Wo ordnen sich Sabastian Sawes 1:59:30 in der Geschichte der Leichtathletik ein?
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Wo ordnen sich Sabastian Sawes 1:59:30 in der Geschichte der Leichtathletik ein?

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026

Aktualisiert am Mi., 9. September 2026

Der Marathon hatte lange seine mythische Grenze: die Zwei-Stunden-Marke. Eine fast philosophische Schwelle, die weit über die Zeit auf der Anzeigetafel hinausging. Jahrzehntelang gehörten 42,195 Kilometer unter zwei Stunden ins Reich der Fantasie. Doch seit Eliud Kipchoges 1:59 INEOS Challenge 2019 und Kelvin Kiptums 2:00:35 im Jahr 2023 war spürbar, dass die Zwei-Stunden-Marke näher rückte. Mit einer neuen Generation außergewöhnlicher Talente wie Sabastian Sawe, Jacob Kiplimo, John Korir und Yomif Kejelcha sowie technologischen Fortschritten ist die Grenze nun gefallen. Beim London Marathon stoppte der Kenianer Sabastian Sawe die Uhr bei 1:59:30 und katapultierte den Marathon in eine neue Dimension. Eine Leistung, die weit über seine Disziplin hinausweist. Marathons.com ordnet Sawes Coup in die Geschichte der Leichtathletik ein.

Eine Leistung, die Sawe in die Reihe der Größten der Geschichte stellt

Bevor wir über den historischen Kontext und die kulturelle Bedeutung sprechen, schauen wir zunächst auf die Zahlen. Im Kern ist das schließlich die Essenz unseres Sports. Genau dafür brennen wir. Der London Marathon lieferte vermutlich den schnellsten Marathon der Geschichte. Mit drei Läufern unter dem bisherigen Weltrekord und zwei Athleten unter der Zwei-Stunden-Marke bringt diese Ausgabe mehr Läufer in die Top 10 der schnellsten Zeiten aller Zeiten als jedes andere Rennen. Mit seiner Zeit von 1:59:30 reiht sich Sawe neben die größten Marathonlegenden ein und steht bereits ganz oben in einer hochkarätigen Rangliste, unter anderem gemeinsam mit Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele.

Top 10 der schnellsten Marathonzeiten aller Zeiten

Zeit

Athlet

Land

Wettbewerb

Datum

WA-Wertung

1

1:59:30

Sabastian Kimaru Sawe

Kenia

London Marathon

26. April 2026

1328

2

1:59:41

Yomif Kejelcha

Äthiopien

London Marathon

26. April 2026

1324

3

2:00:28

Jacob Kiplimo

Uganda

London Marathon

26. April 2026

1309

4

2:00:35

Kelvin Kiptum

Kenia

Chicago Marathon

8. Oktober 2023

1307

5

2:01:09

Eliud Kipchoge

Kenia

Berlin Marathon

25. September 2022

1296

6

2:01:25

Kelvin Kiptum

Kenia

London Marathon

23. April 2023

1291

7

2:01:39

Eliud Kipchoge

Kenia

Berlin Marathon

22. April 2018

1286

8

2:01:39

Amos Kipruto

Kenia

London Marathon

26. April 2026

1286

9

2:01:41

Kenenisa Bekele

Äthiopien

Berlin Marathon

29. September 2019

1286

10

2:01:48

Sisay Lemma

Äthiopien

Valencia Marathon

3. Dezember 2023

1283

Der Vergleich mit Usain Bolt und den anderen Größen der Leichtathletik

Um den Wert einer Marathonzeit von 1:59:30 präzise einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Punktetabellen von World Athletics. Sie ermöglichen den Vergleich von Leistungen über verschiedene Disziplinen hinweg, auch wenn das stets ein heikles Unterfangen bleibt. Sprint, Mittelstrecke, Sprünge, Würfe oder Straßenlauf: Jede Leistung erhält eine Punktzahl, die anhand statistischer Modelle berechnet wird. Dabei fließen mehrere Kriterien ein, etwa die weltweite Leistungsdichte oder die Seltenheit einer Leistung.

Sawes 1:59:30 wurde mit 1328 Punkten bewertet. Um zu verstehen, was das tatsächlich bedeutet, hier einige historische Referenzen aus der Leichtathletik.

