Romane Lemière: „Das Vergnügen kommt vor der Leistung“
Nach ihrem ersten Buch über ihre Magersucht hat Romane Lemière, in den sozialen Netzwerken als @runromane bekannt, im vergangenen März ihr zweites Werk veröffentlicht. In „Mon Running plaisir avec Romane“ teilt die Coachin zahlreiche Tipps und Tricks, um beim Laufen Fortschritte zu machen und körperlich wie mental gut auf sich zu achten. Die Marathonläuferin, die 2022 in Berlin mit 2:44:42 Stunden ihre Bestzeit aufstellte und mehr als 86.000 Follower erreicht, stellt heute vor allem eines in den Mittelpunkt: die Freude am Laufen.
Romane, was wollten Sie mit diesem Buch erreichen?
Ich wollte allen Läuferinnen und Läufern helfen, vor allem aber den Einsteigerinnen und Einsteigern. Sie sollen alle wichtigen Tipps an die Hand bekommen, um mit dem Laufen zu beginnen, und Antworten auf die Fragen finden, die sich am Anfang ganz automatisch stellen.
Wie geht es Ihnen heute?
Heute geht es mir viel besser. Ich habe schwierige Zeiten durchgemacht: eine schwere Magersucht, anschließend eine Depression und starke soziale Ängste. Das hat mein Studium erschwert, ich hatte keinen klassischen Bildungsweg. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich glücklich, dass ich es geschafft und all das überwunden habe. Langsam kommt wieder alles in Ordnung. Dafür brauchte es viel Geduld.
Ich höre heute stärker auf mich als früher.
Welche drei Dinge hat Ihnen die mehrmonatige Laufpause beigebracht?
Ich will nicht verheimlichen, dass diese verletzungsbedingte Zwangspause anfangs sehr schwer für mich war. Sie war sogar einer der Gründe für meine Depression, denn der Sport war mein Rettungsanker. Laufen war meine einzige soziale Aktivität. Als ich damit aufhören musste, musste ich lernen, auf andere Weise weiterzuleben. Es hat mir gutgetan zu merken, dass es im Leben noch mehr gibt. Laufen bleibt ein Sport, es soll vor allem Freude machen.
Sie führen seit 2019 ein Lauftagebuch. Wie hilft Ihnen das?
Mein erster Coach hatte mich gebeten, ein Tagebuch zu führen und darin all meine Empfindungen festzuhalten. Wenn ich Zweifel oder Stress habe oder zum Beispiel eine Einheit verpasst habe, beruhigt es mich, darin nachzulesen und mich daran zu erinnern, dass ich trotz ausgefallener Trainings gute Zeiten laufen konnte. Dieses Trainingstagebuch dokumentiert meine Arbeit. Wenn ich das Vertrauen in mich verliere, kann ich darin meine Fortschritte sichtbar machen.
Sie sagen, Anaïs Quemener inspiriert Sie. Warum?
Sie hat mich schon immer inspiriert, auch bevor sie bekannt war. Ich habe sie bei einem Rennen kennengelernt, bei dem sie direkt vor mir ins Ziel kam, und begann damals, ihr in den sozialen Netzwerken zu folgen. Dort erfuhr ich von ihrer Krebserkrankung und ihrer Rückkehr an die Spitze. Ich habe mich ein Stück weit in ihr wiedererkannt: Sie hat sehr schwierige Phasen durchgemacht und sich am Laufen festgehalten. Ich liebe die Energie, die sie ausstrahlt, und ihre Widerstandskraft. Außerdem ist sie eine außergewöhnliche Läuferin, was natürlich zusätzlich inspiriert.
Sind soziale Netzwerke schädlich für die körperliche und mentale Gesundheit von Läuferinnen und Läufern?
Wie bei allem gibt es gute und schlechte Seiten. Positiv ist, dass soziale Netzwerke eine wahre Fundgrube sind: Man findet dort jede Menge Tipps. Gleichzeitig muss man lernen, Abstand zu all diesen Inhalten zu gewinnen, denn manches kann Schuldgefühle auslösen. Wenn ich Mädchen sehe, die jeden Tag laufen und starke Zeiten auf den Asphalt bringen, vergleiche ich mich automatisch mit ihnen und fühle mich schlecht. Das kann zu Übertraining führen und Verletzungen begünstigen. Es ist ein zweischneidiges Schwert.
Hat die Erfahrung mit Ihrer Verletzung auch Ihren Auftritt auf Instagram verändert?
Ja, das hat sich verändert. Früher habe ich wohl dazu tendiert, das Motto „immer mehr“ zu propagieren. Ich habe gerne gezeigt, dass ich viele Kilometer sammle und mich ständig neuen Herausforderungen stelle. Heute möchte ich diese Botschaft nicht mehr vermitteln. Ich habe die Folgen davon in Form von Verletzungen selbst erlebt und möchte meinen Followern dieses Bild nicht mehr vorgeben. Heute möchte ich zeigen, dass Sport Freude machen darf.
Was hat sich inzwischen an Ihrer Art zu trainieren verändert?
Ich höre stärker auf mich als früher. Damals habe ich den Trainingsplan einfach abgearbeitet, egal ob ich Schmerzen hatte oder Lust aufs Laufen. Heute höre ich auf meinen Coach, und sobald ich Schmerzen spüre, nehme ich Tempo heraus. Inzwischen laufe ich, wenn mir danach ist. Diese Herangehensweise gefällt mir, weil ich mich mental und körperlich besser fühle.
Wenn man sich nur einen einzigen Rat merken sollte, welcher wäre das?
Ich würde sagen: „Tu die Dinge aus Freude.“ Wenn man etwas aus eigenem Antrieb tut, ist das die wichtigste Voraussetzung, um auf sich selbst zu hören.
Welche Wettkämpfe planen Sie?
Ich werde am 25. August die MCC beim UTMB laufen. Das sind 40 Kilometer mit etwas mehr als 2.000 Höhenmetern. Für mich ist das eine echte Herausforderung. Es wird etwas ganz anderes als das, was ich normalerweise mache, aber ich freue mich auf diese Herausforderung. Danach würde ich gerne wieder auf die Straße zurückkehren: Im Oktober möchte ich wahrscheinlich die 20 km de Paris laufen, Ende Oktober dann Marseille-Cassis und vielleicht im Winter einen Marathon. Ich möchte zu dieser Distanz zurückkehren, mit weniger Druck als früher und mehr Freude.
Wem haben Sie Ihr erstes Buch geschenkt?
Meiner kleinen Schwester, weil sie mich bei all meinen Projekten immer unterstützt und ich sie auch coache. Deshalb war es für mich naheliegend, ihr das erste Exemplar zu schenken.
Mit „Mon Running plaisir avec Romane“ legt Romane Lemière ein aufrichtiges und wohlwollendes Buch vor, das ganz ihrem Wesen entspricht. Zwischen praktischen Tipps und persönlichen Einblicken erinnert sie uns daran, dass Laufen nicht um jeden Preis Leistung bedeuten muss. Ihr von großer Widerstandskraft geprägter Weg inspiriert zu einer anderen Art zu laufen: freier, sanfter und mit mehr Freude. Eine wertvolle Lektüre für alle, die das Vergnügen wieder in den Mittelpunkt ihres Laufs stellen möchten.
➜ Mon running plaisir avec Romane, Editions Leduc, März 2025, 19,90 €