Der Marathon hatte lange seine mythische Grenze: die Zwei-Stunden-Marke. Eine fast philosophische Schwelle, die weit über die Zeit auf der Anzeigetafel hinausging. Jahrzehntelang gehörten 42,195 Kilometer unter zwei Stunden ins Reich der Fantasie. Doch seit Eliud Kipchoges 1:59 INEOS Challenge 2019 und Kelvin Kiptums 2:00:35 im Jahr 2023 war spürbar, dass die Zwei-Stunden-Marke näher rückte. Mit einer neuen Generation außergewöhnlicher Talente wie Sabastian Sawe, Jacob Kiplimo, John Korir und Yomif Kejelcha sowie technologischen Fortschritten ist die Grenze nun gefallen. Beim London Marathon stoppte der Kenianer Sabastian Sawe die Uhr bei 1:59:30 und katapultierte den Marathon in eine neue Dimension. Eine Leistung, die weit über seine Disziplin hinausweist. Marathons.com ordnet Sawes Coup in die Geschichte der Leichtathletik ein.
Eine Leistung, die Sawe in die Reihe der Größten der Geschichte stellt
Bevor wir über den historischen Kontext und die kulturelle Bedeutung sprechen, schauen wir zunächst auf die Zahlen. Im Kern ist das schließlich die Essenz unseres Sports. Genau dafür brennen wir. Der London Marathon lieferte vermutlich den schnellsten Marathon der Geschichte. Mit drei Läufern unter dem bisherigen Weltrekord und zwei Athleten unter der Zwei-Stunden-Marke bringt diese Ausgabe mehr Läufer in die Top 10 der schnellsten Zeiten aller Zeiten als jedes andere Rennen. Mit seiner Zeit von 1:59:30 reiht sich Sawe neben die größten Marathonlegenden ein und steht bereits ganz oben in einer hochkarätigen Rangliste, unter anderem gemeinsam mit Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele.
Top 10 der schnellsten Marathonzeiten aller Zeiten
Zeit | Athlet | Land | Wettbewerb | Datum | WA-Wertung | |
|---|---|---|---|---|---|---|
1 | 1:59:30 | Sabastian Kimaru Sawe | Kenia | London Marathon | 26. April 2026 | 1328 |
2 | 1:59:41 | Yomif Kejelcha | Äthiopien | London Marathon | 26. April 2026 | 1324 |
3 | 2:00:28 | Jacob Kiplimo | Uganda | London Marathon | 26. April 2026 | 1309 |
4 | 2:00:35 | Kelvin Kiptum | Kenia | Chicago Marathon | 8. Oktober 2023 | 1307 |
5 | 2:01:09 | Eliud Kipchoge | Kenia | Berlin Marathon | 25. September 2022 | 1296 |
6 | 2:01:25 | Kelvin Kiptum | Kenia | London Marathon | 23. April 2023 | 1291 |
7 | 2:01:39 | Eliud Kipchoge | Kenia | Berlin Marathon | 22. April 2018 | 1286 |
8 | 2:01:39 | Amos Kipruto | Kenia | London Marathon | 26. April 2026 | 1286 |
9 | 2:01:41 | Kenenisa Bekele | Äthiopien | Berlin Marathon | 29. September 2019 | 1286 |
10 | 2:01:48 | Sisay Lemma | Äthiopien | Valencia Marathon | 3. Dezember 2023 | 1283 |
Der Vergleich mit Usain Bolt und den anderen Größen der Leichtathletik
Um den Wert einer Marathonzeit von 1:59:30 präzise einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Punktetabellen von World Athletics. Sie ermöglichen den Vergleich von Leistungen über verschiedene Disziplinen hinweg, auch wenn das stets ein heikles Unterfangen bleibt. Sprint, Mittelstrecke, Sprünge, Würfe oder Straßenlauf: Jede Leistung erhält eine Punktzahl, die anhand statistischer Modelle berechnet wird. Dabei fließen mehrere Kriterien ein, etwa die weltweite Leistungsdichte oder die Seltenheit einer Leistung.