Athlet

Land

Disziplin

Leistung

Datum

WA-Wertung

Jan Železny

Tschechien

Speerwurf

98,48 m

25. Mai 1996

1365

Usain Bolt

Jamaika

100 m

9,58 s

26. April 2026

1356

Armand Duplantis

Schweden

Stabhochsprung

6,31 m

26. April 2026

1353

Usain Bolt

Jamaika

200 m

19,19 s

26. April 2026

1352

Mike Powell

USA

Weitsprung

8,95 m

30. August 1991

1346

Karsten Warholm

Norwegen

400 m Hürden

45,94 s

3. August 2021

1341

Ryan Crouser

USA

Kugelstoßen

23,56 m

27. Mai 2023

1334

Jakob Ingebrigtsen

Norwegen

Meile Kurzbahn

3:45,14

8. Oktober 2023

1330

Sabastian Sawe

Kenia

Marathon

1:59:30

25. September 2022

1328

Jacob Kiplimo

Uganda

Halbmarathon

56:42

23. April 2023

1323

Jakob Ingebrigtsen

Norwegen

3000 m

7:17,55

22. April 2018

1320

Joshua Cheptegei

Uganda

10.000 m

26:11

26. April 2026

1306

Joshua Cheptegei

Uganda

5000 m

12:35

29. September 2019

1306

Gemessen an den World-Athletics-Rankings gehört Sabastian Sawes Leistung bereits zum äußerst exklusiven Kreis der größten Leistungen in der Geschichte der Leichtathletik. Von den monumentalen Leistungen eines Usain Bolt, Jan Železny oder Armand Duplantis ist sie allerdings noch weit entfernt. Und letztlich erzählt das auch einiges über unsere Zeit.

Der Einfluss der Superschuhe auf den modernen Marathon

Sabastian Sawes 1328 Punkte mögen niedrig erscheinen, wenn man bedenkt, dass es sich um den ersten offiziellen Marathon unter zwei Stunden handelt. Man muss jedoch verstehen, dass die Tabellen von World Athletics vor allem bewerten, wie selten eine Leistung in ihrer jeweiligen Zeit ist. Und der Marathon hat sich heute grundlegend verändert.

Karbon-Schuhe haben das Leistungsniveau explodieren lassen. Ihr Einfluss ist wissenschaftlich umfassend dokumentiert. Mehrere Studien zeigen Verbesserungen der Laufökonomie von etwa 2 bis 4 Prozent. Im Marathon ist das enorm. Es geht um mehrere Minuten. Neue Schaumstoffe, Karbonplatten, Ernährung und die gesamte wissenschaftliche Arbeit rund um die Leistung haben die Zeiten in den vergangenen Jahren rasant verbessert. Natürlich macht nicht der Schuh den Läufer. Den direkten Zusammenhang zwischen den jüngsten Rekorden und der neuen Technologie zu leugnen, wäre trotzdem unmöglich. 2017 nahm die Revolution mit dem Erscheinen von Nikes Vaporfly konkrete Formen an. Zuvor verbesserten sich die Rekorde Schritt für Schritt, manchmal um wenige Sekunden über mehrere Jahre hinweg. Dann ging plötzlich alles viel schneller. Vor 2017 dauerte es rund 16 Jahre, um den Weltrekord um zwei Minuten zu drücken. Seit dem Beginn der Superschuh-Ära wurden in weniger als zehn Jahren mehr als drei Minuten gewonnen. Das ist gewaltig.

Entdecke den adidas Adizero Pro Evo 3: den 97 g leichten Superschuh, der Sabastian Sawe beim London Marathon unter zwei Stunden begleitete.© adidas

Die Dichte an Läufern, die Zeiten um 2:00 bis 2:01 Stunden laufen können, ist dadurch enorm gestiegen. Sawe, Kejelcha, Kiplimo, Korir, Amos Kipruto und Sisay Lemma sind nur einige Beispiele. Ein weiterer Grund für den Aufstieg des Marathons ist die enorme mediale Aufmerksamkeit rund um diese mythische Distanz. Viele Spezialisten von der Bahn und aus dem Crosslauf warten nicht mehr bis 30, bevor sie zum Marathon wechseln. Und natürlich treiben auch die Sponsoren diese Entwicklung voran. Der Marathon zieht heute ein gewaltiges Maß an Aufmerksamkeit auf sich.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Sawes Zwei-Stunden-Lauf weniger wert ist. Ganz im Gegenteil. Statistisch entwickelt sich der Marathon nur deutlich schneller als manche andere Disziplin. Leistungen auf höchstem Niveau sind inzwischen fast alltäglich. Der wohl eindrucksvollste Beleg ist das Szenario dieses London Marathons: Yomif Kejelcha blieb mit 1:59:40 ebenfalls unter zwei Stunden, und das bei seinem Marathondebüt. Im Gegensatz dazu bleiben Bolts 9,58 Sekunden oder Duplantis' Rekorde extrem isolierte Leistungen, denen bis heute niemand wirklich nahekommt. Genau deshalb fallen ihre Wertungen noch höher aus. Im Marathon hingegen hat man bereits das Gefühl, dass Sawes 1:59:30 sehr bald in Gefahr geraten wird, vielleicht schon bei den großen Herbstklassikern in Berlin, Chicago oder Valencia.

Top 10 der besten Marathonläufer der Geschichte

Zeit

Athlet

Land

Wettbewerb

Datum

WA-Wertung

1

1:59:30

Sabastian Kimaru Sawe

Kenia

London Marathon

26. April 2026

1328

2

1:59:41

Yomif Kejelcha

Äthiopien

London Marathon

26. April 2026

1324

3

2:00:28

Jacob Kiplimo

Uganda

London Marathon

26. April 2026

1309

4

2:00:35

Kelvin Kiptum

Kenia

Chicago Marathon

8. Oktober 2023

1307

5

2:01:09

Eliud Kipchoge

Kenia

Berlin Marathon

25. September 2022

1296

6

2:01:39

Amos Kipruto

Kenia

London Marathon

26. April 2026

1286

7

2:01:41

Kenenisa Bekele

Äthiopien

Berlin Marathon

29. September 2019

1286

8

2:01:48

Sisay Lemma

Äthiopien

Valencia Marathon

3. Dezember 2023

1283

9

2:02:16

Benson Kipruto

Kenia

Tokio Marathon

3. März 2024

1274

10

2:02:24

John Korir

Kenia

Valencia Marathon

7. Dezember 2025

1272

Hat der Marathon gerade seinen Bannister-Moment erlebt?

