Im Gespräch mit den Veranstaltern: Wie der Laufboom die Rennszene verändert
2,96 Millionen Zieleinläufe wurden 2024 gezählt, 27 % mehr als 2023. Von den mehr als 12,4 Millionen Läuferinnen und Läufern tragen immer mehr Menschen mindestens eine Startnummer pro Jahr. Die Folgen: Veranstaltungen sind so schnell ausverkauft wie Superstar-Konzerte, auf den Strecken bilden sich Engpässe und die Preise steigen weiter. Wie können Laufveranstalter auf den Boom reagieren? Marathons.com hat bei ihnen nachgefragt.
Seit dem Ende der Corona-Pandemie haben die Franzosen ihre Laufschuhe wieder geschnürt. Die Entwicklung bestätigt Frédéric David, Veranstaltungsleiter bei Annecy Running Organisation: « 2021 haben alle angefangen zu laufen, 2022 haben sie sich für Rennen angemeldet, 2023 sind die Rennen explodiert, 2024 platzten sie aus allen Nähten und dieser Trend hält an ». Laufen ist zum Volkssport schlechthin geworden und verbindet Generationen und soziale Schichten.
Marathon de la Rochelle, Odyssea, Semi-Marathon des Sources d’Annecy, Abalone Marathon de Nantes … Die Zahl der Laufveranstaltungen ist auf 11.334 Rennen in Frankreich im Jahr 2024 gestiegen. Trotz des großen Angebots strömen die Läufer zu den Rennen, die bereits Monate vor dem Start ausgebucht sind. Mehrere Faktoren erklären die Begeisterung für Straßenläufe: « Laufinfluencer werden immer zahlreicher und erreichen ein immer größeres Publikum, die Anmeldung ist einfacher geworden, ohne dass man vorher zum Arzt muss, und seit der Pandemie achten viele Menschen stärker auf ihre Gesundheit … All das zusammen hat den Laufsport explodieren lassen », sagt Julien Gaborieau, Veranstalter des Abalone Marathon de Nantes. Die Organisatoren müssen sich an diesen Wandel in der Laufwelt anpassen.
Ein neues Verständnis von Laufveranstaltungen
Seit 2003 beobachtet Gwenaël Vigot, Veranstalter des Odyssea de Brest und Sportagent, diese tiefgreifende Entwicklung, die seiner Veranstaltung immer mehr Sichtbarkeit verschafft. Beim ersten Rennen gingen 480 Läufer an den Start, heute sind es jedes Jahr mehr als 13.000.
« Früher gab es keine sozialen Netzwerke. Heute sind sie ein zentraler Bestandteil der Kommunikation und Bewerbung einer Veranstaltung.
Die Läufer sind zu echten Startnummernjägern geworden, die auf jede Ankündigung und jeden Termin für den Anmeldestart achten. Digitale Angebote gehören inzwischen fest zum Lauferlebnis: Mehr als 82 % konsumieren auf digitalen Plattformen spezialisierte Inhalte und machen ihre Leidenschaft zu einem echten Lebensstil. Dadurch ist eine neue Ökonomie entstanden, unter anderem mit Influencern als ausgesprochen wirksamen Vermarktern von Laufveranstaltungen. Mehr als 46 % der Aktiven folgen diesen Personen in den sozialen Netzwerken. Doch die gezielte Kommunikation bringt ein Problem mit sich: Die Nachfrage übersteigt die Zahl der Läufer, die auf der Strecke Platz finden.
Für manche Veranstalter wie Frédéric David darf der Andrang die Werte seiner Veranstaltung nicht beeinträchtigen: « Ich verkaufe den Teilnehmern lieber weniger Staus, einen leicht erreichbaren Parkplatz und Auszeichnungen für alle Altersklassen, als in die Inszenierung der Veranstaltung selbst zu investieren ». Das Lauferlebnis in den Mittelpunkt zu stellen: Dafür entscheiden sich viele Veranstalter. Es geht nicht nur um einen reibungslosen Ablauf auf der Strecke, sondern auch um Zugänglichkeit und eine freundliche Atmosphäre.
« Die zusätzlichen Läufe machen die Veranstaltung auch für Läufer zugänglich, die keine Marathonläufer sind ». Nicolas Mauny, seit 1991 Veranstalter des Marathon de la Rochelle, öffnet sein Event einem breiteren Läuferpublikum und erweitert damit sein Angebot. Beim Abalone Marathon de Nantes ist die Strategie eine andere: « Zwischen 2008 und 2025 hat sich der Wunsch der Läufer völlig verändert. Es gibt weiterhin Menschen, die eine schnelle Zeit anstreben, aber immer mehr suchen vor allem ein Erlebnis ».
