42,195 Kilometer gelaufen und die Ziellinie überquert: Das sollte eigentlich genügen. Doch bei vielen Hobbyläufern bringt die Medaille um den Hals diese innere Stimme nicht zum Schweigen: „Bin ich wirklich berechtigt, mich Marathonläufer zu nennen?“ Zwischen Vergleichen, Selbstzweifeln und dem Wunsch nach Anerkennung macht sich das Impostor-Syndrom sogar in der Laufwelt breit.
Man stellt sich den Marathonläufer immer euphorisch vor: die Arme hochgerissen, ein strahlendes Lächeln unter dem Zielbogen. In der Realität macht sich jedoch oft ein anderes, viel tückischeres Gefühl breit: Zweifel. Manche sagen sich, sie hätten den Marathon nicht wirklich „gelaufen“, weil sie ab Kilometer 35 gegangen sind. Andere glauben, sie hätten sich diesen Titel nicht verdient, weil sie mehr als fünf Stunden gebraucht haben. Der 32-jährige Julien erzählt von einer besonderen ersten Erfahrung mit dem Impostor-Syndrom. „Ich war gerade meinen ersten Marathon in Paris gelaufen, völlig erschöpft, aber unglaublich stolz … und trotzdem sagte ich als Erstes zu meinen Freunden: ‚Ich habe 4:52 Stunden gebraucht, also zählt das wohl nicht wirklich‘.“ Ein bezeichnender Satz: als wäre die geleistete Anstrengung wertlos, solange sie nicht in eine „leistungsorientierte“ Schublade passt.
Dieses Gefühl wurzelt oft im ständigen Vergleich. Soziale Netzwerke haben das Phänomen noch verstärkt: An jedem Wochenende quellen Strava, Instagram und Facebook über vor spektakulären Zeiten und Heldengeschichten. Wenn Kipchoge Berlin in 2:01 Stunden bewältigt oder die Kollegin ihren Marathon in 3:20 Stunden beendet, fällt es schwer, die eigene Zeit nicht daran zu messen. Das Problem: Dieser Vergleich blendet eine simple Tatsache aus. Ein Marathon, egal ob in zwei oder sechs Stunden gelaufen, bleibt derselbe Kurs, dieselbe Distanz, derselbe Kampf. Wer diese Dimension vergisst, reduziert seine eigene Leistung auf eine bloße Zahl, als wären 42,195 km weniger lang, nur weil jemand anderes sie schneller zurückgelegt hat.
Legitimität ist eine Frage des Blicks
Das aus der Berufswelt bekannte Impostor-Syndrom zeigt sich auch im Amateursport. Viele Marathonläufer fühlen sich erst dann wirklich als solche, wenn ihr Umfeld die geleistete Anstrengung anerkennt. „Als ich meinen Kollegen erzählt habe, dass ich einen Marathon gelaufen bin, war ihre erste Reaktion: ‚Ach, und in welcher Zeit?‘ Ich habe 4:40 Stunden gesagt und gemerkt, wie ihr Lächeln ein wenig gefroren ist, erzählt Sarah, die seit fast drei Jahren lange Läufe absolviert. Seitdem fällt es mir schwer zu sagen, dass ich Marathonläuferin bin, als müsste ich mich dafür rechtfertigen.“ Dieses Bedürfnis nach äußerer Bestätigung bestimmt oft, wie man die eigene Leistung wahrnimmt. Dabei sollte der Titel Marathonläufer nicht von einer Zeit oder dem Urteil anderer abhängen, sondern von dem persönlichen Weg, der über die Ziellinie geführt hat.
Wenn der Kopf vor den Beinen aufgibt
Am auffälligsten ist, dass die Herausforderung nicht nur im Rennen selbst liegt, sondern auch danach. Der Körper erholt sich innerhalb weniger Tage, doch der Kopf kann an dem Gefühl hängen bleiben, nicht „gut genug“ gewesen zu sein. Manche laufen immer mehr Marathons, um sich zu beruhigen, als müssten sie Medaillen sammeln, um zu beweisen, dass sie dazugehören. Andere, wie der erfahrene 41-jährige Läufer Thomas aus Grenoble, erwähnen ihre Leistung lieber gar nicht erst, aus Angst, nach ihrer Zeit gefragt zu werden. „Ich laufe seit zehn Jahren und bin drei Marathons gelaufen, aber ich spreche nicht besonders gern darüber. Ich denke immer: Die echten Marathonläufer sind diejenigen, die drei Stunden anpeilen. Ich habe die Distanz einfach nur überlebt.“ Das Impostor-Syndrom wirkt hier wie ein hartnäckiger Schatten: Es reicht nicht, gelitten und die Ziellinie überquert zu haben. Man muss sich auch erlauben, das Wort „Marathonläufer“ zu tragen.
Stolz auf die eigene Leistung zurückgewinnen
Der Schlüssel liegt vielleicht in einem Perspektivwechsel. Sportpsychologen betonen immer wieder: Ein Marathon lässt sich nicht auf das Endergebnis reduzieren, sondern ist ein Prozess. Jeder lange Lauf in der Kälte, jedes geopferte Wochenende und jeder Schmerz, den man im Training bewältigt, gehört zur Identität eines Marathonläufers. Wie Haile Gebrselassie dem Guardian sagte: „Wenn man einen Marathon läuft, tritt man gegen die Distanz an, nicht gegen die anderen Läufer oder die Uhr. Auf langen Distanzen muss man lernen, geduldig zu sein. Man muss nicht sehr schnell loslaufen. Aber das Training ist das, worauf es wirklich ankommt.“ Wer die eigene Leistung in diesen größeren Zusammenhang stellt, kann seiner Erfahrung ihren Wert zurückgeben. Marathonläufer zu sein bedeutet nicht, Rekorde zu brechen, sondern sich auf ein Abenteuer einzulassen, das weit über die Ziellinie hinausgeht.
Zum Schlussspurt
Das Wort „Marathonläufer“ wirkt einschüchternd. Genau deshalb löst es bei vielen, die es für sich annehmen, so viele Zweifel aus. Es steht für Ausdauer, Mut und Widerstandskraft. Versteckte Bedingungen gibt es aber nicht: keine Mindestzeit, kein vorgeschriebenes Tempo. Legitimität reimt sich nicht auf Leistung, sondern auf Einsatz. Also ja: Auch wer ab Kilometer 30 gegangen ist, wer fünf Stunden gebraucht hat oder wer geschworen hat, nie wieder zu laufen, ist Marathonläufer. Und wenn die innere Stimme beim nächsten Mal fragt: „Bin ich wirklich berechtigt?“, reicht vielleicht eine schlichte Antwort: Im Ziel eines 42-Kilometer-Laufs gibt es keine Hochstapler.
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