Top 5 Marathons für eine Handvoll Auserwählter
Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026
Aktualisiert am Mi., 9. September 2026
Oft feiern wir den Siegeszug des Laufsports und seine Öffnung für alle. Trotzdem übt das Seltene weiter seinen Reiz aus, fasziniert und spaltet bisweilen. Wer an einen Marathon denkt, hat dichte Läuferfelder, überfüllte Verpflegungsstellen und elektrisierende Stimmung vor Augen. Doch einige Veranstaltungen sprengen dieses Bild komplett. Von Polarläufen bis zu absurden Herausforderungen in einem Mikrostaat bringen es diese extrem exklusiven Rennen auf höchstens ein paar Dutzend handverlesene Teilnehmer.➜ Wie weit darf die Suche nach Exklusivität im Laufsport gehen? Zwischen sportlichen Höchstleistungen, offenem Elitismus und ökologischen Kontroversen: eine (kleine) Weltreise zu den geheimsten und exklusivsten Marathons der Welt, bei denen der letzte Platz manchmal ein Sieg ist.
1. The Barkley Marathons (Tennessee, USA)
Beginnen wir mit einem prestigeträchtigen und einzigartigen Rennen. Einer Legende in der Ultratrail-Szene. Unter dem Einfluss seines Erfinders, je nach Sichtweise genial oder pervers, Gary Cantrell, stellen sich jedes Jahr rund 40 Läufer der Herausforderung, ausgewählt nach ihrer Leistungsfähigkeit. Seit 1986 setzt Lazarus Lake, Gary Cantrells Spitzname, alles daran, den wenigen Teilnehmern einen echten Albtraum zu bereiten. Seit der Premiere gibt es gerade einmal 15 Finisher. 2024 wurde Jasmin Paris als erste Frau überhaupt ins Ziel geführt, bei einem Rennen mit extrem knappem Zeitlimit. Vielleicht hat sie dieses Video aus dem Jahr 2015 «motiviert», in dem Gary das, was er als «Fakt» bezeichnet, so formuliert: «Sie sind einfach nicht stark genug dafür». Jasmin hat es geschafft und Lazarus damit die Chance gegeben, ein wenig weniger frauenfeindlich und rückwärtsgewandt zu wirken …
Zur Erinnerung: Das Rennen führt über 160,9 km und weist je nach Ausgabe zwischen 18.000 und 24.000 Höhenmeter auf! Schwindelerregende Zahlen, die selbst die verrücktesten Maßstäbe sprengen. Die Strecke wird in fünf Runden absolviert, für die maximal 60 Stunden zur Verfügung stehen, im Schnitt also zwölf Stunden pro Runde. Unterstützung gibt es nicht. Die Läufer müssen sich ausschließlich mit Karte und Kompass orientieren, GPS-Geräte und Höhenmesser sind verboten … Ach ja, fast vergessen: Die Strecke ist nicht markiert. Bei vielen Ausgaben gibt es keinen einzigen Finisher! Bis 1994 hatte es schlicht niemand ins Ziel geschafft. Genug der Grausamkeiten. Wir akzeptieren gerne, dass dieses Rennen exklusiv ist. Danke, Gary!
2. North Pole Marathon (Spitzbergen, Norwegen / Nordpol)
Der North Pole Marathon gehört zu den exklusivsten und zugleich umstrittensten Laufveranstaltungen der Welt. Schon der Besuch der Renn-Website kann für Menschen, die bestimmte Werte ernst nehmen, eine Prüfung sein. Denn auf dem Packeis zu laufen, bei Temperaturen von unter -30 °C, ist zweifellos eine sportliche Leistung. Trotzdem fällt es schwer, darin die Zukunft des Laufsports zu erkennen. Das Abschmelzen des Eises ist Realität. Ist es nicht etwas kindisch, für ein Foto zum Nordpol zu laufen? Die ethischen Fragen erinnern an die Besteigung des Mount Everest, der von Ruhmsuchern immer weiter zugrunde gerichtet wird. Zwischen Helikopterflügen und den Folgen für eine fragile Umwelt wirft dieses Rennen offensichtliche Fragen auf: Hat eine solche Veranstaltung im Zeitalter der Erderwärmung noch ihren Platz? Es braucht vieles auf dieser Welt, aber das hier … Zweifellos muss die Erfahrung unvergesslich sein. Der Preis dafür ist allerdings hoch, im übertragenen Sinn für den Planeten und ganz wörtlich für die Teilnehmer!
