Nach der Verletzung stärker zurückkommen: So gelingt der Neustart

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026

Aktualisiert am Mi., 9. September 2026

Nach der Verletzung stärker zurückkommen: So gelingt der Neustart
© ASO

Laufen ist für manche weit mehr als Sport: Es ist Lebensstil, Identität und soziale Verbindung. Eine Verletzung bringt dieses Gleichgewicht ins Wanken. Wer seine liebste Aktivität, seine Glücksdosis und seine Ziele verliert, steht oft vor einer schwer zu füllenden Leere. Doch diese Phase kann zur persönlichen Entwicklung beitragen, wenn die richtige Unterstützung da ist. Carl Bescoby, Psychologe mit Schwerpunkt auf der Rehabilitation verletzter Athletinnen und Athleten, gibt wertvolle Hinweise für diese schwierige Zeit.

Auf den Körper hören und die Verletzung annehmen

Der erste Reflex, wenn sich ein Schmerz festsetzt, ist oft … ihn zu ignorieren. Weil der Drang zu laufen stärker ist. Weil eine wichtige Einheit oder ein Wettkampf ansteht oder man einfach seine Glücksdosis braucht, die berühmten Endorphine. Dieser Reflex ist laut Carl Bescoby bei Sportlerinnen und Sportlern verbreitet, deren Identität eng mit Leistung verknüpft ist. Der Kopf setzt sich über die Warnsignale hinweg und spielt sie herunter, bis der Körper so laut schreit, dass er sich nicht mehr ignorieren lässt.

Hier beginnt alles: mit dem Annehmen. Annehmen, dass etwas nicht stimmt. Annehmen, dass eine Pause jetzt verhindert, später noch länger aussetzen zu müssen. Die berühmte Haltung „go hard or go home“ ist für Läuferinnen und Läufer manchmal ein stiller Gegner. Es geht nicht darum aufzugeben, sondern intelligenter zu trainieren und auf den eigenen Körper und die eigenen Empfindungen zu hören.

Nach diesem Schritt braucht es eine klare Diagnose. Eine medizinische Fachperson aufsuchen, etwa eine Sportärztin, einen Sportarzt, eine Physiotherapeutin oder einen Physiotherapeuten, verstehen, was die Verletzung ausgelöst hat (häufig angesammelte Ermüdung, muskuläre Dysbalancen, vernachlässigte Regeneration oder Übertraining) und anschließend einen Rehabilitationsplan erstellen. Dieser Plan ist nicht nur ein Behandlungsblatt, sondern ein wichtiger Kalender für Läuferinnen und Läufer. Mit einer Einschätzung, wann der Wiedereinstieg ins Laufen möglich sein könnte, gibt er eine Richtung vor. Das ist entscheidend, um den Kurs zu halten und aktiv zu bleiben.

Die unsichtbaren psychischen Folgen einer Verletzung

Wenn der Körper stillsteht, dreht der Kopf erst richtig auf. Der Trainingsplan verschwindet, vertraute Strukturen brechen weg. Was vorher automatisch ablief, ist plötzlich nicht mehr möglich. Man ist nicht mehr „die Person, die jeden Morgen läuft“. Und schon bald entsteht eine Leere. Carl Bescoby spricht von einem bei Sportlerinnen und Sportlern gut bekannten Phänomen: der Identitätskrise nach einer Verletzung.

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Es ist eine Phase, in der man sich nutzlos, abgehängt und außen vor fühlt. Das Selbstvertrauen bröckelt. Man sieht anderen beim Fortschritt und Training zu und verfolgt ihre Einheiten auf Strava. Während man selbst auf der Ersatzbank sitzt. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten oder sogar rückwärtszugehen, nährt die Zweifel:

  • Ich verliere meinen gesamten Fortschritt.

  • Ich hätte vorsichtiger sein müssen.

  • Ich werde nie wieder mein altes Niveau erreichen.

Diese Gedanken sind nicht harmlos. Sie ermüden, zermürben und nagen an einem. Dr. Bescoby bringt es auf den Punkt: „Während einer Verletzung wird der Kopf zum Vollzeitjob.
Darum geht es, die eigene Identität als Athletin oder Athlet nicht auf die Leistungsfähigkeit zu reduzieren. Der Körper läuft vielleicht gerade nicht, aber das bedeutet nicht, dass die Sportlerin oder der Sportler verschwunden ist.

An dem festhalten, was wirklich zählt

Für viele kommt der Wendepunkt, wenn sie ihre Perspektive verändern. Wenn sie aufhören, verbissen „wie früher zurückkommen“ zu wollen, und anfangen, sich auf andere Weise neu aufzubauen. Genau hier setzt Carl Bescoby mit einer tiefgehenden inneren Arbeit an. Drei einfache, aber kraftvolle Fragen helfen dabei:

  • Welcher wichtige Wert bleibt auch verletzt gültig? Zum Beispiel: „Bewegung“, „Gemeinschaft“ oder „Natur“.

