Wie weit kann Sabastian Sawe im Marathon noch laufen? Warum 1:59:30 erst der Anfang sein könnte
Noch vor wenigen Jahren schien die Frage absurd. Einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden zu laufen, gehörte ins Reich der Fantasie. Dann kam der London-Marathon 2026 und alles änderte sich. Sabastian Sawe lief 1:59:30, Yomif Kejelcha 1:59:41. Eine Schallmauer war durchbrochen, Marathon-Geschichte geschrieben. Der Kenianer absolvierte die zweite Hälfte in 59:01 Minuten, nachdem er bereits mehr als 21 Kilometer in einem Tempo gelaufen war, das noch vor wenigen Jahren unrealistisch wirkte. Doch diese Leistung schließt kein Kapitel, sie öffnet ein neues. Sawe selbst hat bereits angekündigt, eines Tages 1:58 Stunden laufen zu wollen. Auch sein Trainer Claudio Berardelli sieht noch Entwicklungspotenzial. Und wer sein Profil, seine Erfahrung, sein Training und die Bedingungen dieses Rennens genauer betrachtet, kommt unweigerlich zu einer Frage: Kommt das Beste von Sabastian Sawe erst noch?
Sabastian Sawe steht am Anfang seiner Marathon-Geschichte
Das ist wahrscheinlich der faszinierendste Aspekt dieser Geschichte: Sabastian Sawe ist in seiner Karriere erst vier Marathons gelaufen. Ja, vier. In einer Sportart, in der Erfahrung oft entscheidend für die Leistung ist, lässt diese Zahl aufhorchen. Der Marathon stellt ganz besondere Anforderungen. Talent und ein gewaltiges physiologisches Potenzial reichen nicht aus. Man muss lernen, die Belastung, die Ernährung, wechselnde Streckenprofile, die eigenen Signale, die muskuläre Ermüdung und die mentale Erschöpfung zu steuern. Lange Zeit verlief die Entwicklung großer Champions nahezu klassisch. Erst die Bahn, dann die Straße. Das Muster ist in der Leichtathletik bestens bekannt: Geschwindigkeit über 1500, 5000 oder 10.000 Meter entwickeln und anschließend Schritt für Schritt auf die langen Distanzen und den Marathon wechseln. Das Ziel? Ein komplettes Profil aufbauen: Bahnschnelligkeit kombiniert mit der Ausdauer und muskulären Widerstandsfähigkeit, die nötig sind, um die Härte dieser Distanz zu überstehen.
Eliud Kipchoge wurde zunächst Olympiasieger über 5000 Meter, bevor er den Marathon dominierte. Kenenisa Bekele herrschte zuerst auf der Bahn, ehe er zu einer Referenz auf der Straße wurde. Sawe schlug einen etwas anderen Weg ein. Sein Umfeld erkannte früh, dass sein größtes Potenzial auf den langen Distanzen lag. Deshalb wechselte er früher zum Marathon. Damals deutete alles darauf hin, dass er sich noch in einer Lernphase befand …
Vier Marathons und schon eine außergewöhnliche Entwicklung
Die Bilanz seiner vier Marathons:
Valencia-Marathon 2024: 2:02:05 Stunden
Sein erster Marathon. Und schon gehörte er zu den Größten. Der zweitschnellste Debütlauf über diese Distanz nach Kiptum. Die Zeit war schwindelerregend, der Hype riesig.
London-Marathon 2025: 2:02:27 Stunden
Sechs Monate nach seinem Debüt dominierte er den London-Marathon deutlich, und das vor einem der stärksten Felder der Geschichte mit Kiplimo, Mutiso, Tolat und Kipchoge.
Berlin-Marathon 2025: 2:02:16 Stunden
Bei seinem dritten Marathon trat er auf einer der schnellsten Strecken der Welt an. Die Ambitionen waren riesig, der Kurs schien wie für ihn gemacht. Die Halbmarathonmarke passierte er in 1:00:16 Stunden, doch die Hitze an diesem Tag zwang ihn schließlich, das Tempo herauszunehmen. Trotzdem gewann er das Rennen in 2:02:16 Stunden. Viele unterschätzten diese Leistung, weil die Hitze den Rennverlauf so stark beeinflusst hatte. Einige Beobachter sprachen schon damals von einem außergewöhnlichen Potenzial, das sich an diesem Tag in der deutschen Hauptstadt nicht vollständig entfalten konnte.
London-Marathon 2026: 1:59:30 Stunden
Diesmal passte alles zusammen. Ein kontrollierter Beginn und ein phänomenales Finish mit einer zweiten Hälfte in 59:01 Minuten. Kejelcha zeigte eine herausragende Leistung und blieb ebenfalls unter zwei Stunden. In London wurde gerade eine neue Seite der Marathon-Geschichte aufgeschlagen.
Vier Marathons, vier Siege. Und eine sensationelle Entwicklung. In nur zwei Jahren ist Sawe zum neuen König des Marathons geworden.
