Tsegaye Getachew und Gadise Mulu Demissie holen sich beim Rio-Marathon 2026 die „Cidade Maravilhosa“

Dorian Vuillet
Von Dorian Vuillet

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Tsegaye Getachew und Gadise Mulu Demissie holen sich beim Rio-Marathon 2026 die „Cidade Maravilhosa“
© Maratona do Rio

Die 24. Ausgabe des Rio-Marathons hielt an diesem Sonntag, dem 7. Juni, an der Atlantikküste, was sie versprach. Die Äthiopier Tsegaye Getachew (2:10:22) und Gadise Mulu Demissie (2:25:47) trugen sich in die Siegerliste eines der schönsten Läufe Lateinamerikas ein.

Ein Foto von Ipanema bei Sonnenaufgang mit einer Startnummer in der Hand ist unbezahlbar. Der Rio-Marathon ist schon lange mehr als eine Veranstaltung für Athleten. Er ist Massenspektakel, flankiert von den Logos von Itaú, Adidas und Michelob Ultra. Bei seiner 24. Ausgabe, die vom 4. bis 7. Juni in Brasiliens zweitgrößter Stadt über ein verlängertes Wochenende stattfand, setzte das Laufevent des Jahres in Brasilien bereits bei den Meldezahlen ein Ausrufezeichen: 70.000 Startplätze wurden vergeben, so viele wie nie zuvor. Der bisherige Rekord von 2025 lag bei 60.000.

An den vier Tagen und auf den vier Distanzen, 5 km am Donnerstag, Halbmarathon am Samstag sowie 10 km und Marathon am Sonntag, war die ganze Stadt in Bewegung. Instagram verwandelte sich in eine Fotogalerie im Morgenlicht, Copacabana und Ipanema wurden zur natürlichen Kulisse, und TikTok quoll über vor Bildern vom Zieleinlauf auf dem Aterro do Flamengo, Konfetti und Flaggen inklusive. Dazu kam jene Energie eines WM-Finals, die Rio wie keine andere Stadt der Welt erzeugen kann. Die Ausgabe 2026 brachte außerdem das Elite-Label von World Athletics. Damit steht der Lauf aus Rio auf einer Stufe mit Tokio, Boston, Chicago, Berlin und London, was die technische und sportliche Qualität betrifft. Ein Gütesiegel, das die Klasse des Feldes verändert und jahrzehntelange Entwicklung bestätigt.

Schwarze Nacht und zwölf Grad

Die Rückkehr zur Originalstrecke stieß bei den Auriverde auf ungeteilte Zustimmung. Nach einigen Jahren mit verändertem Kurs führte die Ausgabe 2026 wieder über die klassische Route: Start an der Praia da Reserva, Ziel auf dem Aterro do Flamengo, dazwischen São Conrado, Leblon, Ipanema, Copacabana und Botafogo, begleitet vom Atlantik als ständigem Hintergrund. Unter den Augen des Corcovado fiel der Start noch bei völliger Dunkelheit.

In den ersten Stunden herrschten ungewöhnlich kühle Bedingungen: Auf der Alto da Boa Vista wurden exakt 12,2 Grad Celsius gemessen. Laut dem städtischen Warnsystem war das die zweitniedrigste Temperatur des Jahres in Rio. Ein Vorteil für die Beine und ein Geschenk für die Augen, denn zur Rennmitte ging über Ipanema die Sonne auf. Eine Kulisse, die selbst die besten Lauf-Fotografen nur schwer hätten einfangen können. Für die Läufer im hinteren Feld hielt im letzten Streckendrittel dann die Hitze Einzug und erinnerte daran: Rio bleibt Rio.

Tsegaye Getachew verpasst Geschichte um zwei Sekunden

Bei den Männern kontrollierte Tsegaye Getachew das Rennen von Anfang bis Ende und siegte in 2:10:22. Der Äthiopier gehört zu den konstantesten Spezialisten über 42,195 km weltweit: 2023 gewann er Bronze beim Tokio-Marathon, in Amsterdam triumphierte er 2022 und 2024. In der Weltrangliste über diese Distanz steht er unter den Top 10. In Rio lieferte er sich ein enges Finale mit seinen Landsleuten: Antenyaehu Dagnachew Yisma wurde in 2:10:24 Zweiter, gerade einmal zwei Sekunden dahinter. Der in Äthiopien geborene US-Amerikaner Daniel Mesfun Teklebrhan komplettierte in 2:10:45 das Podium, vor dem Marokkaner Mustapha Houdadi (2:10:51).

Der Rekord war zum Greifen nah: Die schnellste Marathonzeit auf brasilianischem Boden hatte eine Woche zuvor in Porto Alegre der Kenianer Daniel Hiprono Sang mit 2:10:21 aufgestellt. Eine Sekunde war er damit schneller als Getachew an diesem Sonntag. Der brasilianische Rekord glitt ihm also im letzten Moment durch die Finger. Zur Erinnerung: Die absolute nationale Bestmarke gehört Eliud Kipchoge, der beim olympischen Marathon von Rio 2016 2:08:44 lief. Dieses Rennen verfolgt den brasilianischen Zeitrekord auch zehn Jahre später noch. Der beste Brasilianer des Tages, Melquisedeque Messias Ribeiro, wurde in 2:16:48 Zehnter, sechseinhalb Minuten hinter Getachew. Der Abstand zur Weltspitze bleibt deutlich, doch das Niveau des heimischen Laufsports steigt.

