Äthiopien, der andere Gigant des Laufsports
Veröffentlicht am Do., 10. September 2026
Aktualisiert am Do., 10. September 2026
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierte sich Äthiopien parallel zum Nachbarn Kenia als eine der großen Nationen im Langstreckenlauf. Tamirat Tola und Tigist Assefa führen diese lange nationale Geschichte fort, die 1960 mit den Erfolgen von Abebe Bikila begann.
Äthiopien ist seit Langem ein Land der Champions. Wenn Kenia oft als führende Marathonnation genannt wird, muss sich Äthiopien hinter seinem Nachbarn keineswegs verstecken. Die aktuellen Leistungen seiner Läuferinnen und Läufer sprechen für sich. Tamirat Tola, 1991 in Sebeta geboren, gewann in Paris den jüngsten olympischen Marathon und stellte dabei mit 2:06:26 Stunden einen Streckenrekord auf. Bei den Frauen zählt Tigist Assefa zu den großen Namen. Bei ihrem ersten olympischen Marathon in Paris holte die gebürtige Addis-Abebaerin Silber, nachdem sie sich in einem großartigen Duell um den Sieg mit Sifan Hassan, dem in Äthiopien geborenen niederländischen Superstar, gemessen hatte. Von New York über Berlin bis London sind äthiopische Athletinnen und Athleten stets präsent. Doch wie weit reicht diese Geschichte zurück?
Die Geschichte des Laufens in Äthiopien
Die Geschichte des Laufsports in Äthiopien beginnt im Grunde mit Abebe Bikila, der nach den Olympischen Spielen 1960 in Rom zur Legende wurde. Er kehrte mit Gold aus Europa zurück und war der erste Olympiasieger des Landes. Vier Jahre später wiederholte er diesen Erfolg bei den Olympischen Spielen in Tokio. Bikila ist das Idol eines ganzen Volkes, das stets um seine Freiheit kämpfen musste. Die Geschichte Äthiopiens ist seit Jahrhunderten von Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten und inneren Aufständen geprägt. Zeitweise von Italien bedroht, kämpfte das Land immer wieder für seine Unabhängigkeit und Entwicklung, insbesondere unter Kaiser Haile Selassie. Er nahm 1973 übrigens auch an der Beerdigung des Nationalhelden Abebe Bikila teil. Wie sein Nachbar Kenia verfügt Äthiopien über Hochplateaus. Addis Abeba liegt auf 2355 Metern Höhe, was die Bildung roter Blutkörperchen anregt. In diesem Land entwickelte sich ganz selbstverständlich eine echte Ausdauerkultur, denn manche Kinder müssen mehrere Kilometer bis zu ihrer Schule laufen. Das klingt ein wenig nach Klischee, doch der legendäre Haile Gebrselassie erzählte, dass er als Kind täglich mehr als zehn Kilometer zur Schule laufen musste, den Schulranzen auf dem Rücken. Das habe seinen Laufstil und seine Ausdauer geprägt. Unter seiner Ära, zwischen 1990 und 2000, bestätigte Äthiopien seinen Status als Weltmacht. Haile Gebrselassie wurde viermal Weltmeister über 10.000 Meter, zweimal Olympiasieger, 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney, und hielt zeitweise den Marathon-Weltrekord von 2:03:59 Stunden. Mit seinem Charisma und seinen atemberaubenden Leistungen schrieb er sich dauerhaft in die Geschichte der Leichtathletik ein.
Parallel dazu eroberten auch die Frauen ihren Platz in der Weltspitze. Fatuma Roba wurde 1996 als erste Afrikanerin Olympiasiegerin im Marathon. Es folgten Elfenesh Alemu und Derartu Tulu, die 1992 über 10.000 Meter als erste Afrikanerin überhaupt Olympiasiegerin wurde. Auch Tirunesh Dibaba und Meseret Defar prägten die 2000er-Jahre, auf der Bahn ebenso wie auf der Straße. Tirunesh Dibaba, Weltmeisterin von 2015 und Olympiazweite von 2016 über 1500 Meter, gewann unter anderem 2017 den Chicago Marathon in 2:18:31 Stunden. Ihre Bestzeit von 2:17:56 stellte sie 2017 in London auf.