Herausragende physiologische Voraussetzungen und frühe Reife
Noch bevor Sawe zu einem außergewöhnlichen Marathonläufer wurde, hatte er bereits gezeigt, dass er über sehr gute Schnelligkeit verfügt.
➜ 10 Kilometer: 26:49 Minuten im Jahr 2023
➜ Halbmarathon: 58:02 Minuten im Jahr 2022
Diese Zeiten erzählen etwas Entscheidendes: Sawe verfügt nicht nur über enorme Ausdauer. Er ist auch schnell. Aktuell konzentriert sich seine Karriere vor allem auf den Marathon, doch mit seiner derzeitigen Form könnte er vermutlich auch seine Bestzeiten über die kürzeren Distanzen verbessern. Alles deutet jedoch darauf hin, dass er seine Spezialdisziplin gefunden hat. Im Marathon scheint sein Profil sein volles Potenzial zu entfalten.
London ist nicht unbedingt der ideale Marathon für einen Rekord
1:59:30 Stunden. Die Welt steht noch immer unter Schock. Im Mittelpunkt steht vor allem die Endzeit dieses Rennens. Dabei gerät die Strecke manchmal in Vergessenheit. London ist ein gewaltiger Marathon. Einer der prestigeträchtigsten Majors. Ein historisches Rennen. Eine unglaubliche Atmosphäre. Als schnellstmögliche Strecke ist der Kurs allerdings nicht unbedingt ideal. Der erste Abschnitt führt zwar deutlich bergab und hilft dabei, Energie zu sparen, kann aber auch die Beine belasten. Außerdem weist die Strecke rund 120 Höhenmeter bergauf auf.
Im Marathon suchen die Athleten normalerweise etwas anderes: eine extrem gleichmäßige und flache Strecke. Jeder Antritt, jeder Tempowechsel und jeder Anstieg erhöht den Energieaufwand ein wenig. In dieser Hinsicht sind Strecken wie Berlin, Valencia oder Chicago oft günstiger. Doch an diesem Tag lag in London etwas Magisches in der Luft. Die Wetterbedingungen waren ausgezeichnet: etwa 12 Grad, leichter Rückenwind auf den letzten Kilometern und diese berühmte lange Zielgerade mitten im Herzen der britischen Hauptstadt.
Neben den Bedingungen sorgt jedoch ein Detail für noch mehr Staunen. Seine zweite Hälfte: 59:01 Minuten. Nach einer bereits extrem schnellen ersten Hälfte so stark zu finishen, kann durchaus verblüffen. Wenn ein Marathonläufer derart schnell ins Ziel kommt, bedeutet das manchmal schlicht: Vielleicht hatte er noch etwas zu viel Reserven. Dabei war das Tempo mit einer Halbmarathonzeit von 1:00:29 Stunden durchaus hoch, wenn auch leicht hinter dem Weltrekordtempo. Genau darin zeigte sich die ganze Bedeutung des Negative Splits. Bei dieser Renneinteilung läuft man die erste Hälfte etwas langsamer, spart Energie und kann das Rennen anschließend mit einem starken Finish beenden. Genau das passierte Sawe in London. Kiptum hatte bei seinem vorherigen Rekord in Chicago dieselbe Strategie verfolgt (1:00:48 / 59:45). Ein weiterer Beleg dafür, dass die größten Marathonrennen mit einem Negative Split gelaufen werden.
Berlin könnte der perfekte Ort sein, aber …
Sawe hat seine Teilnahme am Berlin-Marathonim kommenden September bereits angekündigt. Kaum vorstellbar, dass es einen besseren Ort gibt, um ihn noch schneller laufen zu sehen. Berlin ist praktisch eine riesige Laufbahn, die mitten durch eine Stadt führt. Flach wie ein Brett. Rund 65 Höhenmeter auf 42,195 Kilometern. Ein absoluter Traumkurs. Schnell. Gleichmäßig. Der Ort, an dem Eliud Kipchoge einen Teil seiner Legende schrieb. Der Ort, an dem regelmäßig Rekorde fallen.
Sawe kennt das Rennen bereits gut. Im vergangenen Jahr hatte er trotz der extremen Hitze gewagt, auf Weltrekordkurs zu gehen. Diesmal könnte der Rahmen ein anderer sein, und alle Running-Fans hoffen auf bessere Wetterbedingungen. Der adidas-Athlet wird als Hauptattraktion dieses Majors an den Start gehen, der ebenfalls von der deutschen Marke gesponsert wird.
In Berlin wird ihm allerdings ein entscheidender X-Faktor fehlen. Kejelcha hat seine Teilnahme am Valencia-Marathon im Dezember bereits bestätigt. Und solange das Elitefeld für Berlin nicht offiziell vorgestellt ist, dürfte Sawe den letzten Teil des Rennens mit hoher Wahrscheinlichkeit allein laufen. Wir wissen, dass ein Sololauf im Marathon enorm fordernd sein kann. Außerdem ist es in der Geschichte des Marathons noch keinem Athleten gelungen, zweimal hintereinander einen Weltrekord aufzustellen. Die Aufgabe wird sehr schwierig, aber nicht unmöglich sein, wenn man Sabastian Sawe heißt.
