Die 40 muss nicht in die Midlife-Crisis führen. Für viele wird dieser Geburtstag vielmehr zum Startpunkt für eine XXL-Herausforderung: den ersten Marathon. Auf der Suche nach einem Ziel, im Wettlauf mit der Zeit und inspiriert von Vorbildern stellen sich immer mehr Läuferinnen und Läufer jenseits der 40 den 42,195 Kilometern. Sie zeigen, dass diese legendäre Distanz keine Frage der Jugend ist.
Vierzig werden. Für manche eine wichtige Schwelle. Für viele aber ein positiver Wendepunkt und die Gelegenheit, sich einer symbolträchtigen, prägenden Herausforderung zu stellen. Nicolas, 42, war nie weiter als 15 Kilometer gelaufen. Bis er eines Tages einen 65-jährigen Läufer traf, der für den Marathon de Paris trainierte. „ Wenn er das schafft, warum sollte ich es nicht schaffen?“, erinnert sich der begeisterte Nachtläufer. Ein paar Monate später absolvierte Nicolas die 42,195 Kilometer in genau vier Stunden. Keine Weltklassezeit, aber eine unvergessliche Erfahrung und das Gefühl, seine 42 Lebensjahre in den Asphalt der Hauptstadt gemeißelt zu haben. Wie er wagen sich immer mehr Läuferinnen und Läufer jenseits der 40 an den Marathon: Beim Marathon de Paris 2024 lag das Durchschnittsalter der Finisher bei 38 Jahren, gegenüber rund 41 im Jahr 2015, und 2025 bestritt fast die Hälfte der Teilnehmenden ihren ersten Marathon. Diese Entwicklung zeigt: Die 40 ist ein Schlüsselalter – weder für den Rückzug noch für den Neustart, sondern für den Aufbruch.
Das Alter der Klarheit, der Möglichkeiten und der Disziplin
Einen Marathon mit 40 zu laufen, ist keineswegs unlogisch. Viele haben in diesem Alter eine gewisse Stabilität erreicht: einen festen Job, größere Kinder und oft ein Einkommen, das eine ernsthafte Vorbereitung ermöglicht. Schluss mit improvisierten Sonntagmorgen-Läufen: Jetzt zählen präzise Trainingspläne, die neuesten Schuhe und Physiotherapie, um Beschwerden vorzubeugen. Neben den finanziellen Möglichkeiten gibt es aber auch die nötige Klarheit. Nicholas Thompson, Chefredakteur von Wired und trotz eines vollen Terminkalenders erfolgreicher Marathonläufer, betonte immer wieder, dass man mit zunehmendem Alter stärker auf den eigenen Körper hören müsse: „ Nach 40 ist Regeneration keine Option mehr, sondern wird zur Strategie.“ Die Zeit erzwingt diese Disziplin, die sich paradoxerweise als Vorteil erweist: Wer jenseits der 40 läuft, sucht nicht nur die Bestzeit, sondern baut ein solides, durchdachtes und nachhaltiges Projekt auf.
Eine Herausforderung, die einem Lebensabschnitt Sinn gibt
Dass der Marathon so viele Menschen in ihren Vierzigern anzieht, liegt auch daran, dass das Laufen zu einem Ritual mit besonderer Bedeutung wird. In Elle erzählte eine Pariser Läuferin, dass sie ihre Läufe lange auf ein paar Kilometer rund um den Canal de l’Ourcq beschränkt hatte. Als ihr 40. Geburtstag näher rückte, verspürte sie „ das Bedürfnis, sich ein wenig zu fordern“ und den Anlass mit einer Anmeldung zum Marathon de Paris zu markieren. Das Ergebnis? Sie erlebte den Lauf wie eine Wiedergeburt. Es ging ihr nicht um eine Zeit, sondern um ein Gefühl und eine persönliche Errungenschaft. Die Sportpsychologie bestätigt das: In diesem Alter ist der Marathon weniger die Jagd nach purer Leistung als eine Möglichkeit, sich selbst zu beweisen, dass man eine Schwelle überschreiten kann. Ein „Übergangsritual“, das dem Alltag neue Konturen gibt und ganz konkret zeigt, dass Körper und Geist ihre Grenzen weiter verschieben können.