« In den kommenden Jahren wollen wir die Begleitangebote weiterentwickeln. Vielleicht werden wir dafür als Disneyland des Laufsports kritisiert, aber wir wollen den Läufern ein echtes Erlebnis bieten, das über die 42,195 Kilometer hinausgeht ». Laufveranstaltungen überbieten sich mit kreativen Ideen, um noch mehr Läufer anzuziehen und ihnen ein einzigartiges Erlebnis zu bieten, das über das Rennen selbst hinausgeht. Es geht nicht mehr nur um eine Medaille: Die Läufer suchen eine besondere Veranstaltung, die sie mit Familie oder Freunden teilen können.
Neue Herausforderungen bewältigen
Es herrscht ein solcher Andrang auf den Laufsport, dass man uns vorwirft, ausgebucht zu sein. Das ist für uns Veranstalter die Kehrseite der Medaille, auch wenn wir uns natürlich freuen, jedes Jahr so viele Läufer begrüßen zu können.
Bei 8 Millionen regelmäßigen Läufern ist es schwierig, jedem die begehrte Startnummer zu bieten. 45 % der Läufer erhielten 2024 mindestens einmal eine Absage, weil die Plätze angesichts der Nachfrage nicht ausreichten. Das deutlichste Beispiel ist der Marathon de Paris: Mit 51 % Marathonneulingen passt das Angebot nicht mehr zur Zahl der Läufer. Die zunehmende Beteiligung von Frauen und die Demokratisierung des Laufens und der langen Distanzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Bild vom elitären Wettkampf ist passé: Der Marathon ist inzwischen für alle zugänglich, die bereit sind, dafür zu trainieren.
« 2023 war der Marathon Mitte September ausgebucht, 2024 Mitte August, und dieses Jahr waren wir bereits Mitte Mai voll, obwohl die Anmeldung erst Mitte März geöffnet wurde! Der Duo-Marathon war nach einer Woche ausverkauft, der 10-Kilometer-Lauf nach drei Wochen und der Marathon nach zwei Monaten ». Für den Veranstalter des Marathon de la Rochelle ist das eine nie dagewesene Entwicklung.
« Ganz gleich, um welche Veranstaltung es geht: Wir sind immer schneller ausgebucht. Deshalb müssen wir inzwischen aus Sicherheitsgründen Teilnehmerobergrenzen festlegen ». Je mehr Läufer teilnehmen, desto größer sind die Risiken. Die Veranstalter müssen die Kapazität ihrer Rennen daher begrenzen, um allen gute Bedingungen zu garantieren. « Auf dem Semi-Marathon de Nantes hätten wir 26.000 Läufer zulassen können, aber aus Sicherheitsgründen haben wir das Rennen auf 7.000 Teilnehmer begrenzt, um den Läuferstrom zu kontrollieren. Wir wollen das Lauferlebnis schließlich nicht negativ beeinflussen ». Damit gehen auch Änderungen beim Ablauf der Veranstaltung einher: « Für die Startnummernausgabe haben wir den Zeitraum auf eine Woche ausgedehnt. So lassen sich die Besucherströme besser steuern ». Dank seiner Erfahrung entwickelt Gwenaël Vigot neue Lösungen, um einen reibungslosen Ablauf der Angebote beim Odyssea de Brest zu gewährleisten.
Sicherheit, reibungslose Abläufe und Qualität sind die Grundlagen, die Veranstalter trotz der stetig steigenden Nachfrage nach Startplätzen bewahren wollen. Aber gibt es tatsächlich ein Rezept für das perfekte Rennen?
« Man muss gut sein und die richtigen Zutaten verwenden »
Die DNA einer Veranstaltung bewahren und ihr zugleich eine neue Note geben: Das ist die neue Herausforderung der Organisatoren. « Man muss gut sein und die richtigen Zutaten verwenden: ein festliches Event, eine schnelle Strecke und engagierte Helfer. Das Gesamtpaket funktioniert, vor allem beim Marathon de La Rochelle! ». Daraus ergibt sich eine weitere Herausforderung: den Läufern möglichst viel zu bieten, ohne den Preis der Startnummer in die Höhe zu treiben. « Als Verein haben wir den Preis für die Startnummer beim Marathon de la Rochelle nicht verändert. Wir organisieren die Veranstaltung in erster Linie für die Läufer. »
Auch die Veranstaltung in Brest ist damit erfolgreich: « Odyssea ist zu einem festen Termin geworden. Die Menschen kommen, um den Kampf gegen Brustkrebs zu unterstützen. Nicht gewertete Formate und der Walk machen die Sache für alle zugänglich. »
Beim Marathon de Nantes, der von der Eventagentur OC Sport organisiert wird, ist die Rechnung eine andere, der Erfolg aber ebenso fulminant: « Je mehr Teilnehmer wir haben, desto höher sind die Einnahmen. Dadurch können mehr Menschen an der Weiterentwicklung der Veranstaltung arbeiten. Wir können also investieren, um bessere Events zu schaffen und den Läufern jedes Jahr etwas Neues zu bieten. »
Ein Zauberrezept für den Boom unter den Läufern gibt es also nicht. Die Aufgabe bleibt für alle Veranstalter dieselbe: allen Teilnehmern die bestmögliche Veranstaltung zu bieten!
Die Redaktion