Sawes 1:59:30 wurde mit 1328 Punkten bewertet. Um zu verstehen, was das tatsächlich bedeutet, hier einige historische Referenzen aus der Leichtathletik.
Athlet | Land | Disziplin | Leistung | Datum | WA-Wertung |
|---|---|---|---|---|---|
Jan Železny | Tschechien | Speerwurf | 98,48 m | 25. Mai 1996 | 1365 |
Usain Bolt | Jamaika | 100 m | 9,58 s | 26. April 2026 | 1356 |
Armand Duplantis | Schweden | Stabhochsprung | 6,31 m | 26. April 2026 | 1353 |
Usain Bolt | Jamaika | 200 m | 19,19 s | 26. April 2026 | 1352 |
Mike Powell | USA | Weitsprung | 8,95 m | 30. August 1991 | 1346 |
Karsten Warholm | Norwegen | 400 m Hürden | 45,94 s | 3. August 2021 | 1341 |
Ryan Crouser | USA | Kugelstoßen | 23,56 m | 27. Mai 2023 | 1334 |
Jakob Ingebrigtsen | Norwegen | Meile Kurzbahn | 3:45,14 | 8. Oktober 2023 | 1330 |
Sabastian Sawe | Kenia | Marathon | 1:59:30 | 25. September 2022 | 1328 |
Jacob Kiplimo | Uganda | Halbmarathon | 56:42 | 23. April 2023 | 1323 |
Jakob Ingebrigtsen | Norwegen | 3000 m | 7:17,55 | 22. April 2018 | 1320 |
Joshua Cheptegei | Uganda | 10.000 m | 26:11 | 26. April 2026 | 1306 |
Joshua Cheptegei | Uganda | 5000 m | 12:35 | 29. September 2019 | 1306 |
Gemessen an den World-Athletics-Rankings gehört Sabastian Sawes Leistung bereits zum äußerst exklusiven Kreis der größten Leistungen in der Geschichte der Leichtathletik. Von den monumentalen Leistungen eines Usain Bolt, Jan Železny oder Armand Duplantis ist sie allerdings noch weit entfernt. Und letztlich erzählt das auch einiges über unsere Zeit.
Der Einfluss der Superschuhe auf den modernen Marathon
Sabastian Sawes 1328 Punkte mögen niedrig erscheinen, wenn man bedenkt, dass es sich um den ersten offiziellen Marathon unter zwei Stunden handelt. Man muss jedoch verstehen, dass die Tabellen von World Athletics vor allem bewerten, wie selten eine Leistung in ihrer jeweiligen Zeit ist. Und der Marathon hat sich heute grundlegend verändert.
Karbon-Schuhe haben das Leistungsniveau explodieren lassen. Ihr Einfluss ist wissenschaftlich umfassend dokumentiert. Mehrere Studien zeigen Verbesserungen der Laufökonomie von etwa 2 bis 4 Prozent. Im Marathon ist das enorm. Es geht um mehrere Minuten. Neue Schaumstoffe, Karbonplatten, Ernährung und die gesamte wissenschaftliche Arbeit rund um die Leistung haben die Zeiten in den vergangenen Jahren rasant verbessert. Natürlich macht nicht der Schuh den Läufer. Den direkten Zusammenhang zwischen den jüngsten Rekorden und der neuen Technologie zu leugnen, wäre trotzdem unmöglich. 2017 nahm die Revolution mit dem Erscheinen von Nikes Vaporfly konkrete Formen an. Zuvor verbesserten sich die Rekorde Schritt für Schritt, manchmal um wenige Sekunden über mehrere Jahre hinweg. Dann ging plötzlich alles viel schneller. Vor 2017 dauerte es rund 16 Jahre, um den Weltrekord um zwei Minuten zu drücken. Seit dem Beginn der Superschuh-Ära wurden in weniger als zehn Jahren mehr als drei Minuten gewonnen. Das ist gewaltig.