Sie warteten bis 40, um loszulegen
Dieses Phänomen betrifft nicht nur unbekannte Läuferinnen und Läufer. Auch einige französische Persönlichkeiten entdeckten den Marathon erst nach 40, Männer ebenso wie Frauen. Dazu gehört Nathalie Mauclair, zweifache Trail-Weltmeisterin von 2013 und 2015, die vor ihrem 40. Geburtstag noch keinen Marathon gelaufen war. Ihr Weg zeigt eindrücklich, dass es kein „richtiges“ Alter für den Einstieg gibt. Selbst auf höchstem Niveau können Neugier und Lust auf eine neue Herausforderung spät entstehen und ein Sportlerleben verändern.
Ein weiteres prägnantes Beispiel ist Barbara Humbert. Die Weltrekordhalterin über 24 Stunden in der Altersklasse Masters 9 schlüpfte erst mit 43 Jahren in die Marathonlaufschuhe. Keine Vergangenheit im Spitzensport, nur der Wunsch, sich selbst zu testen. Seitdem hat die älteste Teilnehmerin des Marathon de Paris 2024 einen Wettkampf nach dem anderen bestritten und gezeigt, dass es nie zu spät ist, seine eigene Geschichte über 42,195 Kilometer zu schreiben. Ihre Geschichte hat Tausende Läuferinnen und Läufer inspiriert, die überzeugt sind: Die 40 kann nicht nur das Ende eines Abschnitts markieren, sondern auch den Beginn eines Abenteuers.
Vorbilder, die überall inspirieren
Die Geschichten, die im Netz und in den Medien die Runde machen, tragen ihren Teil dazu bei. Auch in Frankreich gibt es inspirierende Beispiele. Der ehemalige Radprofi Laurent Jalabert entdeckte den Marathon nach seiner Karriere und glänzt auch mit über 50 noch auf der Straße, unter anderem beim Ironman. Eliud Kipchoge wiederum hat stets betont: „ Nur der Geist setzt die Grenzen.“ Ein Satz, der bei allen, die die 40 nicht als gläserne Decke, sondern als Sprungbrett betrachten, besonders stark nachhallt. Solche Beispiele nähren ein kollektives Bild, in dem die 40 für einen Neuanfang steht.
Eine Aufholjagd gegen die Zeit und sich selbst
Hinter dem ersten Marathon mit 40 steckt oft auch ein Gefühl der Wiedergutmachung: gegenüber der vergehenden Zeit, angesammelten Zweifeln und manchmal auch ein paar Kilos, die sich im Lauf der Jahre festgesetzt haben. Die Vorbereitung gibt Struktur, verlangt Disziplin und führt zurück zu sich selbst. Im Ziel ist die Medaille mehr als ein Symbol: Sie steht für monatelange Anstrengung, einen Körper, mit dem man wieder im Reinen ist, und neues Selbstvertrauen. Mehrere Arbeiten unter dem Titel “The effects of physical activity on self-esteem in older adults: a systematic review” zeigen, dass es beim Laufen von „Master-Athleten“ ab 40 nicht nur um die Zeit geht. Gesundheitsbezogene Motive, ein besseres Körperbild und ein höheres Selbstwertgefühl werden in Befragungen älterer Läuferinnen und Läufer häufig genannt. Vergleichsstudien und Erhebungen unter Freizeitläufern bestätigen, dass Menschen in ihren Vierzigern nach einer längeren Vorbereitung auf Halbmarathon oder Marathon ihre allgemeine Gesundheit besser einschätzen und einen psychischen Wohlbefindenszuwachs wahrnehmen. Viele sagen, der erste Marathon habe sie verjüngt, als würde sich eine zweite sportliche Jugend öffnen: bewusster und selbstbestimmter.
Der erste Marathon bleibt ein einzigartiges Erlebnis, egal ob man ihn mit 25, 35 oder 45 läuft. Nach 40 bekommt er jedoch eine besondere Bedeutung. Denn er steht nicht nur für eine sportliche Leistung, sondern auch für eine Entscheidung fürs Leben. Mit 42 einen Marathon zu beenden heißt, sich zu beweisen, dass noch Tausende Kilometer vor einem liegen. In einer Welt, in der die 40 manchmal als Auftakt zum „Abstieg“ gilt, erzählen diese 42,195 Kilometer eine ganz andere Geschichte: von Vitalität, die sich behauptet, einer Zukunft voller Herausforderungen und einem Alter, das keineswegs bremsen muss, sondern sogar noch beschleunigen kann.
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