Der Boston-Marathon verschärft seine Qualifikationsregeln

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Mi., 9. September 2026

Aktualisiert am Mi., 9. September 2026

Der Boston-Marathon verschärft seine Qualifikationsregeln
© BAA / Marathon de Boston

Diese Ankündigung sorgt in der Marathonwelt jenseits des Atlantiks für reichlich Gesprächsstoff. Die Boston Athletic Association (BAA), Veranstalterin des legendären Boston-Marathons, hat ihre Qualifikationskriterien aktualisiert. Ab der Ausgabe 2027 werden Zeiten, die auf Strecken mit einem deutlichen negativen Höhenprofil erzielt wurden, vor der Anerkennung als Qualifikationszeit nach oben korrigiert. Wer also auf einen Bergablauf gehofft hat, um seinen BQ (Boston Qualifier) zu schaffen, muss künftig noch schneller sein. Die Qualifikation für Boston war schon bisher eine sportliche Meisterleistung. Nun wird die Aufgabe noch anspruchsvoller. Die Hintergründe.

Warum diese Änderung?

Boston ist der heilige Gral des Marathons. Seit 1887 träumen Tausende Läuferinnen und Läufer von diesem Rennen, das für sportliche Exzellenz und Tradition steht. Doch dieser Traum rückt immer schwerer in greifbare Nähe.

Für die Ausgabe 2025 hatten 12.324 Läuferinnen und Läufer zwar eine Qualifikationszeit erreicht, aber keinen Startplatz erhalten. Warum? Weil der Laufsport einen beispiellosen Boom erlebt und die Nachfrage explodiert, während die Zahl der Startplätze begrenzt bleibt: rund 30.000 Startnummern, davon 6.000 für Partner und Wohltätigkeitsorganisationen. Das Ergebnis: Eine einfache „BQ“ reicht nicht mehr. Man braucht eine deutlich schnellere Zeit als die offiziellen Mindestzeiten.

2025 musste man 6 Minuten und 51 Sekunden schneller laufen als die BAA-Standards, um berücksichtigt zu werden. Dieser Abstand verändert sich jedes Jahr, macht den Kampf um die Startplätze aber immer härter.

Bergab-Marathons im Visier

Vor diesem Hintergrund wenden sich immer mehr Läuferinnen und Läufer gezielt leistungsoptimierten Rennen zu, um ihren BQ zu holen: flache Strecken, perfektes Wetter … und manchmal sogar Marathons mit durchgehendem Gefälle, vom ersten bis zum 42. Kilometer.

Diese Marathons mit starkem negativem Höhenprofil, bei denen die Schwerkraft eindeutig dabei hilft, schneller zu laufen, sind in den vergangenen Jahren vor allem in den USA wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die von der BAA ausgewerteten Daten sind eindeutig: Läuferinnen und Läufer, die sich bei diesen Rennen qualifizieren, schneiden in Boston deutlich schlechter ab.

Laut einer von Running With Rock zitierten Studie zeigen sich bei Frauen unter 40 Jahren folgende Unterschiede:
➜ Teilnehmerinnen, die sich auf Strecken mit starkem Gefälle qualifizierten, lagen zwischen ihrer Qualifikationszeit und ihrer Zeit in Boston im Schnitt +25:07 Minuten.
➜ Bei einer Qualifikation auf einer flachen Strecke betrug der Abstand hingegen nur +11:26 Minuten.

Das Fazit ist klar: Läuferinnen und Läufer, die sich auf Bergabstrecken qualifizieren, sind in Boston weniger leistungsfähig und profitieren von einem künstlichen Vorteil.

Ein neuartiger Korrekturschlüssel

Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, führt die BAA einen Korrekturfaktor für Zeiten ein, der sich nach dem negativen Höhenprofil der Strecke richtet. Das sind die neuen Vorgaben:

Negativer Höhenunterschied

Zeitkorrektur

0 bis 457 m

Keine

457 bis 914 m

+ 5 Minuten

914 bis 1.828 m

+ 10 Minuten

Mehr als 1.829 m

Nicht teilnahmeberechtigt

Zur Orientierung hier die Qualifikationszeiten für den Boston-Marathon. Alle Informationen zur Anmeldung findest du in unserem ausführlichen Artikel.

