathonläufer wie jeder andere. 2018 herztransplantiert, will er nicht einfach nur die Ziellinie erreichen. Vor allem möchte er wieder das Gefühl haben, vollständig lebendig und leistungsfähig zu sein und seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Kurz gesagt: Er will den Atem des Lebens wiederfinden. Wird er anderen Transplantierten den Weg weisen und Hoffnung geben, die ebenfalls ihre Grenzen verschieben und sich an eine sportliche Herausforderung wagen wollen?
2018: ein neuer Atem
Neun Jahre zuvor hatte Antoine Sénéchal am Tag vor seinem 18. Geburtstag ein neues Herz bekommen. Um mit der hypertrophen Kardiomyopathie fertigzuwerden, an der er seit seinem elften Lebensjahr litt, musste er den Sport aufgeben. « Mitten im Schuljahr mit dem Volleyball aufzuhören, hat die ganze Dynamik zerstört », erzählt er. Die Krankheit schritt mit seinem Wachstum voran und ließ ihm mit 17 Jahren nur eine Möglichkeit: eine Herztransplantation. Von diesem Tag an begann für ihn ein neues Leben. Sportlich musste er alles wieder aufbauen: seine Muskulatur rehabilitieren, nach sieben Jahren ohne Sport wieder aktiv werden und die Kontrolle über seine Atmung zurückgewinnen. Seit acht Jahren treibt er wieder Sport, in seinem eigenen Tempo. « Ich laufe, fahre Rad, gehe spazieren und mache Krafttraining », sagt er.
Die Idee ist zu zeigen, dass man auch als Transplantierter einen Marathon laufen kann.
Ein Marathon als Ziel
Er weiß, wie groß die Belastung eines Marathons ist, und hat deshalb noch keinen Termin festgelegt. « Vielleicht zu meinem zehnten Transplantationsjubiläum », überlegt er. Also 2028. Bis dahin geht es vor allem darum, Schritt für Schritt voranzukommen. Denn sein « Traum, eines Tages an einem Marathon teilzunehmen », wird sich auf jeden Fall erfüllen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aktuell läuft er bis zu zehn Kilometer am Stück. « Direkt nach der Transplantation dachte ich, einen Marathon zu laufen, sei ganz einfach. Ich habe das ein bisschen unterschätzt. Ich dachte, in drei Monaten wäre ich aus dem Krankenhaus und nach sechs Monaten wäre der Marathon erledigt. Aber dann wurde mir klar, dass es muskulär gar nicht so einfach ist, sieben Jahre keinen Sport gemacht zu haben », blickt er zurück.
Vor der legendären Distanz stehen weitere Etappen an, darunter die Weltspiele der Transplantierten, die 2027 in Belgien stattfinden sollen. Bei diesem Wettbewerb, der Transplantierte mit Organen aller Art zusammenbringt, will Antoine unter anderem in den Disziplinen Gehen, Laufen und Radfahren antreten. Zur Vorbereitung auf diesen ersten Termin in seinem Kalender wird er von einem Trainer betreut und trainiert gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen mit Herzerkrankungen, die ebenfalls wieder körperlich aktiv werden möchten. In Arras im Département Pas-de-Calais trainiert er beim Club Coeur Santé, weiterhin mit Bedacht und in kleinen Schritten. Daneben besucht er seine Kochkurse an einer Berufsschule, schreibt an seinem zweiten Buch nach der Veröffentlichung seines autobiografischen Berichts La Vie n’est pas un jeu und nimmt als Präsident der Association pour le don d’organes et de tissus humains (Adot 59) Medienanfragen wahr und besucht Schulen, um für das Thema zu sensibilisieren.
Ein normales Leben führen: der Traum
Sport gilt oft als Werkzeug der Resilienz. Durch die Bewegung, seine Werte und die Beziehungen, die er schafft, kann er dabei helfen, ein Trauma zu überwinden und sich neu aufzubauen. Es ist daher kein Zufall, dass es diese Spiele gibt und dass sich Antoine auf seine Weise das Ziel von 42,195 Kilometern gesetzt hat. Für die meisten Läufer ist ein Marathon zwar eine große Herausforderung, mit regelmäßigem Training und einem passenden Tempo aber machbar. Für einen Transplantierten ist die Sache komplizierter. Unmöglich ist sie deshalb nicht. « Die Idee ist zu zeigen, dass man auch als Transplantierter laufen kann », sagt er. Es ist ein Stück weit eine Genugtuung, wenn ich mir sage, dass ich lange keinen Sport treiben konnte und nun einen Marathon laufen kann. Das hat etwas Großartiges. » Die Distanz bekommt damit eine symbolische Dimension, beinahe die eines Grals. Sie ist schwer zu erreichen, erst recht nach einer Herztransplantation, trägt aber eine Botschaft, die weit über die sportliche Leistung hinausgeht. Paris wäre der perfekte Ort, um sie zu vermitteln: « Schaut her, die Transplantation funktioniert! Lasst uns gemeinsam für Organspende mobilmachen, denn sie kann Menschen ermöglichen zu leben und wieder Sport zu treiben. »
Eines steht fest: Wenn Antoine die Königsdisziplin über die volle Distanz schafft, wird er glücklich und stolz sein. Das darf er auch sein.