„Racing-Tourismus“: Diese Läufer wählen ihre Urlaubsziele nach den Rennen aus

„Racing-Tourismus“: Diese Läufer wählen ihre Urlaubsziele nach den Rennen aus

Dorian Vuillet
Von Dorian Vuillet

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Sonne tanken oder am anderen Ende der Welt einen Marathon laufen? Für „Racing-Touristen“ ist die Antwort klar: Erst laufen, dann genießen. Sie wählen ihre Ziele nicht wegen Palmen und feinem Sand, sondern wegen langer Geraden, gepflasterter Gassen und unerwarteter Anstiege, die jede Stadt zum Erlebnis machen. Vom Sonnenaufgang in San Francisco bis zu den Kulturstopps in Athen wird jeder Schritt zur Reise und jeder Marathon zu einer eigenen Art, die Welt zu entdecken.

Piña Colada, feiner Sand und Palmen, so weit das Auge reicht? Nicht für „Racing-Touristen“. Na gut, vielleicht schon, aber erst nachdem sie die 42,195 Kilometer eines mehr oder weniger exotischen Marathons hinter sich gebracht haben. Denn diese Läufer reisen nicht zum Faulenzen, sondern um auf fremden Strecken Kilometer zu sammeln und jeden Marathon in ein intensives Eintauchen in die Seele einer Stadt zu verwandeln. Zwischen Kopfsteinpflaster, unerwarteten Anstiegen und heißem Asphalt unter den Laufschuhen wird jeder Wettkampf zu einer ganz eigenen Art, ein Land kennenzulernen. Morgens bei Sonnenaufgang den San Francisco Marathon laufen, anschließend im Mission District brunchen und abends noch zu einem Spiel weiterziehen: Anders als beim All-inclusive-Urlaub verbinden diese Ausflüge körperliche Anstrengung mit Entdeckungen. Jeder Marathon wird zum Eintauchen in die Seele einer Stadt, und Martin Leroy, Mitgründer der Agentur House of Runners, hat das längst erkannt. „ Ich schaue oft auf Instagram, und in vielen Biografien steht ‚Ich reise, um zu laufen‘. Das fasst dieses Phänomen gut zusammen: eine neue Art, eine Stadt zu entdecken.“ In diesem Kontext wird jeder Schritt zum Erinnerungsträger und jede Gerade zu einer Gelegenheit, in eine andere Kultur einzutauchen.

Warum gibt es so viele „Racing-Touristen“?

Das ist keine bloße Modeerscheinung, sondern eine nachhaltige Entwicklung. Das Phänomen begeistert, weil es Sinn, Auszeit und bleibende Erinnerungen verbindet. Nach den Corona-Jahren ist das Bedürfnis, unterwegs zu sein, das Leben zu genießen und Neues zu wagen, geradezu explodiert. Viele haben ihre Prioritäten neu geordnet und investieren lieber in Erlebnisse als in Dinge. Und was könnte stärker sein als ein Marathon am anderen Ende der Welt, erlebt als persönliche Herausforderung und gemeinsames Abenteuer? Für andere wird „Racing-Tourismus“, meist auch „Run-Tourismus“ genannt, zur Motivation: Einen Marathon vor der eigenen Haustür zu laufen, ist das eine. In Tokio an den Start zu gehen, verspricht Entdeckungen und setzt ein Ziel, das das ganze Jahr strukturiert. „ Heute sieht man deutlich, dass Menschen wegen solcher Rennen reisen, nach Boston, Sydney oder New York. Früher haben wir erst besichtigt und sind dann gelaufen. Jetzt kommt zuerst das Laufen und danach das Besichtigen“, erklärt Martin Leroy. Ludovic Valentin, Leiter der Agentur LVO, bestätigt: „ Viele wollen einfach das Erlebnis mitnehmen, unabhängig von der Zeit. Für manche steht die Leistung an zweiter Stelle, die Entdeckung bleibt aber entscheidend.“