Altersgruppe

MÄNNER

FRAUEN

NICHTBINÄR

18–34

2 Std. 55 Min. 00 Sek.

3 Std. 25 Min. 00 Sek.

3 Std. 25 Min. 00 Sek.

35–39

3 Std. 00 Min. 00 Sek.

3 Std. 30 Min. 00 Sek.

3 Std. 30 Min. 00 Sek.

40–44

3 Std. 05 Min. 00 Sek.

3 Std. 35 Min. 00 Sek.

3 Std. 35 Min. 00 Sek.

45–49

3 Std. 15 Min. 00 Sek.

3 Std. 45 Min. 00 Sek.

3 Std. 45 Min. 00 Sek.

50–54

3 Std. 20 Min. 00 Sek.

3 Std. 50 Min. 00 Sek.

3 Std. 50 Min. 00 Sek.

55–59

3 Std. 30 Min. 00 Sek.

4 Std. 00 Min. 00 Sek.

4 Std. 00 Min. 00 Sek.

60–64

3 Std. 50 Min. 00 Sek.

4 Std. 20 Min. 00 Sek.

4 Std. 20 Min. 00 Sek.

65–69

4 Std. 05 Min. 00 Sek.

4 Std. 35 Min. 00 Sek.

4 Std. 35 Min. 00 Sek.

70–74

4 Std. 05 Min. 00 Sek.

4 Std. 50 Min. 00 Sek.

4 Std. 50 Min. 00 Sek.

75–79

4 Std. 05 Min. 00 Sek.

5 Std. 05 Min. 00 Sek.

5 Std. 05 Min. 00 Sek.

80 Jahre und älter

4 Std. 05 Min. 00 Sek.

5 Std. 20 Min. 00 Sek.

5 Std. 20 Min. 00 Sek.

Ein konkretes Beispiel: Eine 30-jährige Frau muss 3:25 Stunden laufen, um ihren BQ zu erreichen. Erzielt sie diese Zeit auf einer Strecke mit 500 m Gefälle, werden 5 Minuten aufgeschlagen. Sie muss also 3:20 Stunden oder schneller laufen, damit die Zeit anerkannt wird.

Und das ist noch nicht alles: Wegen der hohen Nachfrage und des aktuellen Auswahlverfahrens kann die BAA nur die schnellsten Zeiten berücksichtigen. Für die Ausgabe 2025 hätte sie in diesem Fall eigentlich 3:13 Stunden anpeilen müssen, um eine Chance auf eine Startnummer zu haben. Von 3:25 ist das weit entfernt.

24 betroffene Marathons in den USA

Insgesamt sind derzeit 24 US-amerikanische Marathons von diesen Anpassungen betroffen. Dazu gehören einige besonders beliebte Rennen:
➜ Der Revel Mt. Charleston Marathon (Las Vegas): 1.600 m Gefälle, eine echte Nonstop-Abfahrt.
➜ Der Revel Big Cottonwood (Utah) und der Mesa Marathon (Arizona), die ebenfalls für ihr ultraschnelles Profil bekannt sind … nun aber weniger „BQ-freundlich“ ausfallen.

Der Status als „BQ Qualifier“ ist für diese Veranstalter ein starkes Zugpferd. Für manche ist er sogar das wichtigste Verkaufsargument. Deshalb müssen sie die neuen Vorgaben der BAA unbedingt einhalten und das Gefälle ihrer Strecken reduzieren, um den Läuferinnen und Läufern weiterhin leistungsoptimierte Rennen anbieten zu können, die sie ihrem großen Ziel näherbringen: der Qualifikation für den Boston-Marathon.

Der California International Marathon (CIM), ein legendäres Rennen an der US-Westküste, bleibt von der Regelung dagegen unberührt, da es mit 305 m Gefälle innerhalb des zulässigen Bereichs liegt.

Eine Entscheidung für mehr Fairness

Die BAA will nach eigener Aussage niemanden bestrafen, sondern die Chancen ausgleichen. Bislang gab es für Strecken mit Gefälle keine Nachteile, obwohl die Regeln bei offiziellen, von World Athletics anerkannten Rekorden oder bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele, den sogenannten „Olympic Trials“ in den USA, streng sind.

Für Boston ist das ein Wendepunkt. Der Veranstalter will seinen Ruf als elitäres und faires Rennen bewahren. Einfache Wege zur Qualifikation soll es nicht mehr geben. Alle sollen mit demselben sportlichen Verdienst an der Startlinie stehen.

© BAA / Marathon de Boston

Eine Entscheidung, die die Community spaltet

Klar ist: Die neue Regel sorgt für Diskussionen.

Einige Läuferinnen und Läufer betonen, dass ein Bergab-Marathon nicht automatisch leichter zu laufen ist: Man braucht starke Beine, belastbare Quadrizeps und eine spezielle Vorbereitung. Sie halten die Korrektur für unfair gegenüber allen, die sich gezielt auf solche Rennen vorbereiten.

Andere sehen darin dagegen eine längst überfällige Korrektur. Eine Zeit, die mit Unterstützung des Gefälles erzielt wurde, sollte ihrer Ansicht nach nicht automatisch die Türen nach Boston öffnen. In den einschlägigen Foren prallen die Meinungen aufeinander. Eines steht jedoch fest: Die BAA hat entschieden.

Wer in den kommenden Jahren Boston anpeilt, sollte sich das Streckenprofil des geplanten Qualifikationsmarathons genau ansehen. Ein Bergab-Marathon kann weiterhin eine Fabelzeit ermöglichen … aber nicht unbedingt eine Zeit, die ohne Korrektur gültig ist. Also heißt es: schneller laufen, eine noch bessere Zeit anpeilen oder eine neutralere Strecke wählen.

Mit der neuen Regel für Zeiten auf Bergabstrecken schafft die BAA die Voraussetzungen für eine fairere Auswahl und unterstreicht den sportlichen Stellenwert des Boston-Marathons. Die Änderung bringt zwar einige Gewohnheiten ins Wanken, könnte aber ein notwendiger Schritt zu einem gerechteren Wettbewerb sein. Auch wenn manche bereits den Zauber und den zusätzlichen Schub von Bergabstrecken vermissen dürften.

Die offizielle Mitteilung des Veranstalters findest du auf der offiziellen Website der Boston Athletic Association