Sabastian Sawe, der Kampf gegen Doping und die Frage, woran wir beim Marathon noch glauben können
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Sabastian Sawe, der Kampf gegen Doping und die Frage, woran wir beim Marathon noch glauben können

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Am 26. April 2026 fiel eine mythische Schallmauer. In London wurde Sabastian Sawe zum ersten Mann, der offiziell einen Marathon unter zwei Stunden lief: 1:59:30 Stunden. Eigentlich müsste ein solcher Moment nur Bewunderung auslösen. Begeisterung. Gänsehaut bei allen, die den Laufsport lieben. Zunächst war es auch so. Doch schon bald rückte ein anderes Thema in den Vordergrund: Doping. Denn im Marathon sind manche Leistungen inzwischen so außergewöhnlich, dass immer ein kleiner Schatten bleibt. Und wenn der Athlet aus Kenia kommt, ist der Verdacht oft noch größer. Seit Jahren häufen sich Dopingfälle unter kenianischen Läuferinnen und Läufern und beschädigen den Ruf eines Landes, das den Langstreckenlauf seit Jahrzehnten prägt. Für Sawe ist es deshalb Zeit für einen Wandel. Vor Berlin und anschließend London stellte er sich freiwillig einer beeindruckenden Zahl von Dopingkontrollen. Finanziert wurde die Initiative von adidas, das der Athletics Integrity Unit jährlich 50.000 US-Dollar zur Verfügung stellt, um die Kontrollen des Kenianers zu verstärken. Marathons.com zeigt die Details dieser beispiellosen Initiative, die den Weg für neue Ansätze und hoffentlich für einen saubereren Sport ebnen wird.

Doping in Kenia, eine Realität, der sich das Land stellen muss

Das Problem ist: Kenia stand in den vergangenen Jahren im Zentrum einer gewaltigen Welle positiver Dopingtests. Seit der Gründung der AIU im Jahr 2017 wurden Dutzende und Aberdutzende kenianische Athleten gesperrt. Genauer gesagt erhielten 145 kenianische Athleten eine Sperre. Das entspricht fast einem Drittel aller weltweit von der AIU erfassten Fälle. Es geht um Olympiamedaillen, Podiumsplätze bei Majors und Weltrekorde, die nun einen Makel tragen. Mit der Zeit beschädigt das den Ruf des gesamten Sports. Und saubere Läufer sehen sich um Siege gebracht, die ihnen eigentlich zugestanden hätten. Ungerecht, aber inzwischen Realität im Marathon.

Trotzdem darf man nicht alles in einen Topf werfen. Kenia ist kein staatlich organisiertes System, wie es Russland einst war. Es gibt keine Beweise für flächendeckend organisiertes Doping und kein staatliches Programm. Was Ermittlungen und Verantwortliche der AIU vor allem beschreiben, ist eher eine Art Schattenwirtschaft: dubiose Manager, vom Geld getriebene Vermittler, skrupellose Apotheker. Menschen, die sich im Umfeld der Athleten bewegen und von einer Situation profitieren, in der schnelles Laufen ein ganzes Leben verändern kann. Das ist wichtig, um den Kontext zu verstehen.

In einigen Regionen des Rift Valley hat der Marathon eine enorme Bedeutung. Vielleicht eine größere als in Europa oder den USA. Wer dort ein großes Rennen gewinnt, kann eine ganze Familie aus der Armut holen. Wenn so viel Geld und zugleich eine solche Dichte an Talent zusammenkommen, lassen sich manche zwangsläufig zum Doping verleiten. Das bedeutet nicht, dass kenianische Leistungen „falsch“ sind. Das zu behaupten, wäre absurd. Kenia bringt seit Jahrzehnten tatsächlich außergewöhnliche Läufer hervor. Die Laufkultur ist riesig. Höhenlage, der Lauf zur Schule, Trainingsgruppen, Umfänge, Lebensstil und der permanente Konkurrenzkampf zwischen den Athleten: All das gibt es wirklich. Das Problem ist, dass es neben dieser Realität, die natürlich die große Mehrheit ausmacht, zu viele positive Fälle gegeben hat.

Erfahre, wer Sabastian Sawe ist, der erste Mann, der einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden lief. Kindheit in Kenia, Familie, Glaube, Training, Persönlichkeit und der rasante Aufstieg des neuen Marathonstars.© Dan King / Maurten

Die Rolle der Athletics Integrity Unit, der Aufpasser des weltweiten Leichtathletiksports

Hier kommt die AIU ins Spiel, die Athletics Integrity Unit, die 2017 von World Athletics gegründet wurde. Im Grunde ist sie der Aufpasser der weltweiten Leichtathletik, die Integritätsabteilung von World Athletics. Kontrollen, Ermittlungen, Athletenpässe, Sanktionen: Sie kümmert sich um den gesamten Bereich Integrität und Bestrafung. Paradoxerweise werden heute so viele Kenianer überführt, weil sie besonders häufig getestet werden.