Die Dichte an Läufern, die Zeiten um 2:00 bis 2:01 Stunden laufen können, ist dadurch enorm gestiegen. Sawe, Kejelcha, Kiplimo, Korir, Amos Kipruto und Sisay Lemma sind nur einige Beispiele. Ein weiterer Grund für den Aufstieg des Marathons ist die enorme mediale Aufmerksamkeit rund um diese mythische Distanz. Viele Spezialisten von der Bahn und aus dem Crosslauf warten nicht mehr bis 30, bevor sie zum Marathon wechseln. Und natürlich treiben auch die Sponsoren diese Entwicklung voran. Der Marathon zieht heute ein gewaltiges Maß an Aufmerksamkeit auf sich.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Sawes Zwei-Stunden-Lauf weniger wert ist. Ganz im Gegenteil. Statistisch entwickelt sich der Marathon nur deutlich schneller als manche andere Disziplin. Leistungen auf höchstem Niveau sind inzwischen fast alltäglich. Der wohl eindrucksvollste Beleg ist das Szenario dieses London Marathons: Yomif Kejelcha blieb mit 1:59:40 ebenfalls unter zwei Stunden, und das bei seinem Marathondebüt. Im Gegensatz dazu bleiben Bolts 9,58 Sekunden oder Duplantis' Rekorde extrem isolierte Leistungen, denen bis heute niemand wirklich nahekommt. Genau deshalb fallen ihre Wertungen noch höher aus. Im Marathon hingegen hat man bereits das Gefühl, dass Sawes 1:59:30 sehr bald in Gefahr geraten wird, vielleicht schon bei den großen Herbstklassikern in Berlin, Chicago oder Valencia.
Top 10 der besten Marathonläufer der Geschichte
Zeit | Athlet | Land | Wettbewerb | Datum | WA-Wertung | |
|---|---|---|---|---|---|---|
1 | 1:59:30 | Sabastian Kimaru Sawe | Kenia | London Marathon | 26. April 2026 | 1328 |
2 | 1:59:41 | Yomif Kejelcha | Äthiopien | London Marathon | 26. April 2026 | 1324 |
3 | 2:00:28 | Jacob Kiplimo | Uganda | London Marathon | 26. April 2026 | 1309 |
4 | 2:00:35 | Kelvin Kiptum | Kenia | Chicago Marathon | 8. Oktober 2023 | 1307 |
5 | 2:01:09 | Eliud Kipchoge | Kenia | Berlin Marathon | 25. September 2022 | 1296 |
6 | 2:01:39 | Amos Kipruto | Kenia | London Marathon | 26. April 2026 | 1286 |
7 | 2:01:41 | Kenenisa Bekele | Äthiopien | Berlin Marathon | 29. September 2019 | 1286 |
8 | 2:01:48 | Sisay Lemma | Äthiopien | Valencia Marathon | 3. Dezember 2023 | 1283 |
9 | 2:02:16 | Benson Kipruto | Kenia | Tokio Marathon | 3. März 2024 | 1274 |
10 | 2:02:24 | John Korir | Kenia | Valencia Marathon | 7. Dezember 2025 | 1272 |
Hat der Marathon gerade seinen Bannister-Moment erlebt?
Der Vergleich mit Roger Bannister liegt beinahe auf der Hand. Vor 1954 schien es physiologisch unmöglich, die Meile, also 1609 Meter, in weniger als vier Minuten zu laufen. Manche Ärzte behaupteten sogar, der menschliche Körper könne eine solche Belastung niemals aushalten. Dann durchbrach Bannister diese Grenze in 3:59 Minuten und plötzlich fiel die mentale Barriere. Nur wenige Wochen später verbesserte der Australier John Landy den Rekord mit unglaublichen 3:58 Minuten.