Äthiopiens aktuelle Stars auf der Langstrecke
Äthiopien kann nicht nur auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken, sondern belegt auch heute regelmäßig Spitzenplätze bei den großen Marathons. Bei den Männern hält sich Kenenisa Bekele trotz seiner 43 Jahre weiter in der Weltspitze und bleibt eine unverzichtbare Größe im Feld. 2024 wurde er beim London Marathon in 2:04:15 Stunden Zweiter. Und sein beeindruckendes Rennen von 2019 in Berlin mit 2:01:41 Stunden ist den Fans noch immer präsent. Hinter ihm drängt eine neue Generation nach vorn, angeführt von Athleten wie Tamirat Tola, Marathon-Weltmeister 2022 und Olympiasieger von Paris 2024, sowie Sisay Lemma, der 2021 den London Marathon gewann. 2024 holte er außerdem den Sieg beim Boston Marathon.
Bei den Frauen ist Äthiopien eine echte Supermacht. Tigist Assefa schrieb im September 2023 Geschichte, als sie in Berlin mit 2:11:53 Stunden den Marathon-Weltrekord der Frauen brach. Inzwischen wurde diese Marke unterboten, der Rekord gehört nun Ruth Chepngetich mit 2:09:56 Stunden. Tigist ist aber weiterhin ganz vorne dabei und gewann unter anderem 2025 den London Marathon. An ihrer Seite gehört Letesenbet Gidey, Weltrekordlerin über 5000 und 10.000 Meter, zu den dominantesten Figuren im Mittel- und Straßenstreckenlauf. Nicht zu vergessen Almaz Ayana, eine der talentiertesten Langstreckenläuferinnen aller Zeiten. In Rio wurde sie Olympiasiegerin und stellte über 10.000 Meter mit 29:17,45 Minuten einen Weltrekord auf. Über 5000 Meter gewann sie Bronze. Anschließend wechselte sie mit großem Erfolg auf die Straße und lief bei ihrem Marathondebüt 2022 in Amsterdam 2:17:19 Stunden.
Bei den Frauen wie bei den Männern ist die Liste der äthiopischen Athletinnen und Athleten lang, die auf der Bahn oder Straße glänzen.
Die aktuellen Herausforderungen
Trotz all dieser Erfolge muss Äthiopien mehrere Herausforderungen bewältigen, um seine Stellung im Laufsport zu behaupten. Vergleicht man die Situation des Landes mit Kenia, zeigt sich ein Mangel an Infrastruktur und institutioneller Unterstützung. Der historische Rivale scheint bei der Entwicklung einen kleinen Vorsprung zu haben, und dieser Abstand könnte in den kommenden Jahren wachsen, vor allem wenn weiterhin Marken nach Iten in Kenia strömen, wie etwa Kiprun 2023. Äthiopien muss seine außergewöhnlichen Ergebnisse und das Erbe von Haile Gebrselassie besser nutzen. Der frühere Marathonstar gründete bereits 2009 das Yaya Village, ein Trainingszentrum nahe Addis Abeba, das auf Leistungssportler ausgerichtet ist. 2013 kam rund 25 Minuten von der Hauptstadt entfernt ein weiteres Zentrum auf 2700 Metern Höhe hinzu. Eine weitere Superstar des Landes, Kenenisa Bekele, ließ eine Leichtathletikanlage bauen und eröffnete ein Hotel mit 30 Zimmern, um den Aufenthalt der Läuferinnen und Läufer in seinem Zentrum noch angenehmer zu gestalten.
Abgesehen von diesen beiden Ansätzen ist das Land auf Verbandsebene offenbar weniger gut aufgestellt, und auch Sponsoren sind weniger präsent als im kenianischen Sport. Der Zugang zur Weltspitze bleibt damit begrenzter. Und weit über den Sport hinaus ist die politische Lage in Äthiopien äußerst instabil: Im Land laufen mehrere Konflikte, während die Beziehungen zu den Nachbarn Eritrea, Somalia und Ägypten häufig schwierig sind.
In diesem prekären Umfeld kann man Haile Gebrselassies Willen, weiterhin auf Bildung zu setzen und damit der Jugend seines Landes zu helfen, nur anerkennen. Der Nationalheld hat in den vergangenen zehn Jahren mehrere Schulen im Land gegründet. Ein großer Champion. Ein großer Mann, der versucht, die Gräben zu überwinden, in denen Äthiopien schon viel zu lange feststeckt.
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