Angesichts der vielen Erfolge und positiven Fälle ist Kenia zu einem der am stärksten überwachten Länder in der Leichtathletik geworden. Die Regierung hat Millionen in den Kampf gegen Doping gesteckt. In Nairobi wurde sogar ein Blutanalyselabor eingerichtet. Die Zahl der Kontrolleure ist gestiegen. Laut Brett Clothier, dem Leiter der AIU, können die Kontrolleure inzwischen fast überall im Land sehr schnell eine Kontrolle organisieren, sobald sie einen ernstzunehmenden Hinweis erhalten.

Eine wichtige Nuance wird dabei oft übersehen: Mehr positive Fälle bedeuten nicht zwangsläufig, dass heute mehr gedopt wird als früher. Sie können auch heißen, dass früher kaum jemand hingesehen hat und das System inzwischen schlicht besser funktioniert. Lange waren die Mittel im Verhältnis zur Größe des kenianischen Läuferpools völlig unzureichend. Heute gibt es Kontrollen überall. Und die Athleten wissen das.

Kenyas schwieriger Kampf gegen Doping

Der Wendepunkt kam 2016. Damals schnellten die Dopingfälle in Kenia in die Höhe, und World Athletics erwog ernsthaft harte Sanktionen gegen das Land. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Rio drohte Kenia sogar der Ausschluss von internationalen Wettbewerben, falls keine konkreten Maßnahmen ergriffen würden. Unter dem Druck der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) reagierte die Regierung in aller Eile und gründete die kenianische Anti-Doping-Agentur ADAK.

Von da an versuchte das Land Schritt für Schritt, die Kontrolle über eine eskalierte Situation zurückzugewinnen. Nairobi versprach, innerhalb von fünf Jahren 25 Millionen US-Dollar in den Kampf gegen Doping zu investieren. Dutzende Kontrolleure wurden eingestellt, Aufklärungskampagnen in den Trainingslagern ausgeweitet und die Zahl der Tests deutlich erhöht.

Trotz dieser Anstrengungen bewegt sich Kenia weiter auf einem schmalen Grat. 2022 war die Lage in der kenianischen Leichtathletik angesichts der vielen Skandale noch immer kritisch. Die AIU sprach sogar von zunehmend organisiertem Doping unter Beteiligung von Personen mit weitreichenden medizinischen Kenntnissen. Einige Ermittlungen brachten gefälschte medizinische Unterlagen, falsche Ärzte und geheime Injektionssysteme im Umfeld von Spitzenathleten ans Licht. 2024 folgte der nächste Rückschlag: Die ADAK kündigte an, einen Teil ihrer Kontrollen nach massiven Kürzungen durch die kenianische Regierung aussetzen zu müssen. Der Agentur zufolge fehlten ihr die Mittel, um ihre Verpflichtungen gegenüber der Welt-Anti-Doping-Agentur ordnungsgemäß zu erfüllen. Wieder fürchtete das Land den Ausschluss von internationalen Wettbewerben.

Einige Monate später stellte die kenianische Regierung schließlich wieder Geld für den Kampf gegen Doping bereit. Im Haushalt 2025/26 erhielt die ADAK mehr als 1,5 Millionen US-Dollar, um ihre Arbeit neu zu starten und die Kontrollen im großen Stil wieder aufzunehmen. Dieses ständige Auf und Ab beschreibt die aktuelle Lage Kenias ziemlich treffend: ein Land, das seine Leichtathletik ehrlich zu säubern versucht, zugleich aber mit wirtschaftlichen Grenzen und einem Problem kämpft, das in Teilen des Systems tief verwurzelt ist.

Der Fall Ruth Chepngetich zeigt, wie sich der Kampf gegen Doping verändert hat

Der Fall Ruth Chepngetich hat im Marathon tiefe Spuren hinterlassen. Sie verkörperte genau das, was der Sport verkaufen wollte: Leistungen jenseits aller Maßstäbe, einen Superstar und einen unglaublichen Weltrekord. 2024 lief sie beim Chicago Marathon 2:09:56 Stunden. Für viele war diese Leistung sogar beeindruckender als der Sub-2-Erfolg der Männer.