Wenn im Sport eine mentale Grenze fällt, kann sich plötzlich alles rasant beschleunigen. Der Marathon unter zwei Stunden hatte genau diese psychologische Dimension. Natürlich war Kipchoge beim INEOS-1:59-Projekt bereits unter zwei Stunden gelaufen. Er hatte gezeigt, dass es für den Menschen möglich ist. Aber diesmal war es anders: ein echtes Rennen, ein großer internationaler Marathon, Gegner, Wettkampfdynamik, klassische Verpflegungsstationen und echte taktische Entscheidungen. Genau das verleiht Sawes Leistung wahrscheinlich ihre enorme Bedeutung für die Geschichte des Laufsports.
Seit mehreren Jahren war zu spüren, dass dieser Coup näher rückte. Als Kelvin Kiptum 2023 in Chicago 2:00:35 lief, dachten viele, der Kenianer würde als Erster in einem offiziellen Rennen 1:59 laufen. Wenige Monate später starb er bei einem Verkehrsunfall in Kenia auf tragische Weise. Die Nachricht erschütterte und bewegte die gesamte Laufwelt, die in ihm Kipchoges Nachfolger gesehen hatte.
2024 sollte der Kampf um die Zwei-Stunden-Marke seinen glücklichen Sieger finden. Sabastian Sawes Einstieg in die Königsdisziplin markiert eine neue Ära des Marathons. Er lief 2:02:05 in Valencia, danach 2:02:27 in London und 2:02:16 in Berlin. Drei große Rennen, drei Siege. Mit 31 Jahren beherrscht er die Szene bereits und zeigt eine für diese Distanz seltene Reife. In Berlin 2025 passierte er die Halbmarathonmarke in 60:16 Minuten, auf Kurs zum Weltrekord. Doch die große Hitze verhinderte ein starkes Finish. In London 2026 passte dann alles: ideale Bedingungen, das Duell mit Kejelcha, ein starkes negatives Split, ein eigens für ihn entwickeltes neues Schuhmodell, ein eigenes Ernährungsteam und vor allem eine beeindruckende Vorbereitung, die Sawes Ambitionen erahnen ließ. Das Beste daran? Sawe ist erst 31 Jahre alt und hat gerade einmal vier Marathons bestritten. Seine Karriere über die Königsdistanz beginnt erst. Kejelcha, der in 1:59:41 ins Ziel kam, kündigte an, noch schneller laufen zu wollen. Und Jacob Kiplimo will ebenfalls in den Kampf eingreifen, nachdem er mit 2:00:28 gerade den bisherigen Weltrekord unterboten hat.
Was Sabastian Sawes Leistung so stark macht, ist auch die besondere Stellung des Marathons in der kollektiven Vorstellung. Der Marathon ist wahrscheinlich die universellste Disziplin der Leichtathletik. Auch ohne Spezialist zu sein, versteht jeder, was 42 Kilometer in weniger als zwei Stunden bedeuten. Trotzdem ist es schwierig zu behaupten, dieser Coup sei mit den Leistungen von Usain Bolt oder Armand Duplantis vergleichbar. Jede Disziplin hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Kontext und ihre eigenen Grenzen. Fest steht aber: Sawe ist endgültig in die Geschichtsbücher eingegangen, weil er als erster Mann die Zwei-Stunden-Marke in einem offiziellen Rennen durchbrochen hat. Das kann ihm niemand mehr nehmen. Und jetzt, da diese mentale Grenze nicht mehr existiert, könnte alles sehr schnell gehen. Schon bei den nächsten großen Marathons werden einige Athleten vermutlich direkt auf Sawes Rekordkurs anlaufen. Große Risiken, aggressivere Rennen und wahrscheinlich noch mehr Spektakel für alle Laufbegeisterten sind zu erwarten. Der Herbst kann kommen!
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