Christophe Martimort nutzte seinen Athen-Marathon für zahlreiche Fotostopps © Foto von Christophe Martimort© Christophe Martimort nutzte seinen Athen-Marathon für zahlreiche Fotostopps © Foto von Christophe Martimort

In einer Zeit, in der alles immer schneller geht und Reisen sich zunehmend gleichen, bietet der Marathon eine engagierte Form des Reisens: Man überfliegt eine Stadt nicht, man durchquert sie. Man bleibt nicht im Hotelzimmer, sondern erlebt die Atmosphäre, hört die Anfeuerungsrufe und spürt die Energie der Einwohner. „ Ich reise nie ausschließlich wegen des Rennens“, erzählt Christophe Martimort, der diese Laufreisen schon seit Langem liebt. Ich komme immer mindestens einen Tag früher und bleibe auch danach noch, um den Ort zu genießen. Der Marathon ist für mich eine komplette Reise.“ Jede Kurve bringt eine neue Erinnerung. Auch die Zugänglichkeit spielt eine wichtige Rolle. Dank Buchungsplattformen, Billigfluggesellschaften und spezialisierten Agenturen war es noch nie so einfach, an einem Rennen im Ausland teilzunehmen. Einen Marathon außerhalb Frankreichs zu organisieren, ist fast so unkompliziert geworden wie ein Wochenende in Deauville. Der Lauf, der den Leiter des Krankenhauskulturerbes besonders beeindruckt hat, fand in Griechenland statt. „ 2024 bin ich zum Athen-Marathon gereist und habe einen Reiseveranstalter genutzt. Alles war organisiert: die Startnummer, der Besuch der Akropolis und sogar eine Kreuzfahrt am nächsten Tag zu drei griechischen Inseln. So konnte ich Sport und Tourismus mit meiner Frau Christiane verbinden, die mich auf manchen Reisen begleitet.“ Mit dem Athen-Marathon, dem Besuch der Akropolis und einer Kreuzfahrt zu den griechischen Inseln hatte Christophe den Lauf in eine echte kulturelle und sinnliche Reise verwandelt. Der leidenschaftliche Trailrunner nimmt am 27. September nun die „French Riviera“ ins Visier, um den Roubion – Nice by UTMB (111 km) in Angriff zu nehmen. Das verkörpert erneut den Geist des „Run-Tourismus“: Für ihn ist Laufen weit mehr als körperliche Anstrengung. Jeder Schritt wird zum Anlass, Kulturerbe zu entdecken und ein umfassendes Erlebnis zu genießen, in dem Sport und Tourismus harmonisch zusammenspielen.

Immer mehr Auswahl: neue, außergewöhnliche und oft unterschätzte Ziele

Lange konzentrierten sich Laufreisende auf einige wenige Klassiker. Heute führt der „Racing-Tourismus“ in ganz unterschiedliche, manchmal überraschende und vor allem fremdartige Destinationen. Guillaume Catrice, Creative Director bei Digitrail, weiß, dass sich die Auswahl dieser Rennen stark verändert hat. „ Manche wählen ihr Reiseziel, bevor sie überhaupt über den Lauf nachdenken. Sie wollen die Stadt und das Land entdecken, und das Rennen wird zum Anlass und zum Rahmen ihres Abenteuers.“

Sevilla-Marathon© Stadion Actu

Wer hätte gedacht, dass sich ein Marathon in Sevilla zu einem der schnellsten in Europa entwickeln würde, dass Ljubljana mit seiner herzlichen Gastfreundschaft und geselligen Atmosphäre überzeugt oder dass das ungewöhnliche Rennen in Pjöngjang auf der Liste einiger unerschrockener Reisender landen würde? Viele Städte nutzen ihren Marathon inzwischen, um sich als eigenständiges Reiseziel zu positionieren. Tallinn, Kopenhagen, Danzig, Bordeaux, Maskat und Valparaíso bieten außergewöhnliche Strecken, authentische Atmosphäre und gute Gründe, nach dem Rennen noch länger zu bleiben. Auch extremere Marathons finden ihr Publikum: ein Polarrennen in Grönland, der Fuji-Marathon oder der Great Wall Marathon in China.