Gadise Mulu Demissie pulverisiert brasilianischen Rekord

Der Frauenmarathon wurde zur äthiopischen Meisterklasse. Gadise Mulu Demissie, deren Bestzeit seit Amsterdam 2024 bei 2:20:59 steht, gewann in 2:25:47 und stellte damit einen neuen Streckenrekord auf brasilianischem Boden auf. Ihre Leistung war so beeindruckend, dass sie nur drei Sekunden nach dem schnellsten Mann ins Ziel kam. Nach dem Zieleinlauf erlitt Gadise Mulu Demissie einen Schwächeanfall und musste medizinisch versorgt werden. Das Publikum an der Marina da Glória war entsprechend alarmiert. Das medizinische Team der Veranstaltung kümmerte sich umgehend um sie.

Hinter ihr blieben, wenig überraschend, fünf weitere Äthiopierinnen unter dem bisherigen brasilianischen Rekord: Tirfi Tsegaye Beyene (2:26:03), Azmera Abrha Gdey (2:26:20), Affera Godfay Berha (2:26:37), Zinash Debebe (2:26:55) und Ayinadis Teshome Birle (2:27:43). Auch die Kenianerin Catherine Cherotich blieb als Siebte in 2:28:56 unter der bisherigen Marke. Sieben Athletinnen unter dem brasilianischen Rekord in einem einzigen Rennen: Diese Statistik sagt alles über die Dichte des Frauenfeldes aus.

Die alte nationale Bestmarke hatte die Äthiopierin Tiringo Mulu gehalten, die im vergangenen Jahr in Porto Alegre 2:29:48 gelaufen war, wo die Zeiten immer wieder purzeln. Die absolute Bestzeit einer Frau auf brasilianischem Boden gehört weiterhin der Kenianerin Jemima Sumgong. Die Olympiasiegerin von Rio 2016 lief damals 2:24:04, eine Marke, die nach wie vor Bestand hat. Beste Brasilianerin des Tages war Amanda Aparecida de Oliveira, die in 2:38:58 Elfte wurde.

Halbmarathon, 10 km, 5 km: Die Brasilianer übernehmen das Kommando

Während die internationale Elite den Marathon dominierte, boten die anderen Distanzen dem brasilianischen Laufsport die große Bühne. Im Männer-Halbmarathon setzte sich Lokalmatador Fabio Jesus Correia in 1:01:53 durch, vor dem Kenianer Felix Mursoi Kurui (1:02:05) und dem Ugander Paul Simotwo Korir (1:02:08). Bei den Frauen dominierte die Kenianerin Margret Gati Chacha in 1:11:11. Es folgten die Äthiopierin Alemaz Samuel (1:13:24) und die Tansanierin Vaileth Adam Kidasi (1:15:24). Als beste Brasilianerin belegte Maria Lucineida da Silva Moreira in 1:15:45 den vierten Platz.

Über 10 km räumte Brasilien fast alles ab: Wendell Jeronimo de Souza gewann in 29:17 vor Daniel Santana de Souza (29:31) und Jose Geraldo Ferreira Junior (29:37). Bei den Frauen lief die Kolumbianerin Laura Manuela Espinosa Morales in 34:30 allen davon. Dahinter folgten die Brasilianerinnen Jenifer do Nascimento Silva (35:05) und Glauciele de Oliveira de Souza (35:15). Auf der kürzesten Distanz des Wochenendes glänzte Fabio Jesus Correia ein zweites Mal am selben Tag und gewann die 5 km in 14:12. Bei den Frauen war Ketlen Petry in 16:48 die Schnellste.

70.000 und kein Ende in Sicht

Der Rio-Marathon war noch nie so groß. 96 Stunden Wettkampf, vier Distanzen, 70.000 verkaufte Startplätze, ein frisch erworbenes World-Athletics-Label und das hartnäckige Gefühl, dass der brasilianische Laufsport, mit knapp 400.000 Instagram-Followern allein für das Hauptrennen bereits eine der aktivsten Laufgemeinschaften der Welt, gerade erst am Anfang einer neuen Entwicklung steht.

Die Leidenschaft für die 42,195 km in Pelés Heimat ist einzigartig. Zwischen dem Streben nach Bestzeiten, dem Wunsch nach persönlicher Erfüllung und einer Veranstaltungskultur, die zum Lebensstil geworden ist, feiert die Cidade Maravilhosa jeden Juni ein Fest, das weit über den Sport hinausreicht. Die nächste Ausgabe nimmt bereits Gestalt an. Und irgendwo im äthiopischen Hochland haben Tsegaye Getachew und Gadise Mulu Demissie den Termin vermutlich schon im Kalender markiert.

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