Dann stürzte alles ein, nur ihr Rekord steht bis heute. Ihr positiver Test auf HCTZ, ein verbotenes Diuretikum, das häufig als Maskierungsmittel eingesetzt wird, verstärkte ein Gefühl, das bei vielen Fans ohnehin vorhanden war: dass man inzwischen nicht mehr weiß, wem man glauben soll. Besonders geprägt hat die Öffentlichkeit, dass Chepngetich zuvor bereits zahlreiche Kontrollen absolviert hatte.

Das ist für die breite Öffentlichkeit wahrscheinlich am schwersten zu akzeptieren: Ein Athlet kann unzählige Kontrollen bestehen und später trotzdem positiv getestet werden. Mikrodosierungen, sehr kurze Nachweisfenster und ausgefeiltere Methoden machen den Kampf gegen Doping deutlich komplizierter als ein simples „positiv bedeutet Betrüger, negativ bedeutet sauber“. Der Marathon bewegt sich dauerhaft in dieser Grauzone. Denn lange war die Dopingindustrie den Möglichkeiten der AIU voraus. Heute ist das nicht mehr der Fall, und die Sperre von Ruth Chepngetich ist das perfekte Symbol dafür. Sie ist vermutlich der größte Fang in der Geschichte der AIU.

Sabastian Sawes Kontrollprogramm für Berlin und London, eine Premiere in der Leichtathletikgeschichte

Auch deshalb ist das Vorgehen von Sabastian Sawe so faszinierend. Schon sein Weg ist ungewöhnlich: Er wurde nicht auf der Bahn und in den Nachwuchsklassen zum Star. Sein Durchbruch kam später, direkt auf der Straße. Bevor er im Marathon auftauchte, hatte er nicht das mediale Profil mancher anderer Champions.

Vor allem aber verstanden er und sein Umfeld eines: Wenn Sawe den Weltrekord brechen oder unter zwei Stunden laufen würde, würden sehr viele Menschen nicht einfach applaudieren. Sie würden offen zweifeln, kritisieren und seine Leistung infrage stellen.

Deshalb beschlossen Sawe, sein Trainer Claudio Berardelli, sein Manager Eric Lilot und adidas vor dem Berlin-Marathon 2025, gemeinsam mit der AIU ein verschärftes Anti-Doping-Programm aufzusetzen. Nicht, weil sie dazu verpflichtet waren, sondern weil sie ahnten, dass Sawe in der Lage war, alle Marathonrekorde zu brechen und als erster Mann einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden zu laufen.

adidas finanzierte dafür rund 50.000 US-Dollar an zusätzlichen Tests. Das Ergebnis: In den zwei Monaten vor Berlin wurde Sawe 25-mal kontrolliert. Blut, Urin, unangekündigte Tests, manchmal früh am Morgen vor einer harten Einheit, manchmal zweimal am selben Tag. Unterm Strich wurde er fast alle zwei Tage getestet. Interessant ist, dass dies nicht wie eine kurzfristig geplante PR-Aktion wirkte. Für den London-Marathon 2026 wurde das Verfahren mit einem weiteren, über das gesamte Jahr laufenden Programm wiederholt.

Zweifel gehören inzwischen zum Marathon dazu

Beweist dieses Programm, dass Sawe zu 100 Prozent sauber ist? Eines muss man klar sagen: Nein, das beweist es nicht vollständig. Absolute Gewissheit wird es nie geben. Der Sport hat zu viele Geschichten erlebt, in denen Athleten jahrelang unantastbar schienen, bevor alles zusammenbrach. Auch Lance Armstrong war jahrelang bei keiner Kontrolle durchgefallen. Deshalb werden manche Menschen trotz allem skeptisch bleiben. Und ehrlich gesagt ist das nachvollziehbar. Selbst Sawes Trainer Claudio Berardelli musste bereits erleben, wie sein Ruf durch einen Dopingfall in Kenia beschädigt wurde. 2014 wurde eine seiner Athletinnen, Rita Jeptoo, nur zwei Wochen nach ihrem Sieg beim Chicago Marathon positiv auf EPO getestet. Zunächst von der Athletin beschuldigt, wurde Claudio Berardelli später von einem Gericht in Nairobi freigesprochen. Der italienische Trainer hat stets bestritten, an irgendeinem Dopingsystem beteiligt gewesen zu sein. Ende 2025 nahm die Geschichte eine neue Wendung: Jeptoo, inzwischen 45 Jahre alt und seit Langem nicht mehr Teil von Berardellis Gruppe, wurde nach einem positiven Test auf verbotene anabole Steroide erneut gesperrt.