  • Was für ein Mensch möchte ich sein, auch wenn ich meine Laufschuhe nicht tragen kann? Etwa ein verständnisvoller Teamkollege, ein verlässlicher Partner, ein geduldiger Mensch oder jemand, der aktiv bleibt.

  • Was ist mir jetzt, in diesem Moment, wichtig? Für sich sorgen, mit anderen verbunden bleiben, Wissen weitergeben …

Diese Fragen helfen, schwierige Phasen zu bewältigen. Zusammen mit anderen Aktivitäten geben sie der Identität verletzter Läuferinnen und Läufer wieder mehr Spielraum, nachdem sie zuvor scheinbar vollständig auf das Laufen festgelegt war. Man erkennt: Man kann auch auf andere Weise Läuferin oder Läufer sein. Man bleibt sich selbst treu, auch wenn man nicht 60 Kilometer pro Woche läuft. Diese mentale Flexibilität ist der erste Schritt zu einer stabilen Rückkehr. Weniger starr, mental stärker.

Wenn sich ein Athlet oder eine Athletin verletzt, geht oft der Sport als Quelle von Anerkennung verloren. Das kann sehr schwer zu verkraften sein. Sport vermittelt ein Gefühl von Wert, Identität und Erfolg. Doch wenn eine Verletzung alles zum Stillstand bringt, entsteht schnell der Eindruck, nicht mehr zu existieren, als wäre der eigene Wert gemeinsam mit dem Wettkampf verschwunden. Vergesst nicht: Ihr seid weit mehr als eure sportliche Betätigung, auch wenn der Blick anderer das manchmal vergessen lässt.

Dr Carl Bescoby @theinjurypsychologist

Cross-Training als wertvolle Unterstützung

Auch mit einer Verletzung geht das Training weiter. Viele Verletzungen erlauben oder empfehlen sogar eine alternative, stoßarme Belastung: Schwimmen, Radfahren, Crosstrainer, Krafttraining oder Yoga. Das nennt man Cross-Training.

Neben den körperlichen Vorteilen wie dem Erhalt der kardiovaskulären Fitness, des Trainingsumfangs und einer besseren Regeneration ist Cross-Training auch ein gutes psychologisches Auffangnetz. Es hält einen aktiv, bewahrt die Routine und schafft kleine Ziele. An die Stelle von Intensität tritt bewusstes Handeln. Man arbeitet an seinen Schwächen und entkommt dem Gefühl, nur noch im Leerlauf zu laufen.

Carl Bescoby betont außerdem, wie wichtig es ist, die sozialen Kontakte rund um den Sport zu pflegen. Trainingspartner begleiten, über Ausrüstung sprechen, bei einem Wettkampf zuschauen … All das hilft, den Anschluss zu behalten und sich nicht aus der eigenen Welt ausgeschlossen zu fühlen. Entscheidend ist, soziale Isolation zu vermeiden und den Kopf auf eine bestmögliche Genesung einzustimmen.

Das Wichtigste: Die Checkliste für verletzte Läuferinnen und Läufer

  • Eine verlässliche medizinische Diagnose einholen

  • Gemeinsam mit einer Fachperson einen klaren Genesungsplan erstellen

  • Sich selbst mit Mitgefühl begegnen

  • Sich mit den eigenen grundlegenden Werten auseinandersetzen

  • Mit Cross-Training auf andere Weise in Bewegung bleiben

  • Den Blickwinkel verändern und bis zur Rückkehr anderswo Fortschritte machen

  • Sich vom sozialen Druck und den sozialen Netzwerken wie Strava etwas distanzieren

  • Auf andere Weise Teil der eigenen Community bleiben

  • Sobald es möglich ist, einen angepassten, schrittweisen Wiedereinstieg planen


Eine Verletzung ist keine leere Klammer im Läuferleben. Sie ist ein eigener Abschnitt. Eine oft schmerzhafte Gelegenheit, Dinge anders anzugehen: verständnisvoller mit sich selbst zu sein und genauer hinzuschauen, was wirklich zählt. Wie Carl Bescoby erinnert, bedeutet Heilung auch, den Kopf zur Ruhe kommen zu lassen, nicht nur den Körper. Was, wenn diese erzwungene Pause der Anfang eines stimmigeren, bewussteren und stabileren Neuanfangs wäre? Die Uhr läuft wieder. Bis dahin aber kümmert euch um die Sportlerin oder den Sportler in euch, auch wenn sie oder er gerade nicht läuft.

✔ Weitere Informationen zum Thema gibt es auf dem offiziellen Account von Dr. Carl Bescoby @theinjurypsychologist.

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