Der Vergleich mit Roger Bannister liegt beinahe auf der Hand. Vor 1954 schien es physiologisch unmöglich, die Meile, also 1609 Meter, in weniger als vier Minuten zu laufen. Manche Ärzte behaupteten sogar, der menschliche Körper könne eine solche Belastung niemals aushalten. Dann durchbrach Bannister diese Grenze in 3:59 Minuten und plötzlich fiel die mentale Barriere. Nur wenige Wochen später verbesserte der Australier John Landy den Rekord mit unglaublichen 3:58 Minuten.

Wenn im Sport eine mentale Grenze fällt, kann sich plötzlich alles rasant beschleunigen. Der Marathon unter zwei Stunden hatte genau diese psychologische Dimension. Natürlich war Kipchoge beim INEOS-1:59-Projekt bereits unter zwei Stunden gelaufen. Er hatte gezeigt, dass es für den Menschen möglich ist. Aber diesmal war es anders: ein echtes Rennen, ein großer internationaler Marathon, Gegner, Wettkampfdynamik, klassische Verpflegungsstationen und echte taktische Entscheidungen. Genau das verleiht Sawes Leistung wahrscheinlich ihre enorme Bedeutung für die Geschichte des Laufsports.

Seit mehreren Jahren war zu spüren, dass dieser Coup näher rückte. Als Kelvin Kiptum 2023 in Chicago 2:00:35 lief, dachten viele, der Kenianer würde als Erster in einem offiziellen Rennen 1:59 laufen. Wenige Monate später starb er bei einem Verkehrsunfall in Kenia auf tragische Weise. Die Nachricht erschütterte und bewegte die gesamte Laufwelt, die in ihm Kipchoges Nachfolger gesehen hatte.

2024 sollte der Kampf um die Zwei-Stunden-Marke seinen glücklichen Sieger finden. Sabastian Sawes Einstieg in die Königsdisziplin markiert eine neue Ära des Marathons. Er lief 2:02:05 in Valencia, danach 2:02:27 in London und 2:02:16 in Berlin. Drei große Rennen, drei Siege. Mit 31 Jahren beherrscht er die Szene bereits und zeigt eine für diese Distanz seltene Reife. In Berlin 2025 passierte er die Halbmarathonmarke in 60:16 Minuten, auf Kurs zum Weltrekord. Doch die große Hitze verhinderte ein starkes Finish. In London 2026 passte dann alles: ideale Bedingungen, das Duell mit Kejelcha, ein starkes negatives Split, ein eigens für ihn entwickeltes neues Schuhmodell, ein eigenes Ernährungsteam und vor allem eine beeindruckende Vorbereitung, die Sawes Ambitionen erahnen ließ. Das Beste daran? Sawe ist erst 31 Jahre alt und hat gerade einmal vier Marathons bestritten. Seine Karriere über die Königsdistanz beginnt erst. Kejelcha, der in 1:59:41 ins Ziel kam, kündigte an, noch schneller laufen zu wollen. Und Jacob Kiplimo will ebenfalls in den Kampf eingreifen, nachdem er mit 2:00:28 gerade den bisherigen Weltrekord unterboten hat.

Was Sabastian Sawes Leistung so stark macht, ist auch die besondere Stellung des Marathons in der kollektiven Vorstellung. Der Marathon ist wahrscheinlich die universellste Disziplin der Leichtathletik. Auch ohne Spezialist zu sein, versteht jeder, was 42 Kilometer in weniger als zwei Stunden bedeuten. Trotzdem ist es schwierig zu behaupten, dieser Coup sei mit den Leistungen von Usain Bolt oder Armand Duplantis vergleichbar. Jede Disziplin hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Kontext und ihre eigenen Grenzen. Fest steht aber: Sawe ist endgültig in die Geschichtsbücher eingegangen, weil er als erster Mann die Zwei-Stunden-Marke in einem offiziellen Rennen durchbrochen hat. Das kann ihm niemand mehr nehmen. Und jetzt, da diese mentale Grenze nicht mehr existiert, könnte alles sehr schnell gehen. Schon bei den nächsten großen Marathons werden einige Athleten vermutlich direkt auf Sawes Rekordkurs anlaufen. Große Risiken, aggressivere Rennen und wahrscheinlich noch mehr Spektakel für alle Laufbegeisterten sind zu erwarten. Der Herbst kann kommen!

Entdecke die Details des adidas Adios Pro Evo 3, den Sabastian Sawe beim London Marathon trug

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