Wer ist Sabastian Sawe, der erste Marathonläufer unter zwei Stunden?
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Wer ist Sabastian Sawe, der erste Marathonläufer unter zwei Stunden?

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Seit er die Zwei-Stunden-Marke im Marathon geknackt hat, steht Sabastian Sawe im Rampenlicht. Seine Leistung ist das Gesprächsthema schlechthin, seine Karriere hat eine neue Dimension erreicht. Schließlich wird er für immer der erste Mann sein, der einen offiziellen Marathon in unter zwei Stunden gelaufen ist. Der Coup ist gigantisch, historisch, ja sogar inspirierend. Aber wer ist Sabastian Sawe wirklich? Noch vor wenigen Jahren kannten selbst eingefleischte Leichtathletikfans seinen Namen kaum. Keine glanzvolle Bahnkarriere wie Kenenisa Bekele oder Eliud Kipchoge. Keine olympischen Medaillen. Kein seit der Jugend aufgebautes Marketing-Storytelling. Sawe kam spät. Fast unbemerkt. Der 31-jährige Kenianer hat sich mit Arbeit, Beharrlichkeit und Diskretion in die Geschichtsbücher gelaufen, ganz nach seiner Art … Heute will jeder wissen, wer der Mann ist, den man den „stillen Killer“ nennt.

Eine Familiengeschichte, tief verwurzelt in der Widerstandskraft

Sabastian Kimaru Sawe wurde am 16. März 1995 in Barsombe im kenianischen County Uasin Gishu geboren, im Herzen des Rift Valley. Eine Region, die in der Laufwelt natürlich jeder kennt. Um die Geschichte des Kenianers zu verstehen, muss man aber wahrscheinlich viel weiter zurückgehen. Weit vor London. Weit vor dem Marathon.

Sein Vater, Simion Sawe, ist Landwirt und gehört zum Volk der Nandi, einer prägenden Bevölkerungsgruppe im kenianischen Rift Valley. Die Nandi nehmen in der Geschichte Kenias einen besonderen Platz ein: Zwischen 1890 und 1906 leisteten sie lange Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Eine Kultur der Widerstandskraft, Eigenständigkeit und des Nichtaufgebens, die auch in den heutigen Generationen noch spürbar ist. Sein Großvater Musa Sitenei arbeitete in der Landwirtschaft. Schritt für Schritt rodete er das Land von Hand, bis ihm mehr als 150 Hektar Maisfelder gehörten. In der Familie wird diese Geschichte oft als Sinnbild für Arbeit, Geduld und Disziplin erzählt. Sawe hat ihn nie kennengelernt, doch diese Haltung zur Anstrengung prägte seine Kindheit nachhaltig.

Schon früh wird Sabastian vor allem von seiner Großmutter Esther, genannt „Koko“, großgezogen. Als seine Eltern in den County Nandi ziehen, um in der Landwirtschaft zu arbeiten, kehrt er mit seiner Schwester nach Cheukta zurück, um bei ihr zu bleiben. Noch heute spricht er oft von dieser Großmutter als der Person, die ihm seine wichtigsten Werte vermittelt hat: Dankbarkeit, Glaube, Ruhe und Disziplin.

Auch der Sport liegt in der Familie. Seine Mutter Emily Sawe war Sprinterin und gewann bereits in den 1990er-Jahren Schulwettkämpfe, bevor eine frühe Schwangerschaft ihre Karriere beendete. Seine andere Großmutter, Vivian Kimaru, soll bei den Olympischen Spielen 1972 in München über 800 und 1500 Meter angetreten sein. Sein Onkel Abraham Chepkirwok, eine wichtige Figur in seiner Entwicklung, vertrat Uganda bei den Olympischen Spielen in Peking über 800 Meter. Bei den Sawes war Laufen nie einfach nur Sport. Es war viel mehr als das.

