So bereitete sich Sabastian Sawe auf 1:59:30 beim London-Marathon vor
© Andrew Baker / London Marathon Events

So bereitete sich Sabastian Sawe auf 1:59:30 beim London-Marathon vor

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Von Clément Laborieux

Veröffentlicht am Do., 10. September 2026

Aktualisiert am Do., 10. September 2026

Am 26. April 2026 in London fiel die wohl mythischste Schallmauer des Laufsports: Sabastian Sawe lief 1:59:30 über die Marathondistanz. Natürlich braucht es außergewöhnliches Talent, um 42,195 Kilometer lang 2:50 Minuten pro Kilometer zu laufen. Doch Talent allein reicht nicht. Hinter dieser historischen Leistung steckt vor allem eine bis ins kleinste Detail strukturierte Vorbereitung, entwickelt von seinem italienischen Trainer Claudio Berardelli. Das Faszinierende an Sawe: Sein Training verbindet zwei Welten perfekt, die kenianische Tradition des extrem hohen Umfangs und einen modernen, wissenschaftlich geprägten Leistungsansatz.

Claudio Berardelli, der Kopf hinter dem Coup

Sabastian Sawes Entwicklung lässt sich nicht analysieren, ohne über Claudio Berardelli zu sprechen. Der Italiener lebt seit mehr als zwanzig Jahren in Kenia und gilt als einer der besten Trainer des Landes. Er hat Athleten wie Emmanuel Wanyonyi, Benson Kipruto, Evans Chebet und Amos Kipruto auf ihrem Weg an die Weltspitze begleitet. Olympische Goldmedaillen, Weltmeistertitel und Siege bei den größten World Marathon Majors stehen in seiner Bilanz. Kurz gesagt: Berardelli hat einen beeindruckenden Leistungsausweis und führt Kenias beste Athleten in ihren Disziplinen nach oben, von 800 Metern bis zum Marathon.

Sein Ansatz ist ungewöhnlich. Anders als viele traditionelle kenianische Trainer ist Berardelli nicht in Kenia aufgewachsen und war in seiner Jugend auch kein herausragender Läufer. Er kommt aus dem Radsport, wandte sich aber bald dem Coaching zu und erwarb einen Masterabschluss in Sportwissenschaften an der Universität Mailand. Weil er die besten Läufer der Welt unterstützen wollte, zog er 2004 nach Kenia und ist dem Land seither treu geblieben. Er respektiert die kenianische Kultur zutiefst. Er ist mit einer Kenianerin verheiratet, hat zwei Kinder und spricht fließend Swahili. Die lokalen Traditionen und das kenianische Training hat er vollständig übernommen, aber modernisiert.

Für ihn stehen die kulturellen Grundlagen Kenias an erster Stelle: Ernährung, Zusammenhalt, Freude, Resilienz und natürlich das Laufen als Lebensstil. Im Trainingslager des 2 Running Club beginnt jeder Tag gleich: Die Athleten stehen früh auf, gehen laufen und essen anschließend gemeinsam. Natürlich wissen sie, warum sie hier sind. Doch das gemeinsame Erlebnis und die Freude am Training müssen über allem stehen. Entscheidend ist, dass die Athleten mentale Ruhe und finanzielle Sicherheit spüren, damit sie ihr Potenzial im Training ausschöpfen können.

Sawe gehört laut Berardelli zu den Besten, ist aber nicht nur physiologisch ein außergewöhnlicher Läufer. Ja, er verfügt über eine außergewöhnliche Genetik. Zum Marathon-Debüt 2:02:05 zu laufen, ist ein ziemlich eindeutiges Zeichen. Doch sein Trainer spricht oft von einem „anderen Athleten“, der eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, Belastungen zu verkraften, sich schnell zu regenerieren und vor allem auch bei fortgeschrittener Ermüdung ein enormes Tempo zu halten. Das Beunruhigendste daran? Sawe ist erst vier Marathons gelaufen. Seine Karriere über die Königsdistanz steht gerade erst am Anfang.