Wer sind sie? So vielfältig wie ihre Strecken

Ein einheitliches Bild des „Racing-Touristen“ gibt es nicht. Das Phänomen erreicht ganz unterschiedliche Menschen und geht weit über Klischees hinaus. Da sind die erfahrenen Marathonläufer, die Bestzeiten sammeln und große Rennen abhaken, wie andere Trophäen sammeln. Aber sie sind nicht die Einzigen.

„Man läuft nicht immer, um einen Rekord zu brechen. Viele wollen einfach das Erlebnis genießen, die Atmosphäre aufnehmen und Erinnerungen schaffen.“

Guillaume Catrice und seine Partnerin Laura

Guillaume und seine Partnerin Laura bringen es treffend auf den Punkt. „ Man läuft nicht immer, um einen Rekord zu brechen. Viele wollen einfach das Erlebnis genießen, die Atmosphäre aufnehmen und Erinnerungen schaffen.“ Viele möchten ihren ersten großen Lauf in einer inspirierenden Umgebung erleben. Andere setzen auf entspanntes Laufen, die Kamera in der Tasche und ein Lächeln im Gesicht, ganz ohne Druck. Manche laufen in der Gruppe, mit Freunden, als Paar oder mit der Familie, und machen den Marathon zum Anlass für eine gemeinsame Reise. Der Sport schafft Zusammenhalt, die Reise festigt ihn. Manche teilen sich sogar auf: Während der eine läuft, besichtigt der andere die Stadt und umgekehrt.

„Je mehr Fotos und Videos man sieht, desto größer wird die Lust loszufahren“

Ohne Instagram, Strava und YouTube hätte sich der „Run-Tourismus“ wohl nicht so stark entwickelt. Diese Plattformen wecken die Lust, inspirieren und machen solche Abenteuer greifbar. Martin Leroy nutzt das, um sich in der Szene zu etablieren. „ Wir begleiten Läufer, Content Creator und Marken dabei, diese Erlebnisse zu erzählen. Die soziale Dimension ist entscheidend, denn sie erzeugt einen Schneeballeffekt: Je mehr Fotos und Videos man sieht, desto größer wird die Lust loszufahren.“ Einfluss wird zu einem wichtigen Motor des „Racing-Tourismus“ und macht jeden Lauf zu einem globalen Schaufenster für die Stadt und die Veranstaltung. „ Wir haben sechs oder sieben ausländische Profile zum Paris-Marathon eingeladen. Sie sollen ihre Erfahrungen teilen und im folgenden Jahr ein internationales Publikum anziehen“, erklärt Martin.

Lauf-Influencer haben sich etabliert und bauen sich mit ihren Sportreisen ein Publikum auf. Sie filmen ihre Rennen mit der GoPro und teilen logistische Probleme, besondere Erlebnisse und Tipps. „Run-Tourismus“ wird selbst zum Inhalt und weckt bei anderen die Lust, ebenfalls loszuziehen. Strava verlängert das Erlebnis: Man verfolgt seine Freunde auf der Strecke in Rom, gratuliert dem Cousin zu seinem Halbmarathon in Dubai und vergleicht Pace-Kurven und Höhenmeter. Auch nach dem Zieleinlauf geht das Abenteuer weiter.