Und dann ist da noch der Bericht des LetsRun.com-Journalisten Weldon Johnson, der nach Kenia reiste, um das Trainingslager der Olympiasiegerin Jemima Sumgong zu besuchen. Er beschrieb ein typisch kenianisches Umfeld, das völlig schlüssig wirkte: hohe Umfänge, echte Disziplin, gemeinsame Läufe auf roter Erde, eine klar strukturierte Gruppe, Gespräche über Ernährung und Regeneration, ein Tagesablauf, der sich ganz ums Training drehte.

Je mehr Zeit er mit der Gruppe verbrachte, desto stärker dachte er: „Okay, vielleicht sind sie einfach unglaublich stark.“ Wenige Tage nach seiner Rückkehr wurde Sumgong positiv auf EPO getestet. Genau das ist im Marathon wahrscheinlich am verstörendsten. Talent gibt es wirklich. Trainingsmethoden gibt es wirklich. Unglaubliche Leistungen können manchmal vollkommen plausibel sein, bis sie es plötzlich nicht mehr sind. Selbst wenn man an eine schöne Geschichte glauben möchte, bleibt irgendwo immer ein kleiner Zweifel.

Gleichzeitig ist es schwer, einen Athleten zu kritisieren, der gemeinsam mit seinem Sponsor dafür bezahlt, freiwillig täglich getestet zu werden. Das garantiert nicht, dass er sauber ist. Es erhöht aber die Überwachung und damit auch die Wahrscheinlichkeit enorm, dass ein Betrug auffliegt. Vor allem zeigt es ein Bewusstsein für die Situation. Sawe weiß genau, dass ein kenianischer Marathonläufer, der eine historische Leistung erzielt, heute nicht mehr automatisch einen Vertrauensvorschuss erhält. Er muss seine Glaubwürdigkeit beinahe stärker unter Beweis stellen als andere.

Auch die Schuhe haben den Marathon verändert

Natürlich kann man über den Sub-2-Marathon nicht sprechen, ohne die Schuhe zu erwähnen. Manche sprechen von technologischem Doping. Denn die neuen Generationen der Superschuhe haben den Marathon grundlegend verändert. Schaumstoffe, Carbonplatten, die Energierückgabe und das Gewicht der Modelle: All das spielt eine enorme Rolle bei der Entwicklung der Zeiten.

Vor dem Aufkommen der Vaporfly hielten viele Studien den Sub-2-Marathon für eine sehr weit entfernte Möglichkeit. Nach 2017 änderten sich die Prognosen schnell. Das bedeutet nicht, dass die Schuhe jeden beliebigen Läufer in 1:59 Stunden ins Ziel bringen. Natürlich nicht. Aber sie haben die Grenzen des scheinbar Machbaren eindeutig verschoben. Sawe selbst sprach nach London ausführlich über seine adidas-Schuhe. Das Thema gehört inzwischen zur modernen Geschichte des Marathons, ebenso wie Höhenlage, Ernährung oder Verpflegungsstrategien.

Entdecke den adidas Adizero Pro Evo 3: den 97 Gramm leichten Superschuh, der Sabastian Sawe beim London-Marathon unter zwei Stunden begleitete.© adidas

Der Marathon hat sich grundlegend verändert. Früher löste eine außergewöhnliche Zeit vor allem Bewunderung aus. Heute folgen darauf auch hitzige Debatten in den sozialen Netzwerken, Analysen, Verdächtigungen und Videos, in denen jedes Detail Bild für Bild und Sekunde für Sekunde seziert wird. Für viele Running-Fans ist der Zweifel zum Dauerbegleiter geworden. Und Kenia steht häufig im Zentrum dieses Misstrauens. Gleichzeitig verändert sich die Lage. Die AIU hat ihre Maßnahmen in Kenia in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt, und heute gibt es viel mehr Kontrollen als früher. Auch Sabastian Sawes Initiative steht für den Versuch, einem Sport, der sie dringend braucht, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Denn der moderne Marathon lebt letztlich in einem merkwürdigen Widerspruch. Wir erleben wahrscheinlich das goldene Zeitalter der Disziplin. Die Athleten laufen schneller als je zuvor, die Schuhe verschieben die Grenzen, die Trainingsmethoden entwickeln sich weiter und die Leistungsdichte ist enorm. Doch je außergewöhnlicher die Leistungen werden, desto größer wird der Bedarf an Beweisen und Transparenz. Kurz gesagt: Im Marathon ist Glaubwürdigkeit inzwischen fast selbst Teil der Leistung geworden.

Entdecke alle Details zum adidas Adios Pro Evo 3, den Sabastian Sawe beim London-Marathon trug

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