In der Schule gilt Sawe als schüchtern und zurückhaltend. Einer, der nicht das Rampenlicht sucht. Wie es in Kenia vielerorts Tradition ist, läuft er jeden Tag. Zehn Minuten zur Schule und ein weiterer Lauf zurück nach Hause. Ein Lehrer, Julius Kemel, erkennt schnell sein Talent und ermutigt ihn, weiterzumachen. Doch damals ist eine Profikarriere für ihn nicht unbedingt realistisch …

𝟭𝗵𝟱𝟵'𝟯𝟬''. Weltrekord beim London-Marathon für Sabastian Sawe, in einer völlig verrückten Atmosphäre 🙌 pic.twitter.com/Gqy4Uk01Sl

— Eurosport France (@Eurosport_FR) 26. April 2026

Später Einstieg in die Weltspitze

Trotz des sportlichen Erbes seiner Familie deutete zunächst nichts auf eine derart außergewöhnliche Laufbahn hin. Jahrelang bleibt er unauffällig, schüchtern und weit weg vom Rampenlicht. Mehrere Saisons verbringt er in Iten, ohne wirklich den Durchbruch zu schaffen. Im März 2020 erleidet er seine schwerste Verletzung: Ein Sehnenriss zwingt ihn, mehrere Monate mit dem Laufen auszusetzen. Danach kehrt er ins Training zurück, doch wegen der Corona-Pandemie werden sämtliche Wettkämpfe abgesagt. In dieser Zeit sind die Zweifel groß. Manchmal denkt er sogar darüber nach, den Leistungssport aufzugeben und sich einen sichereren Job bei der Polizei oder beim Militär zu suchen, wie seine beiden Brüder Vivian und Ian, die beruflich deutlich stabiler dastehen.

Anders als die großen Namen der Leichtathletik kommt Sabastian Sawe nicht über die Bahn und den klassischen Nachwuchszirkus. Er sammelt keine Juniorentitel. Mit 20 stellt er keine spektakulären Zeiten auf. Doch mit harter Arbeit und Beharrlichkeit kommt der entscheidende Wendepunkt. In Iten fühlt sich Sawe nicht wohl, er braucht Veränderung. Sein ugandischer Onkel Abraham Chepkirwok bringt ihn mit dem italienischen Trainer Claudio Berardelli zusammen, der seit mehr als 20 Jahren in Kenia lebt. Sawe schließt sich daraufhin in Kapsabet einer neuen Trainingsgruppe an, dem 2running Club. Ein neues Abenteuer beginnt. Die Freude am Laufen kehrt zurück, und Sawe steigt schnell in die Spitzengruppe des Teams auf.

Dann kommt dieser beinahe unwirkliche Moment, der sein Leben verändern wird. Ein Schlüsselerlebnis in S awe s Aufstieg. 2022 wird er von seinem Trainer als Tempomacher für den Halbmarathon von Sevilla ausgewählt. Seine Aufgabe ist klar: Er soll die Führungsgruppe in 28:10 Minuten über die 10 Kilometer bringen. Kurz vor dem Abflug nach Spanien erfährt er jedoch, dass seine Großmutter Koko, die ihn großgezogen hat, schwer krank ist. Trotzdem fliegt er nach Europa, um sein erstes internationales Rennen zu erleben. Von Beginn an läuft Sawe deutlich schneller als geplant, als würde er seiner Großmutter ein Denkmal setzen. Mitten im Rennen stellt er fest, dass er inzwischen allein unterwegs ist. Die Gruppe hinter ihm kann nicht mehr folgen. Statt das Tempo herauszunehmen … läuft Sawe weiter und dominiert das Rennen. Er überquert als Erster die Ziellinie und stellt mit 59:02 Minuten einen Streckenrekord auf … obwohl er eigentlich nur als Tempomacher eingeteilt war. Wenige Tage später erliegt seine Großmutter Koko ihrer Krankheit …

Für seinen Trainer Berardelli ist der Durchbruch sofort erkennbar. Er versteht schnell, dass er einen außergewöhnlichen Athleten trainiert. „Er ist nicht nur ein guter Läufer. Er ist ein anderer Mensch “, sagt er später. Was alle beeindruckt, die mit Sawe arbeiten, ist nicht nur seine Physiologie. Es ist seine Haltung. Seine Ruhe. Seine Disziplin. Seine Bescheidenheit. Sein Glaube.

