Sie treten in die Pedale, schwimmen, rudern oder spulen mit dem Ball am Fuß Kilometer um Kilometer ab. Aber könnten sie auch schnell laufen, sehr schnell sogar, über 42,195 km? Hinter der Vorstellung von Multisportlern, die überall glänzen, gelten im Marathon eigene Regeln. Physiologie, Mechanik, Belastbarkeit: Welche Profis außerhalb der Leichtathletik bringen tatsächlich die besten Voraussetzungen für die Königsdisziplin auf der Straße mit? Eine Analyse, gestützt auf Wissenschaft und Erfahrung aus der Praxis.
Inhaltsverzeichnis
- Zuerst kommt der physiologische Filter
- Radsport: Ausdauer bereits auf Abruf
- Langdistanz-Triathlon: das Paradebeispiel
- Rudern: enormes Potenzial, mechanische Bremse
- Fußball: Es kommt auf die Position an, nicht auf den Sport
- Schwimmen: ein starkes Herz, Beine im Aufbau
- Der Marathon als unbestechlicher Richter
Die Frage hat für Gesprächsstoff gesorgt. Wer wäre bei einer so anspruchsvollen Prüfung wie einem Ironman am stärksten: der schillernde Radprofi Tadej Pogačar, der Liebling der Franzosen, Léon Marchand, oder der Marathon-GOAT Eliud Kipchoge? Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Dafür lohnt sich eine andere Frage: Welche Profis außerhalb der reinen Leichtathletik bringen tatsächlich die besten Voraussetzungen mit, um über 42,195 km schnell zu laufen?
Zuerst kommt der physiologische Filter
Im Marathon entscheidet nicht allein die Qualität des Laufstils. Die erste Auswahl erfolgt auf physiologischer Ebene: eine hohe VO₂max, eine solide anaerobe Schwelle und die Fähigkeit, intensive Trainingswochen aneinanderzureihen, ohne einzubrechen. Diese Eigenschaften finden sich in mehreren etablierten Ausdauersportarten.
Für Guillaume Millet, Professor für Trainingsphysiologie und anerkannter Ausdauerexperte, ist der Rahmen klar. Marathonleistung beruht auf einem bekannten Dreiklang aus VO₂max, Schwelle und Energieaufwand. Hinzu kommt heute ein Begriff, der immer wichtiger wird: die Dauerleistungsfähigkeit. „Dauerleistungsfähigkeit bedeutet, dass sich die physiologischen Parameter unter Ermüdung nicht verschlechtern und das Leistungsniveau möglichst lange gehalten werden kann“, erklärt er. Ein Aspekt, der oft unterschätzt wird, wenn man über den Wechsel von Champions aus anderen Sportarten fantasiert. Ein großer Motor allein reicht nicht. Man muss ihn auch lange nutzen können, ohne dass der Körper schlappmacht.
Radsport: Ausdauer bereits auf Abruf
Bei professionellen Radfahrern, besonders bei Kletterern, ist die aerobe Basis beeindruckend. Einige haben den Wechsel bereits ausprobiert. Chris Froome etwa baute regelmäßig Laufeinheiten in seine Trainingsblöcke ein. Er räumte öffentlich ein, dass die Ausdauer locker mithielt, die Muskulatur sich aber deutlich langsamer anpasste.
Guillaume Millet bestätigt diese Beobachtung. „Ein Radfahrer kann eine sehr hohe VO₂max haben, manchmal sogar höher als die eines Marathonläufers, und außerdem eine ausgezeichnete Schwelle“, führt er aus. „Zu Beginn ist sein Energieaufwand beim Laufen dagegen oft ungünstig, und vor allem ist seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Muskelschäden sehr gering.“
Dasselbe berichten mehrere ehemalige Profiradsportler, die später bei Volksmarathons antraten. Sie alle sprechen von dieser heiklen Phase, in der die Atmung viel zu gut funktioniert, während der Körper noch empfindlich ist. Sobald die mechanische Anpassung abgeschlossen ist, fallen die Zeiten jedoch schnell. Für die stärksten Profile wird eine Zeit unter 2:30 Stunden realistisch.
Der ehemalige französische Sprinter Nacer Bouhanni lief im vergangenen Herbst seinen ersten starken Marathon: 2:34 Stunden beim Marathon de Francfort im Oktober 2024. Im Dezember war der Vogese erneut über 42,195 km in Valencia am Start. Der 70-fache Profisieger, darunter drei Etappensiege beim Giro d’Italia und drei bei der Vuelta a España, wollte die 2:30-Stunden-Marke unterbieten. Am Ende blieb die Uhr bei 2:31:33 stehen. In den vergangenen Monaten haben mehrere ehemalige Radprofis klar in Richtung Laufen gewechselt. Ende Oktober probierte sich auch Tom Dumoulin, ehemaliger Giro-Sieger, am Marathon und absolvierte Amsterdam in 2:29:21, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ans Limit gegangen zu sein.
Langdistanz-Triathlon: das Paradebeispiel
Wenn es eine nicht-leichtathletische Sportart gibt, die dem Marathon von Natur aus nahesteht, dann ist es der Langdistanz-Triathlon. Jan Frodeno, Olympiasieger und dreifacher Sieger des Ironman Hawaii, hat es oft betont: Der Marathon ist das strategische Herzstück des Rennens, dort entscheidet sich alles.