„Sabastian ist wie Lava, die im Berg noch immer brodelt. Was die Welt in London gesehen hat, war nur ein wenig Rauch“, erklärte er nach dem Weltrekord.

So bereitete sich Sabastian Sawe auf den ersten offiziellen Marathon unter zwei Stunden vor: Umfang, lange Läufe, Hügel, Trainingslager in Kenia, die Rolle von Trainer Claudio Berardelli und die Geheimnisse seiner Vorbereitung auf London 2026.© London Marathon Events

Training in einem Zehn-Tage-Zyklus

Einer der großen Unterschiede in Sawes Vorbereitung: Er orientiert sich nicht an der klassischen Sieben-Tage-Woche. Sein Training ist in einem Zehn-Tage-Zyklus organisiert. Die Idee dahinter ist simpel: Harte Einheiten werden besser verteilt, sodass er frischer in die Schlüsseltrainings geht und sich optimal regenerieren kann.

Während viele kenianische Spitzenmarathonläufer früher drei harte Einheiten pro Woche mit wenig Erholung absolvierten, meist dienstags, donnerstags und samstags, legt Berardelli mehr Abstand zwischen den entscheidenden Belastungen.

Ein typischer Trainingsblock sieht konkret so aus:

Tag 1

Langer Lauf (30 bis 40 km)

Tag 2

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Tag 3

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Tag 4

Fartlek oder kurze Intervalle (20 bis 25 km)

Tag 5

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Tag 6

Große Intervall-Einheit mit langen Wiederholungen

Tag 7

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Tag 8

Hügeleinheit (20 bis 25 km)

Tag 9

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Tag 10

Lockerer Lauf am Morgen (20 km), lockerer Lauf am Nachmittag (10 km)

Auffällig ist, wie viele lockere Kilometer Sawe mit seinen Doppeltagen sammelt. Oft stehen morgens 20 und abends weitere 10 Kilometer auf dem Plan. Während seiner Marathonvorbereitung kam er deshalb regelmäßig auf mehr als 200 Kilometer pro Woche. In der Spitze für den London-Marathon waren es sogar 240 Kilometer.

Völlig verrückte lange Läufe

Das ist wahrscheinlich der beeindruckendste Teil seiner Vorbereitung. Vor London absolvierte Sawe lange Läufe über 40 Kilometer in Tempi, die im Training beinahe absurd wirken. Im vergangenen Jahr, vor dem Berlin-Marathon, beendete er seine beiden letzten großen Läufe vor dem Rennen in 2:08 Stunden (3:12 min/km) und 2:04 Stunden (3:06 min/km). Dieses Jahr war er noch schneller: Seinen letzten 40-Kilometer-Lauf absolvierte er in 2:01:26 Stunden (3:02 min/km). Dabei darf man nicht vergessen, dass diese Belastungen auf mehr als 2.000 Metern Höhe stattfinden, wo entsprechend weniger Sauerstoff zur Verfügung steht.

Doch nicht nur das Tempo ist bemerkenswert. Entscheidend ist auch, wie er seine Einheiten beendet. Berardelli betonte diesen Punkt nach London immer wieder: Die gesamte Vorbereitung zielte darauf ab, Sawes muskuläre Ausdauer zu verbessern, also seine Fähigkeit, trotz Ermüdung ein sehr hohes Tempo zu halten. Der berühmte negative Split in London, 1:00:29 Stunden zur Hälfte und 59:01 Minuten für die zweite Hälfte, war kein Zufall. Seine komplette Vorbereitung war darauf ausgerichtet.

Was man aus Berardellis Methode mitnimmt, ist der Stellenwert der Erholung und der langen Läufe. Für ihn ist es entscheidend, frisch in diese Einheiten zu gehen, um möglichst schnell laufen zu können und den Trainingsreiz zu maximieren. Das unterscheidet sich von Eliud Kipchoges Training, bei dem der lange Lauf donnerstags stattfindet und zwischen den harten Einheiten nur ein Ruhetag liegt. Und es steht dem europäischen Ansatz entgegen, bei dem lange Läufe meist sonntags auf bereits von der Trainingswoche ermüdeten Beinen absolviert werden.