3. Antarctic Ice Marathon (Antarktis)
Der Antarctic Ice Marathon ist der Zwillingsbruder des North Pole Marathon, allerdings in einer noch unwirtlicheren Umgebung: heftige Winde, völlige Abgeschiedenheit und eine endlose Eislandschaft. Auf der Website des Veranstalters kann man sich an den großartigen Bildern des Rennens kaum sattsehen. Mit nur etwa 50 Läufern pro Jahr ist es einer der unbekanntesten Marathons der Welt. Leider wirft eine solche Veranstaltung zahlreiche Fragen auf, denn ihre Organisation erfordert Frachtflüge und eine aufwendige Logistik mitten auf dem weißen Kontinent. Wie am Nordpol oder am Everest bewegen wir uns in einem völligen Paradox: Naturliebhaber gönnen sich eine einzigartige Herausforderung, die aber kaum nachhaltig ist. Hoffen wir, dass die Pioniere Pioniere bleiben. Und wir schauen in die Röhre.
4. Great Wall Marathon / private Ausgabe (China)
Der Great Wall Marathon lockt in seiner regulären Variante Tausende Läufer an. Daneben gibt es eine «private» Ausgabe, die einer Handvoll Privilegierter vorbehalten ist, häufig Prominenten. Weit, sehr weit entfernt vom China des Volkes … und von den Tausenden Teilnehmern dieses prestigeträchtigen Marathons. Um am «VIP»-Rennen teilnehmen zu können, braucht man zunächst die Empfehlung eines Läufers, der bereits an einer früheren Ausgabe teilgenommen hat. Während der Veranstaltung werden Leistungen der Luxusklasse geboten, zugeschnitten auf ein Publikum, das an große Auftritte gewöhnt ist. Der Eintrittspreis ist kaum auszusprechen: Gerüchten zufolge geht es um mehrere Hunderttausend Euro. Bringt diese Seltenheit Läufer zum Träumen? Nicht unbedingt. Dieser Marathon wirft eine andere Frage auf: Träumt man wirklich von Bling-Bling? Oder ist die Luxusausgabe für ihre Veranstalter nur eine andere Art, den Trickle-down-Effekt zu interpretieren?
5. The Sealand Marathon (Fürstentum Sealand)
Zum Schluss geht es auf die kalte Nordsee in Richtung England. Ein paar Seemeilen vor der Küste, gegenüber von Ipswich, liegt eine ehemalige militärische Offshore-Plattform. Nicht gerade eine paradiesische Insel … 1967 wurde dieses Bauwerk auf dem Meer von Paddy Bates kurzerhand annektiert und zur Nation erklärt! Das Fürstentum Sealand wird von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt, bietet aber jedem, der möchte, gegen entsprechende Bezahlung die Staatsbürgerschaft an. Ein Mann fühlte sich von diesem Metallstück im Meer angezogen. Simon Messenger, leidenschaftlicher Läufer und Autor des Blogs Around the world in 80 runs, nahm sich 2015 vor, einen Halbmarathon auf Sealand zu laufen. Unterstützt wurde er dabei von Regent Prince Michael Bates, dem Sohn von Paddy Bates, der 2012 verstorben war. Man stelle sich vor, wie es ist, mitten auf der nicht gerade einladenden Nordsee auf einer Plattform von der Größe eines Tennisplatzes zu laufen. Charming? So British 🇬🇧.