Rasanter Aufstieg im Marathon

Das Verrückteste an Sawes Geschichte ist die Geschwindigkeit, mit der alles passiert ist. Wenige Wochen nach Sevilla läuft er in Deutschland 26:54 Minuten über 10 Kilometer. In Brüssel verpasst er außerdem den Stundenweltrekord von Mo Farah nur knapp, als er in 60 Minuten mehr als 21,2 Kilometer zurücklegt. Seinen Ruf baut er sich jedoch vor allem in Kenia auf, bei den hochkarätigsten Rennen der Welt. Unter anderem gewinnt er die äußerst anspruchsvollen kenianischen Crosslauf-Meisterschaften, die wegen ihrer enormen Leistungsdichte oft als härter besetzt gelten als internationale Meisterschaften. Wenige Monate später startet er bei der Crosslauf-WM in Bathurst, Australien, und trägt mit einem starken siebten Platz zum Mannschaftstitel Kenias bei.

Dann kommt 2023, das Jahr, in dem sich Sawe endgültig unter den besten Läufern der Welt etabliert. In Riga gewinnt er nach einem perfekt eingeteilten Rennen den Halbmarathon-WM-Titel und führt Kenia zu einem historischen Dreifachsieg. Ein prägender Moment seiner Karriere. Zu diesem Zeitpunkt beginnt sein italienischer Trainer Claudio Berardelli zu begreifen, dass Sawe etwas Besonderes besitzt: die seltene Fähigkeit, nach einer Stunde Belastung noch zu beschleunigen, eine außergewöhnliche Laufökonomie und vor allem Nerven aus Stahl.

Erst 2024 entscheidet Berardelli, Sawe auf den Marathon umzustellen. In Valencia. Das ursprüngliche Ziel liegt bei etwa 2:03 oder 2:04 Stunden. Sawe läuft schließlich 2:02:05 Stunden und gewinnt das Rennen. Damit gelingt ihm der zweitschnellste Marathon-Einstand der Geschichte, nur zwölf Sekunden hinter Kelvin Kiptum. Die Marathonwelt hatte offiziell ihr neues Phänomen gefunden … Wenige Monate später gewinnt er in London. Dann in Berlin. Dann erneut in London, diesmal in 1:59:30 Stunden. Vier Marathons. Vier Siege. Bereits ein Weltrekord. Und vor allem schreibt er Geschichte als erster Mann, der unter offiziellen Bedingungen unter zwei Stunden läuft. Seine Leistung macht weltweit Schlagzeilen. Der Marathon hat eine neue Dimension erreicht, und Sawe ebenso. Wie Kiptum scheint er die außergewöhnliche Fähigkeit zu besitzen, auf den letzten Kilometern eines Marathons noch einmal zu beschleunigen. Stärker zu werden, wenn die anderen einbrechen. Seine zweite Halbmarathonhälfte in London, die er in 59:01 Minuten läuft, bleibt für immer im Gedächtnis. Noch nie war jemand einen Marathon so schnell gelaufen.

Das Leben in Kapsabet: Einfachheit, Höhe und Kilometer

Auch heute ist Sawes Alltag trotz seines Weltrekordstatus äußerst schlicht. Er trainiert in der Region um Kapsabet und Iten auf 2000 bis 2400 Metern Höhe, mitten unter den besten Marathonläufern der Welt. Die Tage folgen meist demselben Rhythmus. Frühes Aufstehen. Die erste Einheit vor Sonnenaufgang. Frühstück. Erholung. Am Nachmittag ein zweites, leichteres Training. Massage, Regeneration, Essen, Schlaf.