Wer ist Sabastian Sawe, der erste Mann, der einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden lief? Kindheit in Kenia, Familie, Glaube, Training, Persönlichkeit und der kometenhafte Aufstieg des neuen Marathonstars.© Dan King / Maurten

Nicht nur Ausdauer: Auch die Geschwindigkeit wird entwickelt

Lange Zeit trainierten viele kenianische Spitzenmarathonläufer vor allem an der Schwelle und im Marathon-Tempo. Sawe entwickelt dagegen weiterhin auch seine reine Geschwindigkeit. Regelmäßig stehen schnelle Fartleks und explosive Hügeleinheiten auf dem Programm. Wie bei den besten Mittelstreckenläufern der Welt umfassen manche seiner Einheiten bis zu 25 Wiederholungen über 80 Meter bergauf.

Das Ziel ist klar: die Laufeffizienz zu verbessern und auch nach zwei Stunden Belastung neuromuskuläre Power zu bewahren. Das erklärt wahrscheinlich seine Fähigkeit, am Ende des Rennens noch verheerende Beschleunigungen zu produzieren. In London war es wieder zu sehen: Nach Kilometer 30 zog er abrupt das Tempo an und trat auf der Zielgeraden noch einmal nach, um Kejelcha abzuschütteln.

Die Rolle des Trainingslagers in Kenia

Wie viele der besten Läufer der Welt lebt und trainiert Sawe im Rift Valley, in Kapsabet, auf mehr als 2.000 Metern Höhe. Doch mit dem Bild eines isoliert in den Bergen lebenden Läufers hat das wenig zu tun. Hier wird alles in der Gruppe gemacht. Berardellis Lager, der 2 Running Club, vereint mehrere Athleten der Weltklasse, die täglich gemeinsam trainieren. Diese Dichte sorgt für enormen Antrieb: Jeder treibt jeden im Training an.

Trotz seines Status als derzeit bester Marathonläufer der Welt bleibt Sawe dieser sehr einfachen kenianischen Kultur treu. Wenig Medienpräsenz, viel Training, sehr viel Erholung und ein Alltag, der sich um das Laufen und die einfachen Dinge dreht.

Moderner Ansatz, aber weiterhin erstaunlich simpel

An Sawes Vorbereitung beeindruckt die Verbindung aus ausgefeilter Planung und großer Einfachheit. Ja, er nutzt die besten Schuhe der Welt. Ja, seine Ernährung wird wissenschaftlich analysiert. Ja, Maurten und adidas arbeiten direkt mit seinem Team zusammen. Im Alltag bleibt sein Leben trotzdem bemerkenswert schlicht.

Laut Berardelli ernährt er sich weiterhin wie ein klassischer kenianischer Läufer: viel Ugali, das traditionelle Gericht aus Maismehl, das fast täglich auf dem Speiseplan steht. Um die monströsen Trainingsumfänge zu unterstützen, ergänzt das Team selbstverständlich moderne Supplementierung: Sportgetränke, Kohlenhydratgels und eine hochpräzise Ernährungsstrategie während Training und Wettkampf. Und am Morgen des London-Marathons? Zwei Scheiben Brot. Honig. Tee. Absolute Einfachheit. Eine echte Lektion fürs Leben.

Dass Sabastian Sawe als erster Mann einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden lief, ist nicht nur eine Geschichte über Talent. Hinter seiner historischen Leistung steckt vor allem die Arbeit von Claudio Berardelli, der in Kapsabet ein optimales Trainingsumfeld für ihn geschaffen hat. Eine intelligent konzipierte Vorbereitung: enormer Umfang, viele lockere Tage zur Verarbeitung der Belastung, monströse lange Läufe, Schwellentraining und explosive Hügeleinheiten, um Maximalgeschwindigkeit und Laufeffizienz zu entwickeln. Und das alles in einer kenianischen Kultur, in deren Zentrum Anstrengung, Resilienz, Gemeinschaft und Einfachheit stehen.

So sah Sabastian Sawes Ernährungsstrategie beim London-Marathon aus

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