Auch die Schuhe verändern das Spiel
Lange Zeit beruhte die Marathonleistung vor allem auf der Fähigkeit von Körper und Geist, die Distanz zu verkraften. Heute hat sich die Gleichung verändert. In London trugen Sawe, Yomif Kejelcha und Tigst Assefa alle drei den neuen adidas Adizero Adios Pro Evo 3. Weniger als 100 Gramm schwer. Der leichteste Wettkampfschuh für die Straße auf dem Markt. Ein Detail, das einen großen Unterschied macht. Je leichter ein Schuh ist, desto stärker reduziert er den Energieaufwand bei jedem Schritt.
Man muss es klar sagen: Moderne Superschuhe haben die Disziplin grundlegend verändert. Hochreaktiver Schaumstoff, eine aggressive Geometrie, Carbonplatte und eine verbesserte Energierückgabe: Die Schuhhersteller spielen heute eine große Rolle bei der Leistung. Dazu kommt die psychologische Komponente. Wenn ein Athlet überzeugt ist, die beste verfügbare Technologie zu tragen, verändert das mitunter seine Einstellung zur Belastung. Er kann das Gefühl bekommen, Flügel zu haben, und sich erlauben, an das Unmögliche zu glauben. Und genau das ist zweifellos der erste Schritt zu einem erfolgreichen Rennen.
Dichte: Vorteil oder Falle?
Oft ist von der außergewöhnlichen Leistungsdichte im heutigen Marathon die Rede. In London liefen Kejelcha und Sawe das gesamte Rennen zusammen, und das funktionierte ziemlich gut. Zwei Männer blieben unter zwei Stunden. Ein großes Feld starker Läufer garantiert jedoch nicht automatisch einen Rekord. Manchmal kann die Dichte auch Chaos erzeugen. Das sahen wir 2025 in Chicago, als Kiplimo und Korir früh im Rennen im direkten Duell immer wieder attackierten. Am Ende hatten sie sich gegenseitig erschöpft.
Für einen Rekord verlangt der Marathon normalerweise etwas anderes: ein perfekt gleichmäßiges Tempo, zuverlässige Tempomacher, eine präzise abgestimmte Ernährungsstrategie und absolute Konzentration. Wenn sich eine ausreichend große Gruppe bildet, die sich die Führungsarbeit teilt, kann das der entscheidende X-Faktor sein. Voraussetzung ist, dass die Läufer an der Spitze die Vorgaben einhalten und gemeinsam arbeiten. In London übernahm Sawe enorm viel Führungsarbeit. Kejelcha, der auf der Distanz noch unerfahren war, beschränkte sich vor allem darauf, in seinem Windschatten zu bleiben. In Berlin wird der Rahmen vermutlich anders aussehen, vielleicht mit mehr Tempomachern um Sawe herum. Aber wie lange? Die entscheidende Frage stellt sich nach Kilometer 30: Wie wird er damit umgehen, wenn er allein ist?
Auch bei der Ernährung macht der moderne Marathon Fortschritte
Über die Schuhe wird viel gesprochen. Die vielleicht größte Revolution der vergangenen Jahre betrifft jedoch die Ernährung. In Berlin nahm Sawe etwa 105 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu sich. In London waren es ungefähr 115 Gramm. Zahlen, die noch vor wenigen Jahren absurd gewirkt hätten. Über Monate trainierte er sein Verdauungssystem mit den Produkten seines Ernährungspartners Maurten, um diese Zufuhr zu ermöglichen.
Denn im Marathon geht es nicht nur darum, Energie bereitstellen zu können. Entscheidend ist auch die Fähigkeit, dem Körper weiterhin ausreichend Energie zuzuführen, um die Belastung aufrechtzuerhalten. Ein Finish in 59:01 Minuten über die zweite Hälfte kommt nicht aus dem Nichts. Es ist das Ergebnis akribischer Teamarbeit und einer Strategie, die über mehrere Jahre entwickelt wurde.
Lange Zeit schien es unmöglich, einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Dann kam das INEOS-Projekt mit Kipchoge. Heute haben wir Sawe. Im Sport gibt es ein bekanntes Phänomen: Wenn eine mentale Barriere fällt, verändert sich alles. Roger Bannister lief als Erster die Meile unter vier Minuten. Schon bald folgten weitere. Der Marathon scheint in eine neue Ära einzutreten. Kipchoge hatte eine Bresche geschlagen. Sawe macht daraus vielleicht eine Autobahn, mit Kejelcha im Windschatten. Die eigentliche Frage lautet am Ende vielleicht nicht mehr, ob jemand 1:58 Stunden laufen kann, sondern wann. Wir sehen uns am 27. September 2026 in Berlin.
➜ Entdecke die Details des adidas Adios Pro Evo 3, den Sabastian Sawe beim London-Marathon trug
➜ Entdecke die Details des adidas Adios Pro Evo 3, den Sabastian Sawe beim London-Marathon trug
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