Ein florierendes Geschäft rund um Laufreisen

Der Boom der Laufreisen bleibt nicht unbemerkt. Spezialisierte Reiseveranstalter, Sportagenturen, Fluggesellschaften, Hotels: Rund um diese laufenden Reisenden entsteht ein ganzes Ökosystem. „ Internationale Rennen erfordern oft logistische Unterstützung“, erklärt Ludovic Valentin. „ Spezialisierte Agenturen ermöglichen es den Läufern, sich auf ihr Rennen und den Spaß daran zu konzentrieren.“ Manche Städte machen den Marathon gezielt zum touristischen Zugpferd: Prag schätzt die wirtschaftlichen Auswirkungen seines Marathons auf mehr als 15 Millionen Euro, während Valencia auf sein Rennen setzt, um sein Image zu stärken. „ Das ist eine internationale Logik“, betont Leroy. „ Wir arbeiten auch mit Menschen aus dem Ausland, die Startplätze für den Paris-Marathon oder Veranstaltungen in Frankreich suchen.“

„Ich sehe den ‚Run-Tourismus‘ in drei Phasen: davor die Vorbereitung, dann das Rennen selbst und danach noch mehrere Tage, in denen man, getragen vom Dopamin, weiter genießt.“

Christophe Martimort

Die Leistungen, nach denen diese Läufer suchen, gehen über die Startnummer hinaus: Betreuung, Logistik, Unterkunft, Besichtigungen und Shake-out-Runs werden so geplant, dass die Energie auf das Rennen konzentriert bleibt. „ Leistung bedeutet auch, möglichst frisch und fokussiert bei der Veranstaltung anzukommen, während alles andere übernommen wird“, sagt Leroy. Der „Racing-Tourismus“ ist inzwischen ein strukturiertes Wirtschaftsmodell, von dem Agenturen, Veranstalter und Städte profitieren. „ Diese Dynamik der Kommunikation und der Verstärkung der Botschaft trägt dazu bei, den Sport weiterzuentwickeln und neue Menschen zum Laufen zu bringen“, stellt er fest. Auch die Fachmedien begeistern sich für das Phänomen. Finishers, eine Referenz bei der Begleitung großer Rennen, beobachtet einen deutlichen Anstieg der Anmeldungen im Ausland. Ein Beleg dafür, dass der „Run-Tourismus“ dauerhaft in den Gewohnheiten der Läufer angekommen ist.

Marathon du Médoc: zwischen großen Weinen und sportlicher Leistung, eine unvergessliche Ausgabe© Marathon des Châteaux du Médoc 2025 © AMCM/Mainguy

Die Welt erlaufen: ein neues Verhältnis zum Reisen

Dieser „Racing-Tourismus“ setzt sich damit als neue Art des Reisens durch: aktiv, strukturiert und intensiv. „ Ich sehe den ‚Run-Tourismus‘ in drei Phasen“, führt Christophe Martimort aus. „ Vor dem Rennen steht die Vorbereitung, dann kommt der Wettkampf selbst und danach genießt man, getragen vom Dopamin, noch mehrere Tage. Beim ‚Run-Tourismus‘ geht es darum, ein großes Abenteuer im umfassenden Sinn zu erleben. Der Lauf gehört dazu, aber vor allem sollte man auch alles drumherum genießen.“ Eine Sichtweise, die daran erinnert: Im Ausland zu laufen bedeutet nicht nur, Kilometer zu sammeln. Es geht um ein Erlebnis, das lange vor dem Start beginnt und weit nach dem Zieleinlauf weiterwirkt.

Man muss kein Elite-Marathonläufer sein, um davon zu profitieren: Ob 10 Kilometer, Halbmarathon oder Staffellauf, das Prinzip bleibt dasselbe, eine Stadt auf andere Weise zu entdecken. „ Heute fährt man nicht mehr einfach zufällig auf Reisen“, sagt Guillaume Catrice. „ Der Lauf strukturiert den Aufenthalt, gibt ihm ein Ziel und ermöglicht es, eine Stadt anders zu erleben.“ In einer Zeit, in der Massentourismus zunehmend kritisch gesehen wird, bieten solche Sportreisen eine menschlichere und verantwortungsvollere Alternative. Man läuft, entdeckt und atmet durch. Und kehrt mit weit mehr als einer Urlaubsbräune nach Hause zurück: mit einem Erlebnis, einer Medaille und einem kleinen Stück Welt in den Beinen.

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