Ein typischer Alltag kenianischer Spitzenläufer. Nichts Extravagantes, keine übermäßige Öffentlichkeit. Menschen aus seinem Umfeld beschreiben einen Athleten, der sein gesamtes Leben beinahe obsessiv auf den Marathon ausrichtet. Er setzt auf hohe Umfänge und kommt in spezifischen Trainingsblöcken regelmäßig auf mehr als 200 Kilometer pro Woche. Vor allem aber scheint Sawe etwas zu besitzen, das bei ganz großen Marathonläufern selten ist: keine Angst. In London beschleunigt er bei Kilometer 30 auf Weltrekordkurs … und ist sich seiner Sache sicher. Diese Furchtlosigkeit erklärt vermutlich, warum sein Manager Eric Lilot ihn den „stillen Killer“ nennt. Im Alltag zurückhaltend. Auf der Straße gnadenlos.

Wer ist Sabastian Sawe, der erste Marathonläufer unter zwei Stunden? Kindheit in Kenia, Familie, Glaube, Training, Persönlichkeit und der rasante Aufstieg des neuen Marathonstars.© Dan King / Maurten

Eine neue Generation von Marathonläufern

Sawe steht auch für eine neue Generation von Marathonläufern. Eine Generation, die schnell auf die Straße und die langen Distanzen wechselt. Eine Generation außerdem, bei der nichts dem Zufall überlassen wird. Er erhält enorme Unterstützung von seinen Sponsoren, insbesondere adidas und Maurten, die alles daransetzen, den Athleten zu begleiten. Supershoes der neuesten Generation, abgestimmt auf seinen Laufstil. Höchst präzise Ernährung. Fortschrittliche physiologische Analysen. Kontrolle der Trainingsbelastung. Arbeit an der Laufökonomie. Dazu ein gezieltes Magen-Darm-Training, um während der Belastung mehr als 110 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufzunehmen. Der moderne Marathon gleicht inzwischen fast einem Leistungslabor. Und Sawe ist heute wahrscheinlich der Athlet, der diese Logik am weitesten treibt.

Zum Abschluss seines Jahres 2025 wurde er von World Athletics sogar zum „Nichtstadion-Leichtathleten des Jahres“ gewählt. Eine prestigeträchtige und einstimmige Auszeichnung nach seinen Siegen bei zwei Majors, in London und Berlin.

Entdecke den adidas Adizero Pro Evo 3: den 97 g leichten Superschuh, der Sabastian Sawe beim London-Marathon unter zwei Stunden brachte.© adidas

Sein Kampf gegen Doping

Wenn man über die Geschichte des Marathons und Kenias spricht, schwingt immer auch der Schatten des Dopings mit. Kenia steckt seit mehreren Jahren in einer schweren Krise, mit Dutzenden gesperrten Athleten. Sawe weiß das genau. Gemeinsam mit seinem Sponsor Adidas, seinem Manager und seinem Umfeld hat er bei der Athletics Integrity Unit (AIU) bewusst ein verschärftes Dopingkontrollprogramm eingerichtet. Das Ziel ist klar: Er will beweisen, dass er sauber ist. Vor dem Berlin-Marathon wurde er 25-mal kontrolliert. Das gab es in der Geschichte des Marathons noch nie. Sawe will die Dinge richtig angehen. „Doping ist in meinem Land zu einer Krebsgeschwulst geworden“, erklärte er nach seinem Weltrekord. Eine seltene klare Positionierung in diesem Umfeld. Und wahrscheinlich eine wichtige für das Image des heutigen Marathons.

Man könnte Sabastian Sawes Geschichte auf eine Zeit reduzieren … Doch hinter 1:59:30 steckt ein Kind aus dem Rift Valley, ein zurückhaltender Läufer, der sich lange fernab des Rampenlichts entwickelte, bevor er an die Weltspitze stürmte. Sein Weg erzählt von Geduld, Arbeit und jener kenianischen Kultur der Widerstandskraft. Seit dem 26. April 2026 und seinem Coup beim London-Marathon hat sein Leben eine neue Dimension erreicht. Ganz klar. Doch das Beeindruckendste ist: Mit gerade einmal vier Marathons scheint der „stille Killer“ noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen zu sein.

Entdecke Sabastian Sawes Ernährungsstrategie beim London-Marathon

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