Nordkorea veranstaltet seit 2019 erstmals wieder einen internationalen Marathon: ein Lauf wie aus der Zeit gefallen
Wir alle haben eine Bucketlist mit Marathons, die wir eines Tages laufen wollen. New York, Tokio, Boston, London, der Mont-Blanc … Doch auf dieser Liste gibt es einen Eintrag, der deutlich unwahrscheinlicher ist als alle anderen: der Pyongyang-Marathon in Nordkorea. Am Sonntag, dem 6. April 2025, wurde diese Option wieder zur Realität. Zum ersten Mal seit sechs Jahren durften ausländische Läuferinnen und Läufer die großen Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt erobern, und zwar beim internationalen Pyongyang-Marathon.
Ein Start wie aus der Zeit gefallen
Der Start erfolgt im legendären Kim-Il-sung-Stadion vor den Rängen, auf denen Tausende handverlesene Zuschauer sitzen. Die Atmosphäre wirkt befremdlich: feierlich und zugleich mit jener Begeisterung, die man aus den größten Fußballstadien kennt. Man spürt, dass alles unter Kontrolle ist, aber die Menge spielt ihre Rolle. Die Gesichter sind ernst und konzentriert, doch der Applaus bleibt nicht aus. Die ausländischen Läufer werden neugierig, manchmal sogar herzlich betrachtet. Und als der Startschuss fällt, begleitet eine beinahe religiöse Stille die ersten Schritte.
Wer schon in geselligen Städten gelaufen ist, in denen an jeder Straßenecke Musik erklingt, kann zunächst irritiert sein. Mit dem New-York-Marathon hat das hier wenig zu tun: Der Lärm bleibt gedämpft, die Straßen sind ruhig, Anfeuerungsrufe selten. Der Asphalt ist makellos, die Boulevards sind breit und fast leer. Und in der Ferne ragen stets diese gigantischen Monumente auf, die wie steinerne Wächter über die Stadt wachen.
Weit mehr als ein einfacher Lauf: Eintauchen in eine andere Welt
Dieser Marathon besteht nicht nur aus 42,195 Kilometern. Für ausländische Teilnehmer beginnt das Abenteuer lange vor dem Start. Die Anmeldung läuft über Koryo Tours, eine darauf spezialisierte Agentur, die ein sechstägiges Paket mit Rennen, Unterkunft, Besichtigungen und Transfers anbietet … immer in der Gruppe, immer unter Aufsicht. Allein durch Pyongyang zu streifen ist unmöglich, geschweige denn die eigene Route oder die Mittagspause spontan zu planen. Alles ist organisiert und vorgegeben. Das ist der Preis für diese Erfahrung.
Und was für eine Erfahrung. Diejenigen, die dabei waren, sprechen von einem Schock. Nicht unbedingt einem brutalen, aber einem tiefgreifenden. Ein Eintauchen in eine andere Welt, die in der Zeit eingefroren scheint und in der jede Geste, jeder Blick bedeutungsschwer wirkt. Man läuft durch eine Hauptstadt, deren Alltag Besuchern verschlossen bleibt, in der die Inszenierung ebenso wichtig ist wie die sportliche Leistung.
Laufen für die Geschichte
Das Datum des Marathons ist kein Zufall. Er findet jedes Jahr statt, zumindest wenn die Grenzen nicht geschlossen sind, und ist eine Hommage an Kim Il Sung, den 1912 geborenen Gründer des nordkoreanischen Regimes. Die Veranstaltung ist deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Sporttermin. Sie ist Würdigung, Schaufenster, Demonstration von Ordnung und Loyalität. Ein Schauspiel der Disziplin, bei dem natürlich alles bis ins kleinste Detail getaktet ist.
Für die ausländischen Läufer ist es vor allem eine seltene Gelegenheit und eine einzigartige Erfahrung. 2019 waren knapp 950 von ihnen am Start. In diesem Jahr sind es weniger, vielleicht aber noch motiviertere. Nach sechs Jahren, in denen die Pandemie und die vollständige Abriegelung des Landes den Lauf verhindert hatten, wirkt seine Rückkehr wie ein kleines Zeichen der Öffnung.
Was den Läufern bleibt
Die Rückkehrer berichten von einer Mischung aus Emotionen, Faszination und manchmal auch Beklemmung. Alles ist geregelt und wird beobachtet. Jedes aufgenommene Foto ist eher eine Erinnerung als ein spontaner Schnappschuss. Doch diese permanente Kontrolle verhindert nicht die echten Momente. Ausgetauschte Blicke, flüchtige Lächeln, Kinder am Straßenrand, die schüchtern applaudieren … Es sind diese Kleinigkeiten, die trotz allem eine menschliche Verbindung spürbar machen.
Und dann ist da natürlich die sportliche Herausforderung. Schließlich geht es um einen echten Marathon. Die Strecke ist anspruchsvoll, das Wetter unberechenbar, und die allgegenwärtige Stille zwingt dazu, die Motivation anderswo zu finden. Aber genau dadurch wird der Lauf beinahe meditativ. Man läuft für sich selbst, für dieses einzigartige Gefühl, zugleich mittendrin und außen vor, Akteur und Beobachter zu sein.
Ein Marathon wie kein anderer … und ohne Strava
In Pyongyang zu laufen bedeutet nicht, Jagd auf eine Bestzeit zu machen. Es geht nicht darum, einen weiteren Haken bei Strava zu setzen oder den eigenen Insta-Feed zum Explodieren zu bringen. Vorausgesetzt, man kann überhaupt online gehen. Der Internetzugang ist streng kontrolliert und ausschließlich hochrangigen Vertretern oder bestimmten Studenten vorbehalten. Und Strava? Die US-App zieht in dieser Frage eine klare Grenze. Sie sperrt konsequent alle Nutzer, die ihre Läufe in Nordkorea hochladen, aus Sicherheitsgründen und im Einklang mit der US-Regierung. Auf die Kudos der Freunde als Gratulation sollte man also nicht zählen. Dieser Marathon ist etwas anderes. Man muss akzeptieren, aus dem Takt gebracht zu werden und den gewohnten Rahmen des reisenden Läufers zu verlassen, Freiheit gegen Erfahrung einzutauschen. Selten, reglementiert, besonders. Aber unvergesslich.
Ergebnisse des Pyongyang-Marathons 2025
Marathon Männer: PAK Kum Dong (Nordkorea) – 2:12:08
Marathon Frauen: JON Su Gyong (Nordkorea) – 2:25:48
Halbmarathon Männer: Ryang Choe Guk (Nordkorea) – 1:12:19
Halbmarathon Frauen: Kan Ryon Hui (Nordkorea) – 1:16:32
10 km Männer: Kim Tae Guk (Nordkorea) – 35:11
10 km Frauen: Jon Phyong A (Nordkorea) – 38:03
Für diejenigen, die in Pyongyang ihre Laufschuhe geschnürt haben, war es weit mehr als ein Rennen. Es war ein zeitloser Moment, eine Klammer zwischen zwei Welten. Und wenn du zu den Menschen gehörst, die laufen, um zu entdecken, zu fühlen und sich herausfordern zu lassen … dann läufst vielleicht auch du eines Tages vom Kim-Il-sung-Stadion los.