Triathleten, die später einen reinen Marathon gelaufen sind, berichten von derselben Überraschung. Ohne die Vorermüdung durch das Radfahren verändert sich die Wahrnehmung der Belastung grundlegend. Das Tempo wirkt höher, fühlt sich paradoxerweise aber angenehmer an. Für Guillaume Millet kommt dieser fließende Übergang nicht von ungefähr. „“. Diese Beherrschung langer Belastungen erklärt, warum viele ehemalige Triathleten auf der Straße auf Anhieb starke Zeiten laufen.
Rudern: enormes Potenzial, mechanische Bremse
Auf dem Papier lassen Ruderer die Träume sprießen. Sie erreichen einige der höchsten VO₂max-Werte im Weltsport. Trotzdem wechseln nur wenige von ihnen zum Marathon. Der Grund liegt vor allem in der körperlichen Statur.
„Ruderer haben oft einen außergewöhnlichen Motor, aber auch eine Muskelmasse, die den Energieaufwand beim Laufen stark erhöht“, analysiert Guillaume Millet. Bei den Schwergewichten wird die wiederholte Stoßbelastung schnell zum limitierenden Faktor. Einige Leichtgewichts-Ruderer haben es dagegen versucht und dabei ermutigendere Ergebnisse erzielt.
Seiner Einschätzung nach bieten gerade diese Profile theoretisch das größte Potenzial. „Wenn ich einen Sportler aus einer anderen Disziplin nennen müsste, der im Schnitt die schnellste Marathonzeit laufen könnte, wäre es ein Leichtgewichts-Ruderer, vorausgesetzt, er nimmt sich die Zeit, seinen Körper an das Laufen anzupassen“. Der Motor ist vorhanden. Jetzt muss nur noch die Maschine gebaut werden.
Fußball: Es kommt auf die Position an, nicht auf den Sport
Nicht jeder Fußballer ist für den Marathon gemacht. Einige Profile stechen jedoch hervor. Box-to-box-Spieler und moderne Außenverteidiger verbinden ein hohes Laufvolumen mit konstantem Einsatz. Spieler mit den sprichwörtlichen drei Lungenflügeln wie Blaise Matuidi oder N’Golo Kanté wurden häufig für ihre außergewöhnliche Ausdauer genannt. Nach einem gelungenen Scherz wurde Kanté 2018 sogar für einige Minuten auf Wikipedia als Weltrekordhalter über 2:01:39 Stunden geführt, bevor diese Leistung wieder in Vergessenheit geriet.
Im Ernst: Die Grenze bleibt strukturell. „Fußball entwickelt eine intermittierende Ausdauer mit Beschleunigungs- und Erholungsphasen, während der Marathon auf einer kontinuierlichen und monotonen Belastung beruht“, erklärte Millet. Die Anpassung ist möglich, erfordert aber eine echte Neuprogrammierung. Für viele gut vorbereitete ehemalige Spieler sind Zeiten unter drei Stunden erreichbar. Wer jedoch unter 2:30 Stunden laufen will, bewegt sich in einer völlig anderen Welt.
Schwimmen: ein starkes Herz, Beine im Aufbau
Mittel- und Langstreckenschwimmer verfügen über ein sehr gut entwickeltes Herz-Kreislauf-System. Léon Marchand hat es selbst oft betont: Schwimmen formt einen starken Motor, bereitet den Körper aber nicht auf Stoßbelastungen vor. „Ein Schwimmer läuft nicht. Er schwimmt“, bringt es Guillaume Millet auf den Punkt. „Das völlige Fehlen von Stoßbelastungen macht den Wechsel zum Laufen mechanisch äußerst schwierig“. Sehnen, Waden und Plantarfaszie werden schnell zu den entscheidenden Richtern. Ein Wechsel ist möglich, verlangt aber Zeit, behutsame Steigerung und eine echte Bereitschaft, Risiken in Kauf zu nehmen.
Der Marathon als unbestechlicher Richter
Der Marathon lügt nicht. Er belohnt gut entwickelte Motoren, vor allem aber Körper, die wiederholte Belastungen verkraften. „Auf hohem Niveau haben alle Marathonläufer eine ausgezeichnete VO₂max. Den Unterschied macht die Fähigkeit, diese Leistung unter Ermüdung aufrechtzuerhalten, ohne abzubauen“, fasst Guillaume Millet zusammen.
Kann ein Sportler aus einer anderen Disziplin eines Tages mit den besten spezialisierten Marathonläufern mithalten? Die Tür ist nicht völlig geschlossen, aber sie steht nur einen Spalt offen. „Wenn er tatsächlich die genetischen Voraussetzungen hätte, um im Marathon sehr schnell zu laufen, hätte er das vermutlich früh entdeckt“, schränkt der Physiologe ein. Und manchmal erinnert irgendwo im anonymen Pulk ein ehemaliger Radfahrer, Ruderer oder Fußballer daran, dass 42,195 km vor allem eine Frage von Ausdauer, Geduld und klarem Urteilsvermögen bleiben.
Mehr Artikel
Nike-Schuhe, Raritäten, Fälschungen: Vinted mischt den Running-Markt auf
Vinted wächst rasant und wird für Läufer zur Fundgrube für Schuhe, Kleidung und Raritäten, aber auch für Fälschungen.
Mi., 9. September 2026
Chris Koch bewältigt den Chicago Marathon auf dem Skateboard in 4:16 Stunden
Ohne Arme und Beine bezwingt Chris Koch Marathons auf dem Longboard. In Chicago schaffte der Kanadier 42,195 Kilometer in 4:16 Stunden.
Mi., 9. September 2026
Gesundheit: Laufbeschwerden und Fußpflege
Blasen, schwarze Zehennägel, Wundreiben: So beugst du Fußbeschwerden beim Laufen vor und hältst deine Füße fit.
